Der Industrieversicherungsmarkt hat nach mehreren Jahren harter Bedingungen die Wende vollzogen. In vielen Sparten stehen Unternehmen wieder mehr Kapazitäten zur Verfügung, während Prämien stabil bleiben oder sinken. Zu diesem Befund kommt der Südvers Marktmonitor 2026/27, den der Freiburger Risiko- und Versicherungsmakler heute veröffentlicht hat. Auf 66 Seiten analysieren Fachleute der Südvers-Gruppe die Entwicklungen in den Versicherungs- und Vorsorgemärkten und geben Unternehmen Orientierung für ihre strategischen Entscheidungen.
„Nach mehreren Jahren einer ausgeprägten Hartmarktphase beobachten wir in vielen Versicherungssparten eine deutliche Marktentspannung. Unternehmen mit hoher Risikotransparenz, professionellem Risikomanagement und guten Schadenverläufen profitieren zunehmend von besseren Marktbedingungen“, sagt Florian Karle, Geschäftsführender Gesellschafter bei Südvers.
Die Marktentwicklung verläuft jedoch nicht gleichförmig. Besonders deutlich zeigt sich die Entspannung in der Sachversicherung: Nach einem vergleichsweise ruhigen Schadenjahr 2025, in dem Großschadenereignisse im Bereich der Elementarschäden weitgehend ausblieben, profitieren Versicherer von spürbarer Ergebnisentlastung.
Pauschale Prämienerhöhungen gehören der Vergangenheit an – an ihre Stelle tritt eine differenzierte Risikobetrachtung, bei der gute Risiken von Stabilität oder selektiven Entlastungen profitieren, während anspruchsvolle Betriebsarten weiterhin unter restriktiver Zeichnungspolitik stehen. Ein wesentlicher Treiber des Wandels ist der Technologieeinsatz: Künstliche Intelligenz ist mittlerweile vom Pilotstatus in den operativen Underwriting-Alltag übergegangen, Risikomodelle werden präziser und Angebotsprozesse schneller.
Risiken lassen sich nicht mehr isoliert betrachten
Eine zentrale Erkenntnis des Marktmonitors betrifft die Struktur der Risikolandschaft selbst. Geopolitische Spannungen, Cyberangriffe, regulatorische Eingriffe und Lieferkettenunterbrechungen beeinflussen sich zunehmend gegenseitig. Klassische Einzelbetrachtungen greifen damit zu kurz. Strategische Risiken verändern Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten, operative Risiken wirken unmittelbar auf Prozesse und Standorte, Transformationsrisiken durch regulatorische Anforderungen oder Nachhaltigkeitserwartungen kommen hinzu.
„Unternehmen können ihre Versicherungsstrategie nicht mehr allein an Prämienentwicklungen ausrichten. Entscheidend ist, Risiken in ihrer Gesamtheit zu verstehen, ihre Auswirkungen auf das Geschäftsmodell zu bewerten und geeignete Steuerungsmaßnahmen abzuleiten. Versicherbarkeit wird zunehmend zum Ergebnis einer vorausschauenden Unternehmensführung“, sagt CEO Ralf Bender.
Die Publikation trägt dieser Entwicklung Rechnung und bezieht neben klassischen Versicherungssparten auch Themen wie Risk Engineering, betriebliche Altersversorgung, Mitarbeiter-Benefits und internationale Versicherungsprogramme ein. Der Marktmonitor richtet sich damit explizit an Unternehmen, die Risikomanagement als strategische Führungsaufgabe verstehen. Im Bereich Risk Engineering unterstreicht die Einführung der neuen Brandklasse „L“ für Lithium-Brände durch die europäische Richtlinie ISO 3941 im Januar 2026, wie schnell technologische Entwicklungen neue Schutzkonzepte erfordern: Mit der wachsenden Verbreitung von Lithium-Ionen-Akkus in Elektrofahrzeugen und stationären Energiespeichern verschärfen sich die Anforderungen an Brandschutz, Lagerung und Ladeinfrastruktur – mit direkten Folgen für Versicherbarkeit und Haftungsfragen.
Haftpflicht und Kfz: Zweigeteilte Märkte unter Druck
Im Haftpflichtbereich zeigt sich eine ausgeprägte Zweiteilung. Für schadenfreie, wenig komplexe Risiken bleibt der Markt käuferfreundlich: Die kombinierte Schadenkostenquote der allgemeinen Haftpflichtversicherung lag laut GDV 2024 bei rund 90 Prozent, für 2025 wird eine Verbesserung auf etwa 88 Prozent prognostiziert. Leicht sinkende Prämien und prämienneutrale Deckungserweiterungen sind für gute Risiken weiterhin erzielbar. Auf der anderen Seite sorgen die neue PFAS-Ausschlussklausel des GDV sowie US-exponierte Risiken für Zurückhaltung der Versicherer – Spitzenkapazitäten werden nur selektiv vergeben, Selbstbehalte und Attachment Points steigen tendenziell. Parallel verändert die novellierte EU-Produkthaftungsrichtlinie den Haftungsrahmen grundlegend: Der Regierungsentwurf zur Modernisierung des Produkthaftungsrechts liegt seit Februar 2026 vor, Software und künstliche Intelligenz gelten künftig als Produkte im Sinne der Produkthaftung.
