Die zunehmende Eskalation des Iran-Kriegs sorgt an den Energiemärkten für wachsende Nervosität. Angriffe auf Tanker und Energieinfrastruktur sowie die erneute Einschränkung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus haben die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie lange strategische Ölreserven mögliche Lieferausfälle abfedern können.
Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) hat sich das Risiko für die weltweite Energieversorgung zuletzt erhöht. Zwar wurden bereits erhebliche Mengen aus den strategischen Reserven freigegeben, doch die Organisation warnt vor den Folgen einer länger anhaltenden Störung wichtiger Transportwege.
Bereits im Frühjahr beschlossen die IEA und ihre 32 Mitgliedstaaten die bislang größte koordinierte Freigabe strategischer Ölreserven ihrer Geschichte. Insgesamt sollen rund 400 Millionen Barrel zusätzlich auf den Markt gelangen, um Ausfälle aus dem Persischen Golf teilweise auszugleichen.
Strategische Reserven bleiben umfangreich
Nach Angaben von IEA-Direktor Fatih Birol wurden bislang rund 290 Millionen Barrel tatsächlich freigesetzt. Gleichzeitig verfügen die Mitgliedstaaten weiterhin über mehr als eine Milliarde Barrel staatlicher Notfallreserven, die bei Bedarf zusätzlich mobilisiert werden könnten.
Damit gelten die strategischen Lager kurzfristig weiterhin als wichtiger Puffer. Allerdings betont die IEA, dass die Größe der Reserven allein nicht über die Versorgungssicherheit entscheidet.
Ein Blick auf die größten strategischen Ölreserven zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten. Während die Vereinigten Staaten die größte offiziell ausgewiesene staatliche Ölreserve besitzen, verfügt China insgesamt über die größten strategischen Bestände. Dabei handelt es sich allerdings teilweise um Schätzungen, da Peking keine vollständigen offiziellen Daten veröffentlicht. Die chinesischen Zahlen umfassen neben staatlichen Reserven auch große kommerzielle Lagerbestände, die im Krisenfall genutzt werden könnten.
Strategische Ölreserven der wichtigsten Länder
| Land/Region | Strategische Ölreserven |
|---|---|
| China | ca. 1.541 Millionen Barrel |
| USA | ca. 413 Millionen Barrel |
| Japan | ca. 263 Millionen Barrel |
| OECD-Europa | ca. 132 Millionen Barrel |
| Saudi-Arabien | ca. 88 Millionen Barrel |
| Südkorea | ca. 78 Millionen Barrel |
| Iran | ca. 74 Millionen Barrel |
| Vereinigte Arabische Emirate | ca. 41 Millionen Barrel |
| Frankreich | ca. 33 Millionen Barrel |
| Indien | ca. 21 Millionen Barrel |
| Spanien | ca. 12 Millionen Barrel |
Quelle: US Energy Information Administration (EIA), Schätzungen für das erste Quartal 2026.
Vielmehr hängt die Lage entscheidend davon ab, ob ausfallende Lieferungen kurzfristig ersetzt und vor allem sicher transportiert werden können.
Transportwege werden zum entscheidenden Risiko
Die größte freie Förderkapazität besitzt weiterhin Saudi-Arabien. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate könnten ihre Produktion erhöhen. Zusätzliche Fördermengen helfen jedoch nur eingeschränkt, wenn Tanker die wichtigsten Seewege nicht sicher passieren können.
Besonders kritisch bleibt die Straße von Hormus. Durch die Meerenge werden unter normalen Bedingungen rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels transportiert. Gleichzeitig gefährden Angriffe der Huthi-Rebellen die Schifffahrt im Roten Meer, wodurch auch Ausweichrouten zunehmend unter Druck geraten.
IEA-Chef Fatih Birol warnt deshalb vor einer trügerischen Sicherheit. „Es gibt keinen Raum für Selbstzufriedenheit bei der Ölversorgung.“
Nicht nur die Menge zählt
Wie lange die Reserven tatsächlich reichen, hängt stark vom jeweiligen Land und dessen Importabhängigkeit ab. Die IEA-Mitglieder sind verpflichtet, Ölbestände für mindestens 90 Tage ihrer Nettoimporte vorzuhalten. Einige Staaten verfügen jedoch über deutlich größere Sicherheitsreserven.
Japan und Südkorea gehören zu den Ländern mit den größten Vorräten gemessen am Verbrauch. Deutschland erfüllt wie andere IEA-Mitglieder die Vorgabe von rund 90 Tagen über gesetzlich vorgeschriebene Pflichtlager, die vom Erdölbevorratungsverband verwaltet werden.
Wie lange reichen die Reserven?
| Land | Reichweite der Reserven |
|---|---|
| Japan | über 200 Tage |
| Südkorea | über 200 Tage |
| Deutschland | rund 90 Tage Nettoimporte |
| Frankreich | rund 90 Tage Nettoimporte |
| USA | mehrere Monate der Nettoimporte |
| China | offiziell nicht ausgewiesen |
Experten warnen vor längeren Lieferausfällen
Birol verweist darauf, dass die kommerziellen Öllager weltweit bereits deutlich geschrumpft seien. Eine länger anhaltende Unterbrechung der Lieferketten würde sich deshalb zunehmend auf die Versorgung auswirken. Besonders angespannt seien inzwischen die Märkte für Diesel und andere raffinierte Mineralölprodukte, deren Preisaufschläge deutlich stärker gestiegen seien als die für Rohöl.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Jason Bordoff, Direktor des Center on Global Energy Policy an der Columbia University. Aus seiner Sicht liegt das größte Risiko weniger in einer weltweiten Ölknappheit als in der Verwundbarkeit der Transportwege. Eine länger anhaltende Blockade der Straße von Hormus könnte die Energiepreise deutlich steigen lassen und den Inflationsdruck weltweit erneut erhöhen.
Auch Europa richtet den Blick zunehmend auf den kommenden Winter. Nach Einschätzung der IEA erschweren geringere Energielieferungen aus dem Nahen Osten das Auffüllen der Gasspeicher vor Beginn der Heizsaison. Fatih Birol betont daher, dass eine vollständige Wiederöffnung der Straße von Hormus entscheidend sei, um eine weitere Verschlechterung der globalen Energieversorgung zu verhindern.
Strategische Freigaben der IEA im Überblick
| Kennzahl | Stand |
|---|---|
| Beschlossene IEA-Freigabe | 400 Millionen Barrel |
| Bereits freigesetzt | rund 290 Millionen Barrel |
| Verbleibende staatliche IEA-Notfallreserven | über eine Milliarde Barrel |
| Anteil des weltweiten Ölhandels durch die Straße von Hormus | rund 20 Prozent |
Quellen: Internationale Energieagentur (IEA), US Energy Information Administration (EIA), Financial Times.














