Atradius warnt: Weltpolitische Krisen verschärfen Risiken für Industrie und Mittelstand

Foto: Smarterpix/TomasRagina
Die Spannungen steigen: Resiliente Lieferketten, eine stärkere Diversifikation und ein aktives Risikomanagement gewinnen damit weiter an Bedeutung.

Geopolitische Konflikte nehmen zu und erschweren die wirtschaftliche Planung. Nach Einschätzung des Kreditversicherers Atradius steigen damit auch die Risiken für deutsche Unternehmen, von Lieferketten über Energiepreise bis hin zur Finanzierung.

Der Jahresbeginn 2026 ist aus Sicht des internationalen Kreditversicherers Atradius von wachsenden geopolitischen Spannungen geprägt. Eingriffe der Vereinigten Staaten in Venezuela, neue Souveränitätsdebatten rund um Grönland, anhaltende Proteste im Iran sowie der ungelöste Konflikt zwischen China und Taiwan verändern die Rahmenbedingungen für den globalen Handel.

„Für Unternehmen wird Planbarkeit zunehmend zur Ausnahme. Geopolitische Entscheidungen können Lieferketten, Energieversorgung und Investitionsentscheidungen kurzfristig beeinflussen“, sagt Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius. Besonders betroffen seien stark international vernetzte Branchen, in denen politische Entwicklungen unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben können.

Nach Einschätzung des Kreditversicherers erhöhen die aktuellen Spannungen vor allem die Risiken für Finanzierung, Liquidität und Zahlungsfähigkeit deutscher Unternehmen. Die Unsicherheit erschwere Investitionsentscheidungen und belaste die Stabilität bestehender Geschäftsmodelle.

Energiemärkte und Kostenrisiken im Fokus

Die Entwicklungen in Venezuela zeigen nach Einschätzung von Atradius, wie stark politische Eingriffe die globalen Energiemärkte beeinflussen können. Zwar seien die direkten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Venezuela inzwischen gering, Unsicherheiten in ölproduzierenden Regionen erhöhten jedoch die Volatilität der Energiepreise.

Für energieintensive Branchen sowie Unternehmen mit hohen Transport- und Logistikkosten bedeutet dies zusätzlichen Kostendruck. Rund ein Drittel des Energiebedarfs der deutschen Wirtschaft entfällt auf Erdöl. „Kurzfristig bleiben die Auswirkungen auf Preise und Versorgung zwar begrenzt, langfristig verstärken geopolitische Eingriffe die Unsicherheit auf den Energiemärkten jedoch. Investitionen, Infrastruktur und politische Stabilität bleiben entscheidende Faktoren der Wirtschaft und genau hier steigt das Risiko“, erklärt Liebold.

Steigende Energiepreise und volatile Märkte erschweren nach Einschätzung von Atradius zudem die Kalkulation und erhöhen das Risiko sinkender Margen, insbesondere im industriellen Umfeld.

Industrie besonders verwundbar

Weitere geopolitische Spannungen betreffen nach Einschätzung von Atradius einen zentralen Bereich der globalen Wertschöpfung: die Halbleiterproduktion. Die wachsende militärische Präsenz der Volksrepublik China sowie die strategische Zurückhaltung der Vereinigten Staaten rücken Taiwan verstärkt in den Fokus.

Rund 90 Prozent der leistungsfähigsten Halbleiter werden dort gefertigt. Sie sind unverzichtbar für den Automobilbau, den Maschinenbau und die Elektronikindustrie. Diese Branchen zählen bereits heute zu den insolvenzanfälligsten Sektoren. Schon geringe Störungen der Halbleiterversorgung wirken sich spürbar auf Produktion, Lieferfähigkeit und Kostenstrukturen aus.

Ein mögliches Blockadeszenario Taiwans würde nach Einschätzung von Atradius komplexe globale Lieferketten empfindlich treffen und vor allem technologie- und exportorientierte Industrien unter Druck setzen. Unternehmen sollten sich daher frühzeitig mit alternativen Lieferstrategien, Lokalisierungsoptionen und einem erweiterten Risikomanagement befassen.

Finanzielle Stabilität unter Druck

Unabhängig vom jeweiligen Krisenherd gilt nach Einschätzung des Kreditversicherers: Je häufiger geopolitische Konflikte eskalieren, desto schwieriger wird die wirtschaftliche Planung. Dies spiegelt sich zunehmend in steigenden Nichtzahlungsmeldungen, einer höheren Sensibilität der Finanzmärkte gegenüber politischen Risiken sowie in stark schwankenden Rohstoffpreisen wider.

„Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass geopolitische Risiken kein Ausnahmezustand mehr sind, sondern Teil des wirtschaftlichen Alltags bleiben beziehungsweise sich noch verstärken können“, sagt Liebold. Besonders der industrielle Mittelstand stehe unter Druck, da Liquidität und Margen zugleich belastet würden.


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