11. März 2016, 16:09
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

Wissenschaftler: Folgen des demografischen Wandels weit überschätzt

Die Folgen des demografischen Wandels werden weit überschätzt: So wird etwa die Anzahl der Pflegeplätze nicht so dramatisch steigen, wie gedacht. Diese Auffassung äußerte Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, im Gespräch mit dem Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA).

Straubhaar: Folgen des demografischen Wandels weit überschätzt

Die demografische Alterung finde zwar statt, so Straubhaar, das Medianalter wandere nach oben. “Aber die Alten von heute und morgen haben mit den Alten von gestern nur wenig zu tun. So findet zugleich eine Verjüngung statt”, erklärt der Ökonom.

Politik und Wissenschaft seien aufgefordert, die langfristigen Projektionen, mit denen die Entwicklung der Bevölkerung bis 2060 beschrieben würden, “viel behutsamer” zu verwenden, sagte Straubhaar. “Bei diesen Projektionen handelt es sich um sehr lange Zeiträume. 30, 40, 50 Jahre. In solch langen Zeitspannen, das lehrt die Geschichte, treten immer wieder brutale Brüche auf”, gibt der Volkswirt zu bedenken. Er verwies dabei auf Kriege, das Wirtschaftswunder und die Wiedervereinigung. Nur ein solcher Bruch genüge, damit die Entwicklung ihre Richtung änderte, so Straubhaar.

Straubhaar: Weniger Pflegeheimplätze nötig als gedacht

Weiter ging der Ökonom auf die aktuellen Flüchtlingsbewegungen ein. Entwicklungen wie diese seien eine entscheidende Größe für die Bevölkerungsvorausberechnungen: “Wir hatten Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, wir hatten einen Zustrom an Gast­arbeitern, 16 Millionen neue Bürger durch die Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der Sowjetunion löste die Rückkehr vieler Russlanddeutscher aus”, zählte der Forscher auf. “In den nächsten 45 Jahren wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ein oder zwei solche Ereignisse geben, die die heutigen Berechnungen zu Makulatur werden lassen.”

Entwarnung gibt Straubhaar zudem im Hinblick auf die wachsende Zahl von Pflegefällen in Deutschland: “Auch ich habe vor einigen Jahren die Auffassung vertreten, dass wir eine stark zunehmende Zahl von Plätzen in Pflegeheimen künftig benötigen werden. Das war nicht zu Ende gedacht. Die Anzahl der Pflegeplätze wird nicht so dramatisch steigen, wie man heute glaubt, weil die Dauer der Pflege pro Person nicht zunimmt. Der Zeitraum verschiebt sich nur nach hinten.”

Die demografische Alterung finde zwar statt, so Straubhaar, das Medianalter wandere nach oben. “Aber die Alten von heute und morgen haben mit den Alten von gestern nur wenig zu tun. So findet zugleich eine Verjüngung statt”, erklärt der Ökonom.

Entwarnung auch bei Fachkräftemangel

Darüber hinaus stellt der Wissenschaftler die Größenordnung des befürchteten Fachkräftemangels in Frage. Die Prognosen, die sich je nach Quelle in einer Spanne von drei bis 15 Millionen Personen bewegten, sind Straubhaar zufolge “nicht seriös”. Schon heute könnten sechs Millionen Menschen mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, ist der Ökonom überzeugt, wenn die notwendigen Bedingungen geschaffen würden. “Dieses zusätzliche Erwerbspotential bestünde, wenn die Arbeitskraft Älterer länger erhalten bliebe, wenn Menschen mit Migrationshintergrund auf die gleiche Weise in den Arbeitsmarkt eingebunden wären wie Menschen ohne Migrationshintergrund und wenn Frauen ebenso beschäftigt wären wie Männer”, folgert Straubhaar. (lk)

Das ausführliche Gespräch mit Prof. Thomas Straubhaar ist auf der DIA-Homepage nachzulesen.

Foto: Shutterstock

Ihre Meinung



 

Versicherungen

BRSG: Wie der Vertrieb seine Rolle stärker nutzen kann

Seit über einem Jahr setzt das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) Anreize für den Vertrieb, das Thema betriebliche Altersvorsorge (bAV) zu forcieren. Doch wie ist es um die Ausrichtung des Vertriebs bestellt? Ein Kommentar von Dr. Matthias Wald, Leiter Vertrieb bei Swiss Life Deutschland.

mehr ...

Immobilien

Neue Strategien fürs Energiesparen

32 Prozent der Heizungen in deutschen Kellern sind 20 Jahre oder älter. Sie verursachen höhere Heizkosten und stoßen mehr CO2 aus als moderne Geräte. Steigende Energiepreise sorgen seit Jahren für Frust bei Immobilienbesitzern. Doch der Staat unterstützt energetische Sanierungen mit Fördermitteln. Höchste Zeit, veraltete Anlagen zu ersetzen oder zu modernisieren.

mehr ...

Investmentfonds

NordLB: Finanzspritze verzögert sich – Umsetzung erst im 4. Quartal

Die Rettung der angeschlagenen Norddeutschen Landesbank (NordLB) mit einer vereinbarten Milliarden-Finanzspritze verzögert sich. Wie das Institut am Donnerstagabend in Hannover mitteilte, kann die bisher für das 3. Quartal geplante Umsetzung der Kapitalmaßnahmen erst im 4. Quartal dieses Jahres erfolgen.

mehr ...

Berater

Neuer Trend mit Potenzial: Design Thinking hilft Unternehmen, effizienter zu arbeiten

Die Entwicklung von neuen Ideen, Konzepten und Produkten gehört zu einem der schwersten Arbeitsprozesse. Auf Knopfdruck kreativ und innovativ zu sein, gelingt den wenigsten Menschen. Die Agile Coaches und Unternehmensberater des Darmstädter Unternehmens 4craft packen das Problem an der Wurzel: Für alle, egal ob Angestellten, Produktentwickler oder Führungskräfte, die in der Entwicklung neuer Produkte auf Granit beißen, bieten sie Workshops in Design Thinking an.

mehr ...

Sachwertanlagen

Speziell für Stiftungen und institutionelle Anleger: Vollregulierter Zweitmarktfonds mit günstigem Risikoprofil

Die Bremer Kapitalverwaltungsgesellschaft HTB Fondshaus bringt nach einer Reihe von Publikums-AIF erstmals einen Spezial-AIF für Stiftungen und institutionelle Anleger heraus. Neben sogenannten semiprofessionellen Anlegern können sich auch institutionelle Investoren ab einer Summe von 200.000 Euro am Spezial-AIF beteiligen.

mehr ...

Recht

Gesetzlicher Unfallschutz greift auch bei Probearbeit

Der Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung gilt auch an Probearbeitstagen. Das geht aus einem Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) in Kassel von Dienstag hervor.

mehr ...