Bundesbank-Präsident Joachim Nagel rechnet damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins im Dezember anhebt. Eine Zinserhöhung sei „sehr wahrscheinlich notwendig“, sagt Nagel beim Hauptstadtempfang der Bundesbank in Berlin am Abend des 3. November. Seine Prognose zum EZB-Zinsentscheid, über den der EZB-Rat am 17. Dezember berät, rückt die hohe Teuerung im Euroraum erneut in den Fokus.
„Aus heutiger Sicht dürfte (…) kaum ein Weg an einer Zinserhöhung vorbeiführen, wenn sich der Inflationsausblick nicht deutlich verbessert“, erklärt Nagel. Dabei hatte die Notenbank erst wenige Tage zuvor, am 29. Oktober, ihre drei Leitzinsen unverändert gelassen. Zur Begründung verwies Nagel damals auf „wenig Anzeichen für Zweitrundeneffekte“.
Warum die Inflation im Euroraum wieder steigt
Die jährliche Teuerung im Euroraum erreichte im September 3,8 Prozent - den höchsten Wert seit drei Jahren und damit weit jenseits der EZB-Zielmarke von 2,0 Prozent. Im Vormonat hatte die Rate noch bei 3,2 Prozent gelegen. Laut Eurostat entfiel der größte Anteil der Gesamtinflation mit 1,71 Prozentpunkten auf Energie, gefolgt von Dienstleistungen mit 1,52 Punkten.
Auch einzelne Mitgliedsländer liegen über der Zielmarke: In Deutschland betrug die Teuerung im September 3,3 Prozent, in Frankreich 3,4 Prozent. Zudem erwartet Nagel, dass der Preisauftrieb stärker ausfällt als von der Notenbank im September prognostiziert.
Leitzins der EZB: Diese Sätze gelten seit Oktober
Die EZB hat ihren Leitzins 2026 bereits zweimal angehoben, im Juni und im September um jeweils 25 Basispunkte. Auf ihrer Sitzung am 29. Oktober hielt sie die Sätze anschließend konstant - mit folgenden Werten:
| Leitzins | Satz seit 29. Oktober 2026 |
|---|---|
| Einlagensatz | 2,50 Prozent |
| Hauptrefinanzierungssatz | 2,65 Prozent |
| Spitzenrefinanzierungssatz | 2,90 Prozent |
Trotz Nagels Einschätzung bleibt ungewiss, ob der EZB-Rat am 17. Dezember die Zinsen tatsächlich erneut anhebt.
Was die Prognose zum EZB-Zinsentscheid für die mittelfristige Teuerung bedeutet
Den Stabsprojektionen der EZB vom September zufolge erreicht die Gesamtinflation im Euroraum erst gegen Ende 2027 wieder die Zielmarke von 2,0 Prozent - begünstigt durch die Effekte gestiegener Zinsen. Ihre Prognose für 2027 korrigierte die Notenbank von 2,3 auf 2,5 Prozent nach oben; die Kernrate veranschlagt sie für dasselbe Jahr auf 2,6 Prozent.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Inflation Euroraum, September 2026 | 3,8 Prozent |
| Inflation Euroraum, August 2026 | 3,2 Prozent |
| Inflation Deutschland, September 2026 | 3,3 Prozent |
| Inflation Frankreich, September 2026 | 3,4 Prozent |
| EZB-Inflationsziel (mittelfristig) | 2,0 Prozent |
| EZB-Projektion Gesamtinflation 2027 | 2,5 Prozent |
Ölpreisschock durch den Nahost-Konflikt treibt die Energiekosten
Hintergrund des Preisschubs ist die seit Ende Februar schwelende Krise zwischen Teheran, Jerusalem und Washington. Als Reaktion auf Luftschläge der USA und Israels gegen iranische Rüstungsstandorte und Nuklearanlagen riegelt der Iran seither zeitweise die Straße von Hormus ab.
Der Ölpreis der Sorte Brent kletterte von einem Zwischentief bei rund 70 US-Dollar Anfang Juli auf Notierungen jenseits der 100-Dollar-Marke je Barrel - ein Anstieg von über 50 Prozent binnen weniger Monate. Zum Ende des Monats September übertraf er das Niveau vor Kriegsausbruch im Februar um rund 125 Prozent.
Folgen des EZB-Zinsentscheids für Berater und Anleger
Für die Finanzbranche hat die Debatte um den EZB-Zinsentscheid praktische Konsequenzen. Eine erneute Zinserhöhung im Dezember hätte direkte Folgen für Anleihe-, Spar- und Kreditkonditionen. Betroffen wäre zudem die Diskontierung von Lebensversicherungs- und Altersvorsorgeprodukten.
Relevant ist Nagels Prognose zum EZB-Zinsentscheid deshalb insbesondere für Finanzberater, Vermögensverwalter und institutionelle Anleger. Da die EZB selbst erst für 2027 mit einem Abklingen der Teuerung rechnet, wird die Zinsdiskussion die Branche voraussichtlich noch über mehrere Quartale hinweg beschäftigen.














