Rentenalter: Studie stellt Kopplung an Lebenserwartung infrage

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Ältere und jüngere Berufstätige im Büroalltag, symbolisch für die Debatte um das Rentenalter und Arbeitsfähigkeit.
Bild: KI-generiert mit OpenAI
Nicht das Alter allein entscheidet über die Arbeitsfähigkeit – Bildungsgrad und Berufsbelastung wirken laut Studie stärker als bislang angenommen.

Die Bundesregierung will das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln. Eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover widerspricht dem zentralen Argument: Jüngere Erwerbstätige werden nicht gesünder, sondern kränker. Was das für Reform, Beratung und Vorsorge bedeutet.

Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung hat am 23. Juni 2026 ihren Abschlussbericht mit 33 Empfehlungen vorgelegt. Kernstück ist die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung: Nach 2031 soll die Regelaltersgrenze im Verhältnis zwei zu eins zwischen Erwerbs- und Rentenphase steigen. Ein Jahr gewonnene Lebenserwartung bedeutet demnach acht Monate längere Arbeitszeit und vier Monate längeren Rentenbezug. Auf Basis der aktuellen Annahmen des Statistischen Bundesamtes ergäbe das zwischen 2031 und 2041 einen Anstieg der Regelaltersgrenze von 67 auf rund 67,5 Jahre. Nach bisherigem Diskussionsstand wäre der Geburtsjahrgang 1965 der erste betroffene Jahrgang.

Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas wollen das Gesamtpaket ohne inhaltliche Abstriche umsetzen. Der Koalitionsausschuss hat den Bericht am 2. Juli 2026 gewürdigt, das Gesetzgebungsverfahren soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Zusätzlich empfiehlt die Kommission, die abschlagsfreie „Rente mit 63″ für besonders langjährig Versicherte abzuschaffen.

Genau in diese Debatte platzt nun eine Studie, die die zentrale Prämisse der Reform infrage stellt: dass Menschen tatsächlich so lange gesund genug bleiben, um länger zu arbeiten.

Neue Studie stellt die Reformlogik infrage

Ein Team um Dr. Juliane Tetzlaff von der Medizinischen Hochschule Hannover hat im Rahmen eines dreijährigen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts untersucht, wie sich die gesunde Lebenserwartung im erwerbsfähigen Alter entwickelt hat.

Das zentrale Ergebnis überrascht selbst die Autorinnen: Gerade im jüngeren Erwerbsalter verschlechtert sich die Gesundheit im Zeitverlauf. Zwischen 18 und 44 Jahren nimmt die Zahl der Lebensjahre in guter subjektiver Gesundheit ab, während gleichzeitig Muskel-Skelett-Erkrankungen zunehmen. Diese Erkrankungen verursachen bereits heute einen erheblichen Teil der Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland. Für die krankheitsspezifischen Trends wertete das Team zusätzlich Abrechnungsdaten der AOK Niedersachsen von mehr als drei Millionen Versicherten aus den Jahren 2005 bis 2018 aus.

„Insgesamt zeigt unsere Studie, dass die gesundheitliche Entwicklung oft nicht mit dem Anstieg der Lebensarbeitszeit Schritt hält“, wird Tetzlaff in der Pressemitteilung der Hochschule zitiert. Und weiter: „Die Ergebnisse sind teilweise besorgniserregend und deuten darauf hin, dass die Erwerbsbevölkerung nicht nur aufgrund der Bevölkerungsalterung, sondern auch aufgrund der sich verschlechternden Gesundheit zurückgehen könnte.“

Wer besonders betroffen ist

Die Studie zeigt zudem ein deutliches Bildungs- und Belastungsgefälle. Menschen mit höherem Bildungsniveau profitieren zwischen 30 und 69 Jahren von einem Anstieg gesunder Jahre und haben im Schnitt deutlich mehr gesunde Lebensjahre zu erwarten als Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen. Diese Ungleichheit hat sich seit Mitte der 2000er-Jahre sogar verschärft. Berufe mit hoher physischer oder psychosozialer Belastung sind entsprechend mit weniger gesunden Erwerbsjahren verbunden, sowohl bei körperlicher als auch bei mentaler Gesundheit.

