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Die Bröning-Kolumne: Die nächste Krise könnte auf dem Acker wachsen

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Tim Bröning
Foto: Fonds Finanz
Tim Bröning

Hohe Energiepreise, mögliche Düngerengpässe und ein starker El Niño könnten die globale Nahrungsmittelproduktion verteuern. Noch ist die Entwicklung offen – doch mehrere Risiken weisen in dieselbe Richtung.

Ein Krieg ist zunächst Geopolitik, dann wird er zur Energiekrise, wenig später beschäftigt er Industrie und Logistik – und irgendwann landet seine Rechnung beim Verbraucher an der Supermarktkasse. Genau eine solche Kettenreaktion könnte sich derzeit erneut entwickeln. Denn derzeit treffen mehrere Entwicklungen aufeinander, die eines gemeinsam haben. Sie könnten die Kosten der globalen Nahrungsmittelproduktion stark erhöhen und zeitgleich das Angebot begrenzen.

Vom Ölpreis bis zum Frühstückstisch

Die offensichtlichste Verbindung beginnt beim Öl. Die erheblichen Störungen rund um die Straße von Hormus haben die Risiken für die globale Energieversorgung massiv erhöht. Der Schiffsverkehr liegt hier weit unter dem Niveau vor dem Konflikt. Ein Teil der Transporte findet zwar weiterhin statt, doch die Normalität sieht anders aus.


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Für die Landwirtschaft ist das gleich mehrfach relevant. Traktoren und Mähdrescher fahren schließlich nicht mit guten Vorsätzen. Getreide muss transportiert, getrocknet und verarbeitet werden, Lebensmittel benötigen Kühlung und müssen irgendwann in den Handel gelangen. Steigende Energie- und Transportkosten ziehen sich deshalb durch nahezu die gesamte Nahrungskette. Doch Öl ist nur der Anfang. Mindestens ebenso interessant ist die zweite Verbindung – der Dünger.

Wenn aus teuer irgendwann knapp wird

Iran, Katar, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain standen 2024 gem. der International Fertilizer Association (IFA) zusammen für rund 34 Prozent des weltweiten Harnstoffhandels, 23 Prozent des Ammoniakhandels und 18 Prozent des Handels mit wichtigen Phosphatdüngern. Hinzu kommt Schwefel, ein zentraler Rohstoff für die Herstellung von Phosphatdünger. Nahezu die Hälfte des weltweiten Schwefelhandels läuft über die Straße von Hormus. Der Nahe Osten liefert knapp 30 Prozent der weltweiten Exporte wichtiger Düngemittel.

Und auch hier führt die Spur zurück zur Energie. Erdgas liefert bei Stickstoffdüngern nicht nur die notwendige Prozessenergie, sondern auch den Rohstoff für die Ammoniakproduktion. Je nach Region und Gaspreis können 60 bis 80 Prozent der Herstellungskosten auf Erdgas entfallen.

Steigen Gaspreise oder fallen Produktions- und Transportkapazitäten aus, wird Dünger teurer oder unter Umständen knapper. Beides kann Agrarpreise erhöhen. Im ersten Fall steigen die Produktionskosten, im zweiten Fall können die Erträge sinken. Dazu kommen höhere Dieselpreise, teurere Transporte und vielerorts durch Zinserhöhungen höhere Finanzierungskosten für Maschinen, Saatgut, Flächen und Betriebsmittel.

Das ist bereits besorgniserregend genug, doch nun meldet sich noch jemand zu Wort, der weder an Friedensverhandlungen teilnimmt noch von Notenbanken beeinflusst wird – der Wettergott.

Nun kommt auch noch El Niño

Die amerikanische Wetterbehörde NOAA rechnet inzwischen mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent mit einem sehr starken El Niño im Herbst und Winter 2026/27.

Das bedeutet keineswegs, dass nun weltweit automatisch die Ernten ausfallen. El Niño wirkt regional höchst unterschiedlich. Manche Gegenden bekommen mehr Regen, andere weniger. Niederschlags- und Temperaturmuster verschieben sich, in wichtigen Anbauregionen können Dürren entstehen, andernorts Überschwemmungen und Starkregen. Betroffen sein können je nach Region Reis, Mais, Weizen, Sojabohnen, Kaffee, Kakao oder Palmöl.

