Mit der Aussicht auf eine Öffnung der Straße von Hormus ist das Umfeld für risikobehaftete Wertpapierklassen noch günstiger geworden. Denn die Indikatoren für das Wirtschaftswachstum und der KI-Boom weisen auf ein unterstützendes Wachstumsumfeld hin. Doch es gibt einiges zu beachten, wie etwa die Folgeschäden der Iran-Krise und die angestiegenen Inflationsrisiken.
Drei Kräfte bestimmen das Marktumfeld
Insgesamt dominieren also drei Kräfte das Geschehen am Finanzmarkt, die natürlich nicht unabhängig voneinander sind. Erstens beschreiben die Wachstumsindikatoren die Wirtschaftszyklusphase „inflationäres Wachstum“. Hierbei liegt die Inflation über dem Zentralbankziel von 2 %, und das um die Inflation bereinigte Wirtschaftswachstum liegt am beziehungsweise über dem Potenzial – im Durchschnitt über viele Länder betrachtet. Zweitens fördert der KI-Boom die Investitionen, die Fertigung, die Exporte, die Gewinne und die Aktienkurse – natürlich nicht in jedem Land und in jedem Sektor. In Ländern wie Taiwan sind die Exporte und das BIP-Wachstum kräftig gestiegen. Drittens erzeugt die De-facto-Schließung der Straße von Hormus einen stagflationären Impuls – höhere Inflation und niedrigeres Wachstum – mit ungewisser Intensität und erheblichen Tail-Risiken. Die Aussicht auf eine Öffnung hat die Planbarkeit verbessert.
Wachstum bleibt solide – aber nicht überall
Eine Auswahl der jüngsten Wachstumsindikatoren ergibt ein uneinheitliches aber insgesamt positives Bild. Werden die Länder auf globaler Ebene aggregiert, zeichnet sich jedoch erfreulicherweise ein Wachstum am Potenzial ab – trotz des Energiepreisanstiegs. Auch die Einkaufsmanagerindizes (PMI) für Mai senden eine ähnliche Botschaft: nach wie vor gutes Wachstum bei gleichzeitig zunehmender Divergenz. Schwächesignale lieferten vor allem Europa und der Dienstleistungssektor auf globaler Ebene. Der PMI für den Fertigungssektor deutet auf ein kräftiges globales Produktionswachstum um die 3% hin (auf das Jahr hochgerechnet).
USA: Konsum robust, Investitionen stark
In den USA war das reale Konsumwachstum mit 0,1 % im Monatsabstand eher schwach – aber mit 2,1 % im Jahresabstand immer noch kräftig. Bemerkenswert ist, dass der Konsum gestiegen ist, obwohl die realen Einkommen das dritte Mal in Folge geschrumpft sind und im Jahresabstand mit 1,1 % im Minus liegen. Das Konsumwachstum wurde durch einen Rückgang der persönlichen Sparquote auf ein niedriges Niveau finanziert (April 2025: 5,5 %, April 2026: 2,6 %). Positiv betrachtet sind die durchschnittlichen US-Konsument:innen bereit, „durchzuschauen“. Die Schätzung für das Konsumwachstum im zweiten Quartal liegt bei 2,5 %, auf das Jahr hochgerechnet. Positiv ist auch, dass die Frühindikatoren für die Unternehmensinvestitionen – Aufträge und Auslieferungen für Kapitalgüter – kräftig waren. Die Schätzung für die Investitionen im zweiten Quartal beläuft sich auf über 10 %, auf das Jahr hochgerechnet. Darüber hinaus hat die Aufschlüsselung des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal mit 12 % im Jahresabstand ein hohes Gewinnwachstum im Unternehmenssektor gezeigt – im gesamten Sektor, nicht nur bei börsennotierten Unternehmen. Darüber hinaus verdichten sich auch die Hinweise für eine Verbesserung des bis vor kurzem schwächelnden US-Arbeitsmarktes. Immerhin ist der Drei-Monatsdurchschnitt der neu geschaffenen Arbeitsplätze im Mai auf 188.000 angestiegen. Um die Arbeitslosenrate stabil zu halten, wäre derzeit ein Beschäftigungswachstum von rund 50.000 nötig. Weil jedoch die Schwankungen des Beschäftigungswachstums in den vergangenen Monaten ungewöhnlich hoch waren, ist die Einschätzung des zugrundeliegenden Wachstums unsicher. Die letzten Arbeitsmarktdaten liefern jedoch Hinweise dafür, dass das Konsum- und damit das Wirtschaftswachstum nun (noch) nachhaltiger aussehen.
