Gold und Silber unter Druck: Warum Notverkäufe Chancen eröffnen könnten

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Warum Gold und Silber trotz geopolitischer Risiken fallen und welche Parallelen zu den Krisen 2008 und 2020 bestehen.

Gold und Silber sind zuletzt trotz der geopolitischen Spannungen kräftig gefallen. Die Investorin Jen Bawden führt den Ausverkauf auf eine weltweite Liquiditätsknappheit zurück. Frühere Krisen zeigen, wie schnell sich die Stimmung drehen kann.

Krieg im Nahen Osten, explodierende Energiepreise und wankende Aktienmärkte - und ausgerechnet die klassischen Krisenwährungen Gold und Silber geraten unter die Räder: Nach dem schwächsten Oktober seit der Finanzkrise 2008 vollzogen die Edelmetalle zu Wochenbeginn zwar eine zarte Erholung, doch die Nervosität an den Terminmärkten bleibt greifbar.

Silber notiert mit einem Abschlag von rund 60 Prozent gegenüber seinem Rekordhoch von 121,64 US-Dollar je Unze tief im Bärenmarkt, während Gold auf den tiefsten Stand seit einem Jahr abtauchte. Für Jen Bawden, Gründerin von Bawden Capital, liegt die Ursache dieser scheinbaren Flucht aus dem sicheren Hafen jedoch nicht in einer schwindenden Attraktivität der Metalle, sondern in einer akuten weltweiten Liquiditätsverknappung. Für antizyklische Rohstoffanleger birgt genau diese Marktbereinigung nach historischem Muster eine außergewöhnliche Einstiegsgelegenheit.

Petrodollar-Sog und Margin Calls: Warum im Crash selbst das Gold fliegt

Hinter dem synchronen Ausverkauf wirken zwei kompromisslose Marktmechanismen. Der erste Hebel speist sich aus dem Energiemarkt: Die kriegsbedingten Störungen im Nahen Osten katapultierten Rohöl der Sorte Brent auf über 113 US-Dollar je Barrel. Weil Erdöl global primär in Greenbacks abgerechnet wird, müssen energieimportierende Schwergewichte wie Deutschland, Japan, Südkorea und Indien gigantische Summen ihrer Heimatwährungen liquidieren, um US-Dollar für ihre Ölrechnungen anzukaufen. Diese massive Dollarnachfrage stärkt die US-Leitwährung schlagartig, während die teure Energie den Inflationsdruck neu anheizt. Obwohl die Federal Reserve die Zinsen zuletzt pausierte, preisen die Märkte für Dezember weiterhin eine Straffung ein. Steigende Anleiherenditen treiben jedoch die Opportunitätskosten der zinslosen Edelmetalle in die Höhe - die geopolitische Risikoabsicherung wird durch den Zins- und Dollarzyklus vorübergehend neutralisiert.


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Der zweite Beschleuniger wurzelt im Schwächeanfall der Aktienmärkte. Als der S&P 500 am Freitag um zwei Prozent einknickte - der schwerste Tagesverlust seit Anfang Juni -, schlugen steigende Diskontierungssätze und teurere Fremdkapitalkosten voll auf die Unternehmensbewertungen durch. In solchen Marktphasen geraten institutionelle Portfolios in Schieflage: Drohen Nachschusspflichten (Margin Calls) oder müssen kurzfristig Sicherheiten hinterlegt werden, verkaufen Fondsmanager nicht primär jene Papiere, von denen sie sich trennen wollen, sondern jene hochliquiden Kernassets, die sich am schnellsten zu Geld machen lassen. Gold und Silber geraten in einer systemischen Liquiditätskrise folglich als erstklassige Kassenreserven unter die Räder.

Die Blaupause von 2008 und 2020: Aus Notverkäufen erwachsen Rekordrallyes

Dass dieser Liquiditätsabverkauf keinen säkularen Bärenmarkt einleitet, belegen die jüngsten Finanzkrisen der Moderne. In beiden Fällen war der synchronisierte Einbruch von Aktien und Edelmetallen lediglich das Vorspiel für eine monumentale Neubewertung:

  • Der Lehman-Schock 2008: Im Zuge des Zusammenbruchs von Lehman Brothers büßte Gold gegenüber seinem März-Hoch zeitweise 29 Prozent ein, während Silber um über 50 Prozent einbrach. Sobald die Liquiditätskrise überwunden war, explodierte Gold bis August 2011 um rund 170 Prozent, während Silber eine parabolische Rallye zurück auf fast 50 US-Dollar je Unze hinlegte.
  • Der Corona-Crash 2020: Im März 2020 verlor Gold im allgemeinen Marktpanik-Modus binnen weniger Tage zehn Prozent, während Silber um 35 Prozent kollabierte. Bereits im August desselben Jahres markierte Gold nach einem 39-prozentigen Rebound ein neues Rekordhoch; Silber legte im selben Zeitraum um rund 150 Prozent zu.

Obwohl Jen Bawden davor warnt, verfrüht eine unmittelbare Bodenbildung auszurufen - sie hält kurzfristig tiefere Kurse für wahrscheinlich und hat bereits limitierte Kaufaufträge für ausgewählte Minenaktien mit Abschlägen von 20 bis 30 Prozent platziert -, sieht sie das übergeordnete Fundament intakt. Eine physische Stütze bietet der asiatische Markt, wo sich trotz chinesischer Silberbesteuerung eine anhaltend robuste Grundnachfrage an der Shanghai Gold Exchange abzeichnet.

Den finalen Katalysator liefert der globale Schuldenberg: Wenn Staaten, Konzerne und Konsumenten unter dauerhaft hohen Zinsen kollabieren, bleibt den Zentralbanken letztlich nur die geldpolitische Kapitulation. Sobald die Notenbanken zur Stützung von Banken und Realwirtschaft die Zinszügel wieder lockern, dürfte der Dollar-Hype brechen - und Gold, Silber sowie Minenproduzenten in die nächste Phase ihres fiskalisch getriebenen Superzyklus katapultieren, glaubt man bei Bawden Capital.

Autor Björn Junker ist Chefredakteur von Goldinvest.de und seit über 15 Jahren Wirtschaftsjournalist mit Schwerpunkt Edel-, Basis- und Batteriemetalle.

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