Für kräftige Preisbewegungen muss dabei gar nicht weltweit eine schlechte Ernte auftreten. Bei vielen Agrarrohstoffen genügt es, wenn einige große Produzenten gleichzeitig Probleme bekommen. Denn die Nachfrage nach Nahrungsmitteln lässt sich nur begrenzt reduzieren. Niemand entscheidet spontan, nur noch halb so viel zu essen, weil Weizen teurer geworden ist. Genau deshalb reagieren Agrarpreise auf Angebotsknappheit mitunter ausgesprochen heftig.

Und nun treffen mehrere Faktoren gleichzeitig aufeinander. Höhere Energiepreise verteuern Produktion und Transport. Engpässe bei Dünger können Kosten erhöhen und Erträge reduzieren. Höhere Zinsen belasten landwirtschaftliche Betriebe zusätzlich. Ein außergewöhnlich starker El Niño könnte gleichzeitig die verfügbare Menge wichtiger Agrarrohstoffe beeinträchtigen. Vier unterschiedliche Ursachen – aber alle zeigen zumindest potenziell in dieselbe Richtung.

Eine Versicherung mit moralischem Beigeschmack

Für Anleger entsteht daraus eine ungewöhnliche Überlegung. Wer davon ausgeht, dass Lebensmittel und Agrarrohstoffe in den kommenden Monaten deutlich teurer werden könnten, könnte einen kleinen Teil seines Vermögens an genau dieser Entwicklung beteiligen. Denkbar wären Investments in Agrarrohstoffe selbst oder in Unternehmen entlang der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette – etwa Düngemittelproduzenten, Saatguthersteller oder andere Anbieter, die von steigenden Agrarpreisen profitieren können.

Ökonomisch würde man damit einen Teil der eigenen künftig höheren Lebenshaltungskosten gegenfinanzieren – eine Art Versicherung gegen die steigende Lebensmittelrechnung. Nur ist es eine Versicherung mit eingebautem moralischem Unbehagen.

Denn steigende Nahrungsmittelpreise sind keine abstrakte Börsengeschichte. Für Haushalte in den westlichen Industriestaaten bedeuten sie zunächst höhere Rechnungen im Supermarkt. Für Menschen in ärmeren Ländern können sie existenziell sein. Deshalb stellt sich zwangsläufig die Frage, ob man an einer solchen Entwicklung überhaupt verdienen möchte.

Die Antwort ist weniger eindeutig, als sie zunächst erscheint. Wer Aktien von Düngemittelherstellern oder Landwirtschaftsunternehmen kauft, treibt dadurch kaum den Preis für Weizen nach oben. Bei massiver spekulativer Positionierung an Agrarterminmärkten kann das schon anders aussehen. Und natürlich hofft niemand, dass Ernten ausfallen oder Lebensmittel knapp werden. Doch man kann sich gegen ein Risiko absichern, ohne sich dessen Eintritt zu wünschen.

Vielleicht schauen wir gerade auf den falschen Preis

An den Kapitalmärkten richtet sich die Aufmerksamkeit derzeit verständlicherweise auf Öl, Gold, Zinsen und geopolitische Risiken. Doch manchmal entsteht die wirtschaftlich wichtigere Bewegung erst eine Stufe weiter hinten in der Kette. Öl und Gas verteuern Dünger, Produktion und Transport. Knappere oder teurere Düngemittel können Erträge belasten. El Niño erhöht zusätzlich das Risiko schlechter Ernten. Am Ende könnte ein knapperes Angebot auf eine Nachfrage treffen, die sich kaum reduzieren lässt.

Nichts davon garantiert steigende Agrarpreise. Eine Entspannung der geopolitischen Lage, gute Ernten in entscheidenden Regionen, hohe Lagerbestände oder staatliche Maßnahmen können die Entwicklung abfedern. Doch selten zeigen so viele unterschiedliche Faktoren in dieselbe Richtung.

Vielleicht sollten Verbraucher nicht nur darauf achten, was das Benzin an der Tankstelle kostet. Und Anleger könnten darüber nachdenken, ob ein kleiner Teil ihres Vermögens moralisch vertretbar dort investiert sein sollte, wo möglicherweise ein Teil ihrer zukünftigen Mehrkosten entsteht.

Die nächste große Preisbewegung muss also nicht wieder an der Zapfsäule stattfinden. Sie könnte auf dem Acker wachsen.

im Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter der Bröning Investment & Consulting GmbH  www.broening-investment.de, und u.a. Beirat bei Fonds Finanz.

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