9. Juni 2015, 08:05
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

“Kein Lebensversicherer möchte als erster einen Verlust ausweisen”

Michael Haid, Senior Analyst bei der MainFirst Bank AG, sprach im Cash.-Interview über die Lage der Lebensversicherer im Niedrigzinsumfeld und die besondere Rolle der stillen Reserven.

stille Reserven

“Kein Versicherer möchte als erster einen niedrigen Gewinn oder gar einen Verlust ausweisen, da er sofort die Aufmerksamkeit von Kunden, Vermittlern, der Konkurrenz, der Presse und der Aufsicht auf sich ziehen würde.”

Cash.: Eine aktuelle Studie der MainFirst Bank ist zu dem Ergebnis gekommen, dass immer mehr Lebensversicherer in die Verlustzone rutschen werden. Warum ist das so?

Haid: Lebensversicherer in Deutschland gewähren ihren Kunden langfristig Zinsgarantien, die dem Kunden jedes Jahr gutgeschrieben werden müssen. Eine Police, die zum Beispiel in 1995 abgeschlossen wurde und die ihrem Besitzer eine Mindestverzinsung von 4,0 Prozent gewährt, kann unter Umständen 50 Jahre und länger im Bestand eines Lebensversicherers sein.

Im jetzigen Niedrigzinsumfeld, mit Zinsen von deutlich unter einem Prozent bei deutschen zehnjährigen Staatsanleihen, laufen die Lebensversicherer die Gefahr, dass sie ihre Garantien, die im Branchendurchschnitt bei etwa 3,0 Prozent liegen, in Zukunft nicht mehr verdienen können – als Stichwort ist hier das Wiederanlagerisiko zu nennen.

Wie prekär stellt sich die Lage der Branche derzeit dar?

Wir gehen in unserem Modell davon aus, dass vier von zehn Lebensversicherer schon für das Geschäftsjahr 2014 Verluste schreiben. In unserem Modell ist das optimale Verhalten von Lebensversicherern über einen längeren Zeitraum modelliert – das heißt, der Lebensversicherer realisiert zur Finanzierung der Zinszusatzreserve gerade so viele Kapitalgewinne aus der Veräußerung von festverzinslichen Wertpapieren, dass das Kapitalanlageergebnis nicht negativ wird.

Können Sie dies näher erläutern?

Ironischerweise sind die stillen Reserven aus den festverzinslichen Wertpapieren der Lebensversicherer aufgrund des Niedrigzinsniveaus auf einem Rekordniveau – und es ist zu erwarten, dass die Lebensversicherer diese Reserven nutzen, um hohe Ergebnisse, das heißt Roherträge oder Gewinne, in den Gewinn- und Verlustrechnungen auszuweisen, was natürlich zulasten zukünftiger Ergebnisse geht.

Warum verhalten sich die Gesellschaften so?

Kein Versicherer möchte als erster einen niedrigen Gewinn oder gar einen Verlust ausweisen, da er sofort die Aufmerksamkeit von Kunden, Vermittlern, der Konkurrenz, der Presse und der Aufsicht auf sich ziehen würde. Erste Ergebnisse des Geschäftsjahres 2014 weisen in diese Richtung.

Die hohen stillen Reserven erlauben es den Lebensversicherern, ihre Probleme kurzfristig zu kaschieren. Die Probleme werden in zunehmendem Maße in Zukunft sichtbar werden. Die 16-jährige Übergangsfrist zur Einführung der Solvency II Regeln trägt entsprechend dazu bei, die Probleme in die Zukunft zu verlagern.

Interview: Lorenz Klein

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Cash.-Interviews mit Michael Haid, in dem er über mögliche Strategien spricht, die den Lebensversicherern im Niedrigzinsumfeld zur Verfügung stehen.

Foto: MainFirst Bank AG

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Diese Lebensversicherer überzeugen Kunden

Die Versicherungsbranche steckt im digitalen Wandel. Gleichwohl sind nicht alle Versicherungssparten gleich gut für die digitale Kundennähe gerüstet. Insbesondere in der Lebensversicherung fällt es noch schwer, die passenden Antworten auf die Kundenwünsche zu finden. Die neue Service Value-Vergleichsstudie zeigt, welche Lebensversicherer bei den Kunden überzeugen.

mehr ...

Immobilien

Erhaltungssatzung: Münchner Immobilienbesitzer sollten Status ihrer Immobilie prüfen

Experten der Hausbank München eG, von Rohrer Immobilien und der Anwaltskanzlei Wagensonner empfehlen aktuell oder zukünftig von der Erhaltungssatzung der bayerischen Landeshauptstadt betroffenen Immobilienbesitzern ihr Objekt einem Statuscheck zu unterziehen.

mehr ...

Investmentfonds

Und wo bleibt jetzt der Aktien-Crash?

Für Europa ist die Welt in Unordnung geraten. Die USA lassen uns links liegen. Auch von rechts, aus Asien kommt Ungemach. Ohne Scham zieht Peking Deutschland den industriellen Boden unter den Füßen weg. Die Halver-Kolumne

mehr ...

Berater

Aus für Thomas Cook in Deutschland

Vor knapp zwei Monaten stellte die deutsche Thomas Cook Insolvenzantrag. Jetzt herrscht Gewissheit. Für das Unternehmen als Ganzes gibt es keine Zukunft mehr.

mehr ...

Sachwertanlagen

Voigt & Coll. bringt Multi-Asset-Dachfonds mit Quadoro

Die V&C Portfolio Management GmbH & Co. KG, eine Beteiligung der Voigt & Coll. GmbH, hat die Vertriebszulassung der BaFin für ihren neuen Multi-Asset-AIF für Privatanleger erhalten.

mehr ...

Recht

Zwei Prozent sind genug

Die Bundesagentur für Arbeit wird in diesem Jahr voraussichtlich einen Überschuss von zwei Milliarden Euro verzeichnen. Der Bund der Steuerzahler fordert nun eine stärkere Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung und fordert zudem eine gesetzliche Kopplung von Beitragshöhe und Rücklage der Arbeitsagentur.

mehr ...