Als mögliche Ursachen für den negativen Trend bei Jüngeren nennt Tetzlaff eine Zunahme von Adipositas-Fällen sowie belastende Veränderungen der Arbeitswelt, etwa häufigere Arbeitsplatzwechsel oder Arbeitsverdichtung mit wenig Pausen. Als Konsequenz fordert die Wissenschaftlerin einen Ausbau der Prävention, der deutlich früher ansetzen müsse: „Präventionsprogramme setzen derzeit noch zu oft erst im höheren Lebensalter an, wenn bereits gesundheitliche Einschränkungen vorliegen.“

KonzeptBedeutung
MorbiditätskompressionGewonnene Lebensjahre werden überwiegend gesund verbracht, die kranke Lebensphase verkürzt sich relativ
MorbiditätsexpansionGewonnene Lebensjahre gehen überwiegend mit chronischer Krankheit einher, die kranke Phase verlängert sich absolut und relativ

Die MHH-Studie liefert für jüngere Erwerbsjahrgänge Hinweise auf eine Expansion bei Muskel-Skelett-Erkrankungen, während sie bei Krebs und koronaren Herzerkrankungen eher eine Kompression beobachtet. Das Gesamtbild bleibt damit uneinheitlich. Der Wiener Demograf Marc Luy hat 2024 zudem darauf hingewiesen, dass Kennzahlen der gesunden Lebenserwartung methodisch sensibel auf Definitions- und Datenfragen reagieren und Trendaussagen deshalb vorsichtig interpretiert werden sollten.

Amtliche Zahlen bestätigen den Trend

Auch unabhängig von der MHH-Studie liefert das Robert Koch-Institut Zahlen, die die Debatte um das Rentenalter einordnen helfen. Nach den jüngsten verfügbaren Daten lag die Zahl gesunder Lebensjahre ab Geburt in Deutschland 2023 bei 57,1 Jahren für Frauen und 56,7 Jahren für Männer. Zwischen 2019 und 2023 ist das ein Rückgang um rund zwei Jahre bei Frauen und gut drei Jahre bei Männern. Ab dem 65. Lebensjahr war 2023 eine verbleibende gesunde Lebenszeit von 10,2 Jahren bei Frauen und 9,0 Jahren bei Männern zu erwarten, bei Männern ein Rückgang gegenüber 9,7 Jahren im Jahr 2019.

Diese RKI-Zahlen beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung und sind methodisch nicht direkt mit den Werten der MHH-Studie zur Erwerbsbevölkerung vergleichbar. Sie deuten aber unabhängig davon in dieselbe Richtung: Die gesunde Lebenszeit wächst nicht automatisch im Gleichschritt mit der reinen Lebenserwartung, teilweise sinkt sie sogar in absoluten Zahlen.

Zur Einordnung: Das durchschnittliche tatsächliche Renteneintrittsalter lag 2024 bei 64,7 Jahren, während die gesetzliche Regelaltersgrenze bereits auf 66,2 Jahre gestiegen war. Die Lücke zwischen gesetzlichem und tatsächlichem Renteneintritt bleibt also groß – ein Umstand, der bei jeder weiteren Anhebung des Rentenalters berücksichtigt werden muss.

ZeitpunktEreignis
2007Bundestag beschließt das RV-Altersgrenzenanpassungsgesetz („Rente mit 67″)
2012 bis 2029Schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre
2031Regelaltersgrenze erreicht für alle ab 1964 Geborenen dauerhaft 67 Jahre – geltendes Recht
23. Juni 2026Alterssicherungskommission übergibt Abschlussbericht mit 33 Empfehlungen
4. August 2026MHH veröffentlicht Studie zur sich verschlechternden Gesundheit jüngerer Erwerbstätiger
Nach 2031Regelaltersgrenze soll vorbehaltlich der Gesetzgebung im Verhältnis zwei zu eins an die Lebenserwartung gekoppelt werden, Anstieg auf rund 67,5 Jahre bis 2041
Bis Ende 2026Geplanter Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens

Journalistische Berichte gehen unterschiedlich mit dem genauen Startjahr um: Die Bundesregierung selbst spricht in ihrem offiziellen FAQ von einer Anpassung „nach 2031″, andere Quellen konkretisieren dies auf „ab 2032″. Modellrechnungen einzelner Medien, die den Automatismus über 2041 hinaus fortschreiben, sind keine beschlossene Politik, sondern rechnerische Fortschreibungen der Zwei-zu-eins-Formel und sollten entsprechend eingeordnet werden.

Seite 2: Reaktionen; Konsequenzen für Berater, Vermittler und Anleger

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