Ob feste Eigenkapitalquoten, die angeblich „richtige“ Zinsbindung oder vermeintliche Altersgrenzen: Viele dieser Aussagen werden im privaten Umfeld oder über Social Media weitergegeben, ohne den individuellen Kontext zu berücksichtigen. Schwäbisch Hall-Expertin Jennifer Radke zu den fünf hartnäckigsten Baufinanzierungsmythen.
Mythos Nr. 1: „Mindestens 20 Prozent Eigenkapital“
Kaum eine Faustregel wird so häufig genannt wie die angeblich zwingenden 20 Prozent Eigenkapital. Dabei wird jedoch oft nicht zwischen einer Empfehlung und einer Voraussetzung unterschieden. „20 Prozent Eigenkapital sind nicht zwingend notwendig, um eine Baufinanzierung zu erhalten“, erklärt Radke. „Allerdings rate ich dazu – wie viele andere Expertinnen und Experten auch. Nicht zuletzt, um bessere Konditionen zu erhalten und finanzielle Risiken zu reduzieren.“
Wie viel Eigenkapital sinnvoll ist, hängt unter anderem vom Zinsniveau, der Marktsituation, dem Objekt und der persönlichen Bonität ab. Unabhängig davon gilt jedoch: Die Kaufnebenkosten – etwa für Grunderwerbsteuer, Notar und Grundbuch – sollten in der Regel aus eigenen Mitteln gedeckt werden. Je nach Bundesland können sie rund 10 bis 15 Prozent des Kaufpreises ausmachen. Eigenkapital bedeutet dabei nicht nur Geld auf dem Konto. Auch Bausparguthaben, Wertpapiere, Lebensversicherungen oder ein bereits vorhandenes Grundstück können in die Finanzierung eingebracht werden.
Mythos Nr. 2: „Eine lange Zinsbindung ist immer schlechter“
Fakt ist: Eine lange Zinsbindung ist meist etwas teurer als eine kurze. Schlechter ist sie deshalb aber nicht automatisch. Denn sie bietet ein hohes Maß an Planungssicherheit. „Man kauft sich gewissermaßen Sicherheit ein“, so Radke. Kurze Zinsbindungen orientieren sich stark am aktuellen Zinsniveau, während bei mittleren und langen Laufzeiten mögliche Zinssteigerungen einkalkuliert werden. „Ein Blick auf die Niedrigzinsphase vor rund zehn Jahren verdeutlicht das: Viele Kreditnehmer profitierten damals von historisch günstigen Zinsen. Wer sich diese Konditionen nicht langfristig gesichert hat, sieht sich heute bei der Anschlussfinanzierung mit weit höheren Zinsen konfrontiert“, ergänzt die Expertin.
Welche Zinsbindung die richtige ist, hängt letztlich stark vom persönlichen Sicherheitsbedürfnis ab. Wer Wert auf langfristige Planbarkeit legt, entscheidet sich häufig für eine lange Zinsbindung. Wer flexibler bleiben möchte und darauf setzt, dass Zinsen stabil bleiben, wählt eher eine kürzere Laufzeit.
Mythos Nr. 3: „Hauptsache, die Monatsrate ist möglichst niedrig“
Eine niedrige Monatsrate vermittelt auf den ersten Blick Sicherheit – kann sich über die Jahre jedoch als teuer erweisen. Zwar muss die Rate zur individuellen finanziellen Situation passen und darf nicht zur Dauerbelastung werden. Häufig wird jedoch die Tilgung zu niedrig angesetzt.
Eine niedrige Tilgung hält die Rate klein, verlängert aber die Laufzeit und erhöht die Gesamtkosten deutlich. Schon eine moderat höhere Tilgung – etwa 100 oder 200 Euro im Monat – kann über einen Zeitraum von 20 bis 40 Jahren einen erheblichen Kostenunterschied machen.
Entscheidend ist daher nicht die niedrigste Rate, sondern eine realistische Haushaltsrechnung mit ausreichenden Rücklagen und einer Tilgung, die das Darlehen zügig reduziert, aber langfristig tragbar ist.
Mythos Nr. 4: „Ich bin zu alt für einen Kredit“
Viele Menschen glauben, dass eine Baufinanzierung ab einem bestimmten Alter nicht mehr möglich ist. Oft ziehen sie diese Grenze bereits bei 50 Jahren. „Diese ‚Altersgrenze‘ ist zu niedrig angesetzt“, stellt Radke klar. „Auch ältere Kreditnehmer können eine Finanzierung erhalten, sofern Bonität, Einkommens- bzw. Rentensituation und Rückzahlungsfähigkeit stimmen.“
Banken sind an gesetzliche Vorgaben und Wohnkreditrichtlinien gebunden. Sie müssen sicherstellen, dass ein Darlehen innerhalb der erwarteten Lebenszeit zurückgezahlt werden kann. Praktisch bedeutet das häufig, dass die Laufzeit vor dem 75. Geburtstag endet.
Mythos Nr. 5: „Der Bankberater regelt das schon“
Eine kompetente Beratung ist ein zentraler Bestandteil jeder Baufinanzierung, sie ersetzt jedoch die Eigenverantwortung der Kreditnehmer nicht. „Eine Baufinanzierung ist immer ein Zusammenspiel aus Beratung und Vorbereitung“, betont Radke. Dazu gehört unter anderem, die eigene finanzielle Situation realistisch einzuschätzen und alle erforderlichen Unterlagen vollständig bereitzustellen.
Zu den typischen Unterlagen zählen unter anderem Einkommens- und Eigenkapitalnachweise sowie Objekt- und Grundstücksunterlagen. Nur so ist eine fundierte, individuelle Beratung möglich. Eine Checkliste mit allen Unterlagen, die Banken vor der Finanzierung prüfen, gibt es hier. Gleichzeitig sollten Kreditnehmer bewusst einen Berater wählen, zu dem Vertrauen besteht. Es geht schließlich um langfristige Entscheidungen und hohe finanzielle Verpflichtungen.
Tipps für Kreditnehmer: Mythen hinterfragen, gut vorbereiten
„Aussagen rund um die Baufinanzierung – insbesondere auf Social Media – sollten grundsätzlich kritisch hinterfragt werden, vor allem wenn sie pauschal oder endgültig klingen“, rät Radke. Es lohne sich immer, verschiedene Meinungen einzuholen, Angebote zu vergleichen und sich ausreichend Zeit für Planung und Entscheidung zu nehmen. Neben Zahlen und Konditionen spielt auch das Vertrauen in die Beratung eine entscheidende Rolle. Am Ende müssen Fakten und Bauchgefühl zusammenpassen, so die Empfehlung der Bausparkasse.
Viele Baufinanzierungs-Mythen entstehen durch Vereinfachungen, Hörensagen oder veraltete Erfahrungswerte. Pauschale Antworten gibt es selten. Gefragt sind individuelle Lösungen. Eine solide Baufinanzierung basiere auf realistischen Annahmen, ehrlicher Beratung und einer aktiven Vorbereitung der Kreditnehmer. Wer Mythen hinterfragt und sich Zeit für Entscheidungen nimmt, schaffe eine stabile Grundlage für die eigene finanzielle Zukunft und den Traum vom Eigenheim.














