Den Aktienmarkt beschäftigt nicht nur der Krieg in der Golfregion. Auch das Sentiment für den Tech-Sektor ist gedämpft, wobei Sorgen im Vordergrund stehen, dass sich die hohen Investitionen in neue KI-Kapazitäten nicht für alle auszahlen.
Besonders unter Druck standen bis vor kurzem Softwareaktien: Gemessen am MSCI World Software-Index hat der Sektor seit seinem Höchststand im Oktober 2025 zeitweise über 30 Prozent an Wert verloren und sich erst in den vergangenen zwei Wochen stabilisiert. Bislang sehen wir noch keinen Befreiungsschlag für die Branche. Die jüngsten Ergebnisse fielen gemischt aus, das Wachstum entschleunigt sich und noch fehlt der Nachweis, dass Softwareanbieter den Einsatz von KI-Funktionalitäten in Gewinne ummünzen können.
Für eine neuerliche kalte Dusche gesorgt hatte im Februar das bis dato weitgehend unbekannte US-Analysehaus Citrini Research. In einer Szenarioanalyse wird für Mitte 2028 eine globale Wirtschaftskrise als Resultat des KI-Booms prognostiziert. Der Einsatz von KI würde immer mehr gutbezahlte Bürojobs ersetzen, angefangen bei Software- und Beratungsfirmen bis hin zu intermediären Geschäftsmodellen. Besonders betroffen wären Basis-Vorgänge in den Bereichen Versicherung, Finanzberatung, Steuerberatung, Rechtsberatung, aber auch bei Immobilienmaklern. Dieser Umbruch auf dem Arbeitsmarkt führe, so die These, zu steigender Arbeitslosigkeit, Lohndruck, weniger Konsum und mehr Kreditausfällen. Das Citrini-Narrativ wurde rasch als „weit hergeholt“ kritisiert, da Integrationskosten, Regulierung, Haftungsfragen und andere Hindernisse im Zusammenhang mit der KI-Einführung unterschätzten würden.
Eine steigende Arbeitslosigkeit hätte tatsächlich negative Auswirkungen auf Softwareanbieter, die meist mit nutzerbasierten Lizenzmodellen arbeiten. Hier gibt es jedoch Möglichkeiten gegenzusteuern: Anbieter können auf verbrauchs- oder nutzungsbasierte Modelle umstellen, was auch geschieht. Warum also steht der Sektor dennoch so unter Druck? Grund hierfür sind nicht nur Sorgen, dass Kunden verloren gehen. Vielmehr könnten KI-Startups sowie neue Funktionalitäten der Sprachmodelle wie etwa Agentic AI traditionelle Software-Plattformen obsolet machen. Dahinter steht die Überlegung, dass Unternehmen, die KI als integralen Bestandteil ihrer Geschäftsstrategie nutzen, so genannte AI natives, künftig dank des Einsatzes von KI viel kostengünstiger und individualisierter Software entwickeln und anbieten können als bestehende Softwarefirmen.
Wen trifft die KI-Disruption besonders?
Besonders betroffen davon sind nach unserer Einschätzung Software-as-a-Service-Anbieter (SaaS), die einfache, cloudbasierte Tools anbieten, etwa im Bereich Projektmanagement, Softwareentwicklung, Kollaboration und vor allem Content Generation. Darüber hinaus können aber auch Intermediäre wie Online-Reiseportale, Datendienstleister, mittelgroße IT-Dienstleister sowie Finanzunternehmen von der KI-Disruption betroffen sein. Ein Beispiel zeigte sich bei der IBM-Aktie, die am 23. Februar 2026 um rund 13 Prozent eingebrochen ist, so viel wie seit über 25 Jahren nicht mehr. Zuvor hatte das KI-Unternehmen Anthropic angekündigt, ein Tool auf den Markt zu bringen, das die auf Großrechnern im Einsatz stehende, traditionelle COBOL-Programmierung von IBM modernisieren könne. Dabei ist der Umsatz- und Ergebnisanteil von COBOL für IBM sehr gering. Am Markt gilt derzeit eher eine „Shoot first, ask later“-Mentalität: Die Disruptionsgefahr ist ernst zu nehmen, führt in einigen Fällen aber zu übertriebenen Kursreaktionen.
Unserer Einschätzung nach ist es zwar für eine abschließende Beurteilung der Risiken noch zu früh, dennoch bleiben wir dem Softwaresektor gegenüber vorsichtig eingestellt. Anleger müssen nach Geschäftsmodell und Marktstellung differenzieren. Die Disruptionsrisiken für Anbieter, die hoch entwickelte Unternehmenssoftware anbieten (also so genannte Aufzeichnungssysteme wie Enterprise Resource Planning, Kundenbeziehungs- oder Personalmanagement), sind aus unserer Sicht etwas geringer. Diese Anbieter von System of Record (SOR) sind tief in die Prozesse der Kunden eingebunden. Die umfangreichen und strukturierten Geschäftsdaten, die über ihre Systeme erzeugt und gespeichert werden, bilden eine wesentliche Grundlage für den Einsatz von KI-Agenten, die selbst eher analytisch und generativ agieren und (noch) nicht ganze Arbeitsprozesse steuern können.
Dezentralisierung und Margendruck
Andererseits sind die Befürchtungen nicht ausgeräumt, dass bessere Sprachmodelle und KI-Agenten von Wettbewerbern Marktanteile gewinnen werden und die von den Softwareunternehmen selbst entwickelten und eingesetzten KI-Lösungen noch zu wenig Marktreife besitzen. Traditionelle Anbieter müssen zum effizienteren Programmieren KI-Drittanbietern womöglich Gebühren zahlen, zudem brauchen sie für den Aufbau von KI-Funktionalitäten mehr Rechenleistung und müssen in Halbleiter (GPUs) investieren. Beides schmälert die Margen. Auch besteht das Risiko, dass durch KI-Agenten künftig Daten und Arbeitsabläufe über mehrere Systeme hinweg orchestriert werden können. Damit würden KI-Instrumente zunehmend den Mehrwert im Softwaremarkt abschöpfen, während die traditionellen Anbieter von Aufzeichnungssystemen (SORs) aus Kundensicht immer mehr zu austauschbar erscheinenden Infrastrukturanbietern werden. Hinzu kommt ein Dezentralisierungsthema: Durch den Einsatz von KI-Tools steigt die Produktivität von Entwicklern. Potenziell können weniger spezialisierte Entwickler insgesamt mehr und passgenauere Software entwickeln. Ganz unterschiedliche Unternehmen könnten daher künftig selbst eigene Lösungen bauen, statt Standardsoftware einzukaufen.
Verschiebung der Wertschöpfung belastet Bewertungen
Die größten Disruptionsrisiken bestehen in unseren Augen weniger in der vollständigen Ablösung bestehender Systeme, sondern vor allem in der Wertverschiebung hin zu KI-nativen Plattformen, was zu Margendruck für traditionelle Anbieter führen dürfte. Auch entwickeln sich KI-Technologien schnell und mit stetig steigender Leistungsfähigkeit weiter. Neue Anwendungen, technologische Durchbrüche sowie sich rasch verändernde Marktbedingungen lassen Kunden zurückhaltender agieren und erhöhen die Unsicherheit für Softwareanbieter erheblich. Risiken können sich zwar als Chancen herausstellen und Softwarefirmen können selbst neue KI-Lösungen auf den Markt bringen, in denen die engen Kundenbeziehungen etwa im produzierenden Gewerbe (z. B. Automatisierung von Prozessen) genutzt werden. Doch generell belastet Unsicherheit den Sektor und drückt auf die Bewertung. Große Softwarekonzerne dürften dabei bessere Voraussetzungen haben, Sprachmodelle in ihre Anwendungen zu integrieren, da sie auf hohe Cash-Flows aus dem laufenden Geschäft zurückgreifen können und kleinere Anbieter höhere Markteintrittshürden vorfinden. Vergleichsweise attraktiv finden wir auch Geschäftsmodelle im Bereich Infrastruktur und Datenmanagement sowie Cyber Security.
Autor Markus Golinski ist Senior Portfoliomanager Union Investment.