Eurozone: Stabilisierung auf niedrigem Niveau
In der Eurozone ist das Wirtschaftsvertrauen, das von der Europäischen Kommission erhoben wird, im Mai leicht gestiegen. Das Niveau liegt noch deutlich unter jenem vom Februar. Für das BIP-Wachstum wird im zweiten Quartal eine annähernde Stagnation veranschlagt. Aber immerhin gibt es Anzeichen für eine Stabilisierung nach dem Rückgang. Der Einkaufsmanagerindex (Gesamtzahl) ist im Mai zwar weiter gefallen, aber gegenüber Schnellschätzung nach oben revidiert worden. Zudem befindet sich der PMI für die Fertigung über dem Niveau vom Februar.
China: Schwäche mit Hoffnungsschimmern
In China weist die Datenlage auf eine weitere Abschwächung des BIP-Wachstums im zweiten Quartal hin. Die Inlandsnachfrage ist besonders schwach. Auf der positiven Seite signalisiert die Gesamtheit der Einkaufsmanagerindizes im Mai eine Verbesserung. Eventuell fällt die Abschwächung weniger stark aus als gedacht.
Hormus-Öffnung nimmt Druck von den Märkten
Tatsächlich gibt es Hinweise auf Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran. Damit würde der stagflationäre Impuls, den die gestiegenen Energiepreise ausgelöst haben, nicht größer werden, sondern auslaufen. Als Reaktion ist der Ölpreis gefallen (Brent liegt bei 97 US-Dollar pro Fass).
Die Folgeschäden bleiben spürbar
Die Nachwirkungen der Schließung der Straße von Hormus werden jedoch noch Quartale zu spüren sein: Der Ölpreis wird wahrscheinlich über dem Niveau vom Februar bleiben. Denn es wird Monate dauern, bis sich der Schiffsverkehr durch die Meerenge normalisiert hat. Zudem sind Produktionsanlagen beschädigt worden. Engpässe bei der Energieversorgung sind nach wie vor denkbar – zumindest in einigen Ländern. Auch die Inflation wird in den nächsten Monaten über dem Ausgangsniveau bleiben. Nicht nur deshalb, weil die Energiepreise erhöht bleiben, sondern auch, weil Überwälzungen auf andere Inflationskomponenten wahrscheinlich sind. Der dadurch bewirkte Kaufkraftrückgang dämpft das reale Einkommen und damit das Wirtschaftswachstum – von Land zu Land unterschiedlich.
