Seltene Erden: Wie sich die Vormachtstellung Chinas brechen lässt

China und Seltene Erden
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Seltene Erden kommen zumeist aus China, das strende Exportkontrollen verhängt hat. Wie kann sich Europa davon befreien?

Eine neue Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag zeigt, wie tief Europas Abhängigkeit von China bei Seltenen Erden verwurzelt ist. Einfache Lösungen gibt es nicht – aber einen Weg, der funktionieren könnte.

Deutschland importiert rund die Hälfte der frühen Verarbeitungsstufen und 84 Prozent der weiterverarbeiteten Zwischenprodukte Seltener Erden direkt aus China. Bei der Raffination und Weiterverarbeitung kontrolliert die Volksrepublik nahezu 90 Prozent der weltweiten Wertschöpfung. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) hervor, die ein ernüchterndes Bild der europäischen Versorgungslage zeichnet.

Die Elemente stecken in Windrädern, Elektroautos, Smartphones und Kampfjets. Ohne Neodym kein leistungsstarker Elektromotor, ohne Dysprosium kein hitzebeständiger Permanentmagnet in Offshore-Windanlagen. Mit der Energie- und Mobilitätswende sowie der fortschreitenden Digitalisierung wird der globale Bedarf an diesen 17 Elementen weiter steigen.

Besonders heikel ist dabei ein strukturelles Merkmal dieser Rohstoffe: Eine strategische Bevorratung, wie sie bei Erdöl oder Gas denkbar wäre, scheidet aus. Verarbeitete Zwischenprodukte sind chemisch instabil und toxisch – kurzfristige Lieferengpässe könnten sich damit unmittelbar in der industriellen Produktion bemerkbar machen. Dass China seine Marktmacht gezielt nutzt, zeigte sich Ende 2023, als Peking die Exportgesetzgebung verschärfte und die Ausfuhr von Verarbeitungstechnologien untersagte.

EU-Ziele für 2030 sind ambitioniert – die Umsetzung dauert Jahrzehnte

Auf politischer Ebene hat die EU mit dem Critical Raw Materials Act reagiert. Bis 2030 sollen mindestens zehn Prozent des heimischen Verbrauchs aus europäischem Bergbau stammen, 40 Prozent aus eigener Raffination und 25 Prozent aus Recycling. Kein einzelnes Drittland soll mehr als 65 Prozent des Jahresbedarfs eines kritischen Rohstoffs abdecken dürfen.

Doch die Realität hält mit diesen Zielen nicht Schritt. Vom ersten Bohrkern bis zur laufenden Mine vergehen im Bergbau üblicherweise Jahrzehnte. Zwar sind Lagerstätten in Schweden, Grönland und Finnland sowie ein Vorkommen nahe Leipzig bekannt – erschlossen ist keine davon. Das TAB stellt klar: Auf neuen Bergbau allein zu setzen, greift zu kurz.

Deshalb sehen die Autoren in einer konsequenten Kreislaufwirtschaft den aussichtsreichsten mittelfristigen Hebel. In den kommenden Jahren werden immer mehr Elektroautos und Windkraftanlagen das Ende ihrer Lebensdauer erreichen – und damit theoretisch wertvolle Rohstoffe zurück in den Kreislauf bringen können.

Weniger als ein Prozent der Seltenen Erden wird in Europa recycelt

Derzeit liegt die Recyclingquote bei unter einem Prozent. Neben technischen Schwierigkeiten bei der Rückgewinnung aus komplexen Altprodukten zeigt sich ein weiteres strukturelles Problem: Weil Europa die nötigen Raffinationskapazitäten fehlen, müssen zurückgewonnene Sekundärrohstoffe für die finale Trennung häufig erneut nach China exportiert werden. Der Abhängigkeitskreislauf schließt sich damit auf paradoxe Weise selbst.

Das TAB empfiehlt daher ein Bündel konkreter Maßnahmen: verbesserte Sammel- und Rücknahmestrukturen, eine Ausweitung der Herstellerverantwortung sowie den Einsatz digitaler Produktpässe. Letztere sollen genaue Informationen über verbaute Materialien liefern und eine gezielte Sortierung beim Recycling ermöglichen.

Parallel rückt die Substitutionsforschung in den Fokus. Wissenschaftler arbeiten