Deutsche Bauindustrie: KI als Wettbewerbsfaktor in einem angespannten Markt

Google Cash. bei Google als bevorzugte Quelle markieren
Bauen wird immer stärker durch KI beeinflusst.
Foto: adobe.stock.com/sahrul
Künstliche Intelligenz könnte einzelne Prozesse in der deutschen Bauindustrie grundlegend verändern.

Die deutsche Bauindustrie gehört zu den am wenigsten digitalisierten Wirtschaftssektoren – und genau das macht sie zum Kandidaten für einen KI-getriebenen Effizienzsprung. Kreditversicherer Atradius sieht das größte Potenzial dort, wo Daten und Dokumente die Abläufe prägen.

Künstliche Intelligenz könnte einzelne Prozesse in der deutschen Bauindustrie grundlegend verändern. Und das in einer Branche, die bislang zu den digitalisierten Schlusslichtern unter den Wirtschaftssektoren zählt. Der internationale Kreditversicherer Atradius sieht darin weniger eine Bedrohung als eine strukturelle Chance. „KI baut kein Haus, noch nicht, aber in manchen Bereichen liegt sie deutlich über der menschlichen Leistungsfähigkeit“, sagt David Engelhardt, Manager Risk Services bei Atradius. Gerade in einem angespannten Marktumfeld könnte die Technologie damit zu einem relevanten Wettbewerbsfaktor werden.


Das könnte Sie auch interessieren:

Den größten Hebel sieht Atradius dort, wo Bauprozesse besonders daten- und dokumentenintensiv sind: in Planung, Kalkulation, Ausschreibung und Baustellenkontrolle. „Der potenzielle Hebel für KI-Anwendungen dürfte in der Bauwirtschaft größer sein als in vielen anderen Sektoren“, so Engelhardt. Bereits heute kann KI Entwurfsvarianten und Visualisierungen in kurzer Zeit erstellen und hunderte Konzepte anhand von Vorgaben wie Baurecht, Bauvolumen oder Energieeffizienz prüfen.

Auch im administrativen Bereich sind die Potenziale erheblich. Leistungsverzeichnisse, Angebote, Nachträge, Rechnungsprüfung und Bauakten müssen erstellt, geprüft und laufend aktualisiert werden. KI-gestützte Anwendungen können Kalkulationen unterstützen, Rechnungen automatisiert prüfen oder Baustellen per Foto- und Sensordaten dokumentieren. Drohnen, Kameras und Sensoren liefern zudem wachsende Datenmengen, die KI für Fortschrittskontrolle, Qualitätssicherung und Arbeitssicherheit auswerten kann.

KI-Agenten, Roboter und digitale Zwillinge

Über kurzfristige Effizienzgewinne hinaus könnte KI die Bauwirtschaft auch strukturell verschieben. Bau-Roboter könnten künftig einfache Tätigkeiten übernehmen und helfen, den Fachkräftemangel abzufedern. KI-Agenten könnten Abläufe zwischen Büro und Baustelle koordinieren – von der Angebotserstellung über die Terminplanung bis zur Abstimmung mit Subunternehmen. Digitale Zwillinge könnten Risiken wie Witterungseinflüsse, Lieferverzögerungen oder Kostenüberschreitungen früher sichtbar machen.

„Der Engpass liegt weniger in der Technologie als vielmehr bei Daten, Kompetenz und Regulierung“, sagt Engelhardt. „Die aktuellen Effizienzgewinne sind bereits Gegenwart. Der strukturelle Umbruch dürfte in den nächsten fünf Jahren an Dynamik gewinnen.“

Diese technologische Perspektive trifft auf eine Branche, die sich nach mehreren schwierigen Jahren zwar stabilisiert, aber weiter unter Druck steht. Inflation, Fachkräftemangel, hohe Materialkosten und Kreditrisiken belasten den Sektor. Im Wohnungsbau gibt es allerdings erste positive Signale: Im Juni 2026 genehmigten die Behörden den Bau von 21.600 Wohnungen, 13,8 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Im ersten Halbjahr wurden insgesamt 126.300 Wohnungen genehmigt.

Insolvenzen: Größere Unternehmen zunehmend betroffen

„Insgesamt ist ein Aufwärtstrend zu erkennen, dabei muss man allerdings bedenken, dass wir von einem sehr niedrigen Bauvolumen in den Vorjahren kommen“, so Engelhardt. Stützende Impulse kommen aus dem Tiefbau – etwa durch Schieneninfrastruktur, Energie- und Wärmenetze, Leitungstiefbau, Rechenzentren sowie Brücken- und sonstige Infrastrukturprojekte. Nur der Straßenbau entwickelt sich schwächer; das Infrastruktur-Sondervermögen hat nach Einschätzung der Branchenverbände bislang noch keinen breiten Effekt in den Auftragsbüchern ausgelöst.

Die Insolvenzsituation bleibt angespannt. Zwischen Januar und Mai 2026 wurden in Deutschland 735 Insolvenzen in der Bauwirtschaft gezählt, nach 744 Fällen im Vorjahreszeitraum. „Wir sehen allerdings bei den Einzelinsolvenzen deutlich höhere Schadenssummen, was darauf hindeutet, dass zunehmend größere Unternehmen betroffen sind“, sagt Engelhardt. Auch die Nichtzahlungsmeldungen bei Atradius stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,2 Prozent.

Für 2026 rechnet Atradius insgesamt mit einem Rückgang der deutschen Bauproduktion um 1,6 Prozent – ein geringeres Minus als in den Vorjahren, als die Bauproduktion 2024 um 3,7 Prozent und 2025 um 3,4 Prozent zurückging. Belastend wirken weiterhin schwaches Wirtschaftswachstum, hohe Energiepreise, komplexe Genehmigungsverfahren, gestiegene Baustoffpreise und der anhaltende Fachkräftemangel.

Erholung ab 2027 erwartet

Ab 2027 erwartet Atradius eine spürbare Erholung. Der durch das Sondervermögen der Bundesregierung geschaffene finanzielle Spielraum dürfte allmählich Wirkung zeigen. „Wir gehen davon aus, dass sich die deutsche Bauproduktion in den Jahren 2027 und 2028 um jährlich fünf Prozent erholen wird, mit robusten Wachstumsraten in allen Teilbereichen“, sagt Engelhardt.


Top-Ergebnisse bei Markt-Mediastudien


Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments