Der Zusammenhang zwischen Klimarisiko und Kreditkosten ist für Unternehmen längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Der Bank Lending Survey der Europäischen Zentralbank zeigt: Banken vergeben Kredite bereits heute nicht mehr klimaneutral. Grüne und transformationsbereite Firmen kommen leichter an Finanzierung, während Institute die Konditionen für besonders emissionsintensive Unternehmen verschärfen. Ab 2027 verstärkt die EZB diesen Trend zusätzlich, mit einem neuen Klimafaktor für Bankkredite als Sicherheit. Der mindert deren Sicherheitswert und betrifft damit fast 29 Prozent aller bei der Notenbank hinterlegten Sicherheiten. Für Berater und institutionelle Anleger mit Engagement in emissionsintensiven Branchen wird das Thema damit greifbar.
Unternehmen bremsen bei Klimainvestitionen
Dass deutsche Unternehmen bei Klimainvestitionen zögern, ist keine Vermutung, sondern durch die jüngste Ifo-Konjunkturumfrage belegt. Im Schnitt entfielen 2025 auf Klimaschutzmaßnahmen 9,3 Prozent der Unternehmensinvestitionen. Für 2026 planen die Firmen 10,6 Prozent, für 2027 sinkt der Anteil laut Umfrage sogar wieder leicht auf 10,5 Prozent. Ifo-Forscher Gerome Wolf wertet das als ausbleibende nennenswerte Steigerung – ausgerechnet in einer Phase, in der klimafreundliche Investitionen aus seiner Sicht besonders wichtig wären. Als Gründe nennt das Institut sinkende Exportwettbewerbsfähigkeit, geopolitische Unsicherheit und die ungeklärte Zukunft des CO2-Preises.
Auffällig ist der Blick auf einzelne Branchen: Das verarbeitende Gewerbe, zugleich die emissionsintensivste Branche, investiert mit 8,8 Prozent unterdurchschnittlich in den Klimaschutz. Dienstleister kommen dagegen auf 12,2 Prozent. Was die Ifo-Umfrage nicht zeigt: Banken und Aufsicht bewerten genau diese Zurückhaltung zunehmend als Risikofaktor – mit spürbaren Folgen für Klimarisiko und Kreditkosten.
Banken differenzieren längst zwischen grün und klimaträge
Der Bank Lending Survey der EZB, den rund 150 Banken im Euroraum quartalsweise beantworten, liefert dazu belastbare Zahlen. Zwischen 2023 und 2025 lockerten die Institute per saldo ihre Kreditvergabestandards für grüne Unternehmen, und zwar netto 20 Prozent der befragten Banken. Auch für Firmen im Übergang zur Klimaneutralität lockerten sie die Standards, hier waren es netto 13 Prozent. Für besonders emissionsintensive Unternehmen verschärften sie die Standards dagegen deutlich, und zwar netto 35 Prozent. Sowohl Transformations- als auch physische Klimarisiken wirkten im Beobachtungszeitraum tendenziell verschärfend.
Parallel dazu veränderte sich die Nachfrage: Grüne und transformationsbereite Firmen fragten mehr Kredite nach, vor allem für Investitionen in Maschinen und Gebäude. Bei emissionsintensiven Unternehmen blieb die Nachfrage dagegen gedämpft – einen Teil davon führt die EZB auf Unsicherheit über künftige Klimaregulierung zurück. Allerdings erwartet die Notenbank selbst, dass sich der verschärfende Effekt von Transformationsrisiken künftig wieder abschwächt. Das deutet auf verbleibende Unsicherheit in der eigenen Einschätzung hin.
Der stille Hebel im EZB-Sicherheitenrahmen
Deutlich weitreichender als die Kreditvergabestandards ist ein aufsichtlicher Beschluss vom 29. Juli 2025: Die EZB führt einen Klimafaktor in ihren Sicherheitenrahmen ein, der den Wert von Vermögenswerten mindert, die Banken als Sicherheit für Refinanzierungsgeschäfte hinterlegen. Für Unternehmensanleihen gilt die Regel bereits ab dem zweiten Halbjahr 2026 – sie machen jedoch nur rund zwei Prozent der EZB-Sicherheiten aus.
Der eigentliche Hebel zwischen Klimarisiko und Kreditkosten folgt deshalb erst später. Frühestens Ende 2027 weitet die EZB den Klimafaktor auf Kreditforderungen aus, also auf Bankkredite als Sicherheit. Damit erfasst die Regel rund 29 Prozent des gesamten Sicherheitenpools. Der maximale Bewertungsabschlag liegt bei fünf Prozent, kalibriert über Branchendaten aus dem Klimastresstest 2024, einen klimabezogenen Score sowie die Restlaufzeit der Forderung. Besonders betroffen sind Kreditportfolios in der Stahl-, Zement- und fossilen Energiewirtschaft. Die lange Übergangsfrist begründet die EZB damit, dass vor allem kleineren Banken Zeit für eine belastbare Datenbasis zu ihren – oft ebenfalls kleineren – Firmenkunden fehlt.
| Sicherheitenart | Anteil am EZB-Sicherheitenpool | Anwendung ab | Maximaler Bewertungsabschlag |
|---|---|---|---|
| Unternehmensanleihen (marktfähige Sicherheiten) | rund zwei Prozent | 2. Halbjahr 2026 | bis zu fünf Prozent |
| Bankkredite (Kreditforderungen) | rund 29 Prozent | frühestens Ende 2027 | bis zu fünf Prozent |
Für Banken bedeutet ein niedrigerer Sicherheitenwert weniger Liquidität aus Refinanzierungsgeschäften – und zwar für genau jene Kreditportfolios, die stärker vom Klimarisiko betroffen sind. Naheliegend ist deshalb, dass Institute diesen Effekt mittelfristig an klimariskobehaftete Firmenkunden weitergeben. Belastbare eigene Prognosen der Banken dazu liegen allerdings noch nicht vor.