Inflationserwartungen rücken in den Fokus
Zu guter Letzt werden die Zentralbanken im Vergleich zum Februar stärker auf Inflationsbekämpfung ausgerichtet sein. Genauer gesagt geht es vor allem um die Bekämpfung der gestiegenen Inflationserwartungen. Denn einige Indikatoren für die langfristigen Inflationserwartungen sind gestiegen. Jener der University of Michigan ist auf 3,9 % gestiegen, jener der EZB auf 2,9 %. Es geht nicht darum, ob die Erwartungen richtig oder falsch sind. Beim Thema Inflationserwartungen geht es darum, ob sie über den Wirkungskanal der selbsterfüllenden Prophezeiung wahr werden könnten. Wenn genügend am Wirtschaftsprozess beteiligte Gruppen eine höhere Inflation erwarten, dann wird die Inflation tatsächlich steigen – Erwartungen schaffen dann Realität. Derzeit reflektieren die höheren Inflationserwartungen der Konsument:innen in den USA auch eine Stimmungslage. Wenn die Inflationserwartungen tatsächlich nachhaltig steigen, ist es zu spät. Dann reichen ein paar Zehntelprozentpunkte an Leitzinserhöhungen nicht mehr aus, um das einzufangen. Mehrere Hundert Basispunkte wären dann nötig. Aus diesem Grund signalisieren derzeit zahlreiche Zentralbanken ihre Bereitschaft zu Leitzinserhöhungen. Für die Europäische Zentralbank ist eine Leitzinsanhebung von 2 % auf 2,25 % am 11. Juni vollständig eingepreist. Für die US-Fed wird die nächste Zinserhöhung im März 2027 erwartet. Für das nächste Treffen des Fed-Offenmarktausschusses am 17. Juni wird zwar keine Leitzinsanhebung, aber zumindest eine Abkehr von der nach wie vor offiziell vorhandenen Neigung zu Leitzinssenkungen erwartet. Zusatz: Es könnte sein, dass unter dem neuen Fed-Vorsitz von Kevin Warsh die sogenannte Forward Guidance, also die Anleitung der Markterwartungen durch die Zentralbank, aufgegeben bzw. abgeschwächt wird.
Warum die Fed zu wachstumsfreundlich agiert
Zusätzlich drängt sich eine Fehlbepreisung auf. Eigentlich sollten für die Fed mehr Leitzinsanhebungen eingepreist sein als für die EZB. Denn das deutlich höhere US-Wachstum erlaubt eine leichtere Überwälzung der gestiegenen Energiepreise auf andere Inflationskomponenten. Zudem könnte die Arbeitslosenrate fallen, obwohl sie ohnehin schon niedrig ist, weil das Beschäftigungswachstum angestiegen ist. Schlussfolgerung: Die geldpolitische Haltung der Fed ist wahrscheinlich zu wachstumsfreundlich – und damit inflationsfördernd. Folgesatz: Diese Haltung schafft ein generell positives Umfeld für Aktien.
Drei Ausreißerrisiken für die Märkte
Wenn die Straße von Hormus zu lange geschlossen bleibt, drohen nicht nur ein neuerlicher großer Energiepreissprung, sondern auch Energieengpässe sowie Störungen in der globalen Lieferkette. Die Folge wäre eine Rezession. Wenn die Inflation zu lange auf einem erhöhten Niveau bleibt, droht ein anhaltender Anstieg der langfristigen Inflationserwartungen von immer mehr am Wirtschaftsgeschehen beteiligten Gruppen. Das könnte tatsächlich einen permanenten Anstieg der Inflation mit dazugehörigen kräftigen Leitzinsanhebungen bewirken. Auf der dritten Ebene könnten die hohen Gewinn- und Produktivitätserwartungen, die in die KI gesetzt werden, enttäuscht werden. Vergangene Woche ist das mit Broadcom geschehen. Zudem saugen die bevorstehenden Mega-Börsengänge (SpaceX, Anthropic, OpenAI) und Aktienemissionen (Alphabet, Meta) Liquidität vom Markt ab. Bis dato unterstützt der KIBoom jedoch das Wachstum. Hinweis: Die in diesem Beitrag angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar.
Fazit: Risk Assets mit Rückenwind – aber nicht ohne Risiken
Zusammengefasst ist auffällig, dass alle drei Kräfte inflationär wirken – positiv für „Real Assets“ wie Aktien. Zudem sind die Wachstumsindikatoren im Aggregat positiv, der KI-Boom hält an, und die Tail-Risiken rund um den Iran haben abgenommen – das unterstützt Risk Assets. Die Risiken sind jedoch nicht verschwunden. Die Straße von Hormus ist immer noch nicht geöffnet, der starke US-Arbeitsmarktbericht erhöht die Fed-Zinsanhebungserwartungen und die Mega-Börsengänge benötigen viel Liquidität.
Autor Gerhard Winzer ist Chefvolkswirt bei Erste Asset Management.















