Anfang März haben wir unsere neue Marktstudie zu Überschussbeteiligungen und Garantien in der Lebensversicherung veröffentlicht. Sie zeichnet ein Bild, das auf den ersten Blick beruhigt: Trotz eines weiterhin anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfelds gehen die Deklarationen in den verschiedenen Produktsegmenten zumindest leicht nach oben. Zudem schätzen die Versicherer ihre Geschäftserwartungen für das laufende Jahr tendenziell positiv ein.
In den Prognosen der Anbieter liegen fondsgebundene Policen ganz vorne, die betriebliche Altersversorgung gewinnt weiter an Dynamik und auch die Berufsunfähigkeitsversicherung behauptet ihre Rolle als relevanter Neugeschäftsanker. Angesichts schwacher Konjunktur, geopolitischer Krisen und hoher Regulierungs- und Wettbewerbsdichte ist dies ein achtbares Signal.
Doch die Stimmungswerte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Fundament der Branche weiter verschiebt. Klassische Garantieprodukte verlieren in der Gunst der Unternehmen spürbar an Gewicht, während kapitalmarktorientierte Lösungen die Taktung vorgeben. Die Branche stellt sich auf ein Umfeld ein, in dem Renditechancen stärker gefragt sind als deckungsstockgebundene Sicherheitsversprechen. Die gestiegenenÜberschussbeteiligungen sind daher weniger Ausdruck einer neuen Komfortzone, alsvielmehr eine Momentaufnahme in einem Markt, der sich strukturell neu sortiert.
Nicht zuletzt treibt auch der Gesetzgeber diesen Wandel voran. Die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge und die geplante Frühstartrente setzen bewusst auf renditestärkere, kapitalmarktnähere Konzepte. Damit wird ein Paradigmenwechsel politisch manifestiert: Weg von Garantieprimat und Leibrente, hin zu Kapitalmarkt und Zeitrente. Gleichzeitig wird es für die Lebensversicherung dadurch schwieriger, sich von anderen Fonds- und Anlageprodukten zu differenzieren. Für die Anbieter bedeutet das nicht weniger als die Notwendigkeit, ihr Geschäftsmodell zu hinterfragen und zukunftstauglich zu machen.
Der Wettbewerbsdruck kommt dabei nicht nur aus der Regulierung. ETF-Sparpläne sind bereits seit Jahren auf dem Vormarsch und sprechen über Neobroker und digitale Investmentplattformen besonders die jüngere Klientel an. Sie stehen für Transparenz, Kostenbewusstsein, digitale Selbstbestimmung und unmittelbare Verfügbarkeit. Hier muss die Lebensversicherung ihren Platz neu (er)finden. Dabei liegt die Herausforderung nicht in ihrem fehlenden Nutzen, sondern in ihrer Wahrnehmung. Besser als jede Investmentlösung kann die Lebensversicherung Kapitalmarktpartizipation mit lebenslangen Garantien, dem Ausgleich im Kollektiv sowie der Abdeckung von biometrischen Risiken verbinden.
Aber genau diese Stärken – noch dazu in individueller Kombination – sind über reine Self-Services schwer zu vermitteln, sondern bedürfen auch in Zukunft einer qualifizierten Aufklärung und Kundenberatung. Um sich im Wettbewerbsumfeld zu behaupten, sollte dieLebensversicherung daher stärker als ganzheitliche Vorsorgelösung positioniert werden, die Schutz, Planbarkeit, kollektive Stabilität und letztlich auch Rendite liefern kann. Wer den Blick auf Lebensrisiken, Einkommenssicherung und Ruhestandsplanung lenkt, trifft den Kern des Kundenbedarfs.
Passenderweise haben wir unsere diesjährige Marktstudie mit dem Untertitel „Deklarationen auf Bewährung zwischen Garantie und Kapitalmarkt“ versehen, denn genau in diesem Spannungsfeld entscheidet sich die Zukunft der Branche. Für die einzelnen Anbieter gilt es, eine leistungsfähige Produktarchitektur mit den Erwartungen an Transparenz, Flexibilität, Kosten und digitaler Integration zu verbinden. Dabei wird entscheidend sein, die Vorzüge überzeugend zu kommunizieren und auch die Vermittler mitzunehmen. Gelingt der Spagat, kann die Lebensversicherung bei der langfristigen Finanzplanung auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen – entschlossenes Handeln vorausgesetzt.
Autor Lars Heermann ist Leiter des Bereichs Analyse und Bewertung bei Asskurata