Ratingagenturen und Aufsicht hinken der Entwicklung hinterher
Trotz wachsender Datenlage bewerten die großen Ratingagenturen Klimarisiken bislang zurückhaltend. Das zeigt eine Auswertung des Thinktanks IEEFA, die auf Veröffentlichungen der Agenturen selbst basiert. Demnach machten Klima- und Transformationsrisiken 2024 nur rund ein Fünftel der ESG-bezogenen Ratingaktionen von S&P aus. Bei Moody’s waren es rund ein Viertel. Bei S&P dominierten stattdessen Governance-Faktoren mit 77 Prozent der Fälle.
Auch die offiziellen EU-weiten Bankenstresstests bilden Klimarisiko bislang nicht eigenständig ab. Das ist ein Indiz dafür, dass die systematische Bewertung von Klimarisiko und Kreditkosten branchenweit noch am Anfang steht. Berater sollten sich deshalb nicht allein auf Ratings verlassen, wenn sie Transformationsrisiken bei Firmenkunden einschätzen.
Deutscher Mittelstand spürt den Wandel im Kreditgespräch
Auch abseits von Notenbank und Ratingagenturen wird Nachhaltigkeit im Kreditgespräch spürbar wichtiger. Das zeigt eine KfW-Research-Auswertung vom Januar 2026, die auf einer Befragung von rund 13.000 Mittelständlern zwischen Februar und Juni 2025 basiert. Demnach berichteten 37 Prozent der größeren Unternehmen ab 50 Beschäftigten 2024 von Nachhaltigkeitsfragen in Kreditverhandlungen, drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Bei mittleren Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten waren es 24 Prozent, bei Kleinstunternehmen nur zwölf Prozent.
Gleichzeitig wächst der Finanzierungsbedarf deutlich. Die Klimaschutzinvestitionen des Mittelstands stiegen laut KfW von 27 auf 35 Milliarden Euro zwischen 2021 und 2023. Die durchschnittliche Investitionssumme je Unternehmen kletterte im selben Zeitraum von 44.000 auf 146.000 Euro. Dabei verschiebt sich auch der Finanzierungsmix: Der Anteil der Bankkredite stieg von 24 auf 29 Prozent, während Eigenmittel von 51 auf 46 Prozent zurückgingen. Rund 36 Prozent der Mittelständler nennen fehlende finanzielle Mittel als Investitionshemmnis – bei besonders energieintensiven Unternehmen sind es sogar 56 Prozent.
Klimarisiko und Kreditkosten: Was Berater und Anleger jetzt beachten sollten
Wie früh sich Klimarisiko und Kreditkosten in der Breite des Marktes verbinden, zeigt ein Blick auf die Aufsicht. Die BaFin hat dazu ihren Bericht „Risiken im Fokus 2026” veröffentlicht. Demnach sehen erst zehn Prozent der befragten Banken einen wesentlichen Einfluss physischer Klimarisiken auf ihre Hauptrisikoarten. Bei Versicherern sind es dagegen 50 Prozent. Als Grund nennen 70 Prozent der Banken fehlende Daten. Die Aufsicht erwartet dennoch mehr Eigeninitiative. Institute sollen vorhandene öffentliche Datenquellen wie Geodatenbanken oder Hochwasserkarten stärker nutzen, statt sich pauschal auf Datenmangel zu berufen.
Für Berater von Firmenkunden folgt daraus eine klare Aufgabe. Wer Mandanten aus emissionsintensiven Branchen betreut, sollte frühzeitig auf eine belastbare Klima- und Transformationsdatenbasis hinwirken. Die EZB-Regeln greifen dafür erst 2027, die Vorbereitung braucht jedoch Zeit. Vermögensverwalter und institutionelle Anleger mit Engagements in Unternehmensanleihen oder -krediten aus Stahl-, Zement- oder Energiesektor sollten zudem die Transformationsfortschritte der jeweiligen Emittenten im Blick behalten. Denn Bewertungsabschläge im EZB-Sicherheitenrahmen können sich mittelfristig auf Refinanzierungskosten auswirken. Wer für Firmenkunden zusätzlich Sustainability-Linked Loans prüft, sollte dabei genau auf die Qualität der vereinbarten Kennzahlen achten.
Was ist ein Sustainability-Linked Loan?
Ein Sustainability-Linked Loan, kurz SLL, ist ein Unternehmenskredit, dessen Zinsmarge über einen Step-up- oder Step-down-Mechanismus an vorab vereinbarte Nachhaltigkeitskennzahlen gekoppelt ist. Anders als beim zweckgebundenen Green Loan darf der Kreditbetrag frei verwendet werden – entscheidend ist allein das Erreichen der Ziele. Der Verpackungshersteller Klöckner Pentaplast koppelte beispielsweise einen Kredit über 1,2 Milliarden Euro an drei Kennzahlen: Recyclingmaterialanteil, Treibhausgasreduktion und Frauenanteil in Führungspositionen. Je erreichtem oder verfehltem Ziel verschiebt sich die Marge um 2,5 Basispunkte, maximal um 7,5 Basispunkte.
Kritiker, darunter die britische Finanzaufsicht FCA, bemängeln vielerorts zu weiche oder intransparente KPIs. In der Folge ist das weltweite SLL-Emissionsvolumen von seinem Höchststand deutlich zurückgegangen.