Die Kraftfahrtversicherung bleibt durch strukturelle Kostentreiber belastet. Laut GDV lagen die Ersatzteilpreise 2024 rund 75 Prozent über dem Niveau von 2014, die durchschnittlichen Kfz-Prämien haben sich seit 2024 um mehr als 20 Prozent erhöht. Hinzu kommt die wachsende Elektrifizierung der Fuhrparks: Elektrofahrzeuge verursachen im Schadenfall durch Batterietechnik, Hochvoltkomponenten und aufwendige Reparaturverfahren deutlich höhere Durchschnittsschäden als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Für Flottenverantwortliche wird es damit wichtiger, Elektromobilität nicht ausschließlich unter Nachhaltigkeits- oder Betriebskostenaspekten zu betrachten, sondern auch die Auswirkungen auf Versicherbarkeit und Schadenkosten einzubeziehen.
D&O und Cyber: Unterschiedliche Dynamiken unter ähnlichem Vorzeichen
Im D&O-Bereich verschlechtert sich die Schadenlage trotz noch günstiger Marktbedingungen zunehmend. Nach Angaben des GDV stieg die Zahl der Schäden zuletzt um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr, die durchschnittliche Schadenhöhe wuchs binnen zwölf Monaten um 14 Prozent, der gesamte Schadenaufwand um 27 Prozent. Treiber sind insbesondere die wachsende Komplexität der Verfahren und die zunehmende Zahl D&O-relevanter Insolvenzen. Für Berater bedeutet das: Bestehende Policen, insbesondere mehrfach ungeprüft verlängerte KMU-Verträge, sollten auf die Angemessenheit der Deckungssummen überprüft werden. Angesichts steigender Schadenssummen ist eine prämienneutrale Erhöhung der Deckungssumme um bis zu zehn Prozent häufig sinnvoller als ein vereinzelt noch möglicher Prämiennachlass.
Im Cyberbereich zeigt sich ein anderes Bild. Trotz steigender Angriffszahlen – das Bundeskriminalamt registrierte im Bundeslagebild Cybercrime 2025 rund zehn Prozent mehr Ransomware-Angriffe, wobei künstliche Intelligenz Angreifern schnellere Identifikation von Schwachstellen ermöglicht – bleibt der Markt bemerkenswert stabil. Kapazitäten steigen sogar, punktuelle Prämiensenkungen bleiben möglich. Einschränkend wirkt das BaFin-Rundschreiben 01/26: Cyberpolicen können danach nicht mehr mit zweijähriger Laufzeit abgeschlossen werden, da das Rundschreiben die Maximallaufzeit für Lösegeldversicherungen auf ein Jahr begrenzt.
Auch auf internationaler Ebene rückt ein Thema stärker in den Fokus. Nuclear Verdicts – Geschworenenurteile in den USA mit Schadensersatzsummen von mindestens zehn Millionen US-Dollar. Sie haben sich laut dem Markmonitor im Jahr 2024 auf 135 Fälle verdoppelt. Das Gesamtvolumen solcher Urteile belief sich auf rund 31,3 Milliarden US-Dollar. Swiss Re bezifferte die Social Inflation in den USA für 2023 auf rund sieben Prozent, den höchsten Stand seit etwa zwei Jahrzehnten. Für Unternehmen mit US-Exposition ist die Überprüfung bestehender Haftpflichtkonzepte und Risikotransferstrategien damit drängender denn je, warnt Südvers.
Vorsorge und betriebliche Absicherung gewinnen strategisch an Gewicht
Neben den klassischen Unternehmensrisiken rückt der Marktmonitor auch Vorsorge und Mitarbeiter-Benefits in den Fokus. Jeder vierte Erwerbstätige in Deutschland scheidet statistisch vor dem Renteneintritt aus gesundheitlichen Gründen aus dem Berufsleben aus, häufig mit Einkommensverlusten von bis zu 80 Prozent. Die betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung bietet gerade durch kollektive Lösungen einen entscheidenden Vorteil: Weil die Teilnahme verpflichtend und die Gruppe groß ist, kann der Risikoträger auf Gesundheitsprüfung und Dienstobliegenheitserklärungen verzichten, was den Zugang für alle Mitarbeitenden öffnet – unabhängig von der Krankengeschichte.
Im Bereich der betrieblichen Altersversorgung gewinnt das Thema De-Risking durch die beschlossene schrittweise Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 15 Prozent auf zehn Prozent in den Jahren 2028 bis 2032 zusätzlich an Brisanz: Pensionsrückstellungen sind davon unmittelbar betroffen, da latente Steuern mit den Sätzen zu bewerten sind, die zum Zeitpunkt des Abbaus der jeweiligen Differenzen gelten werden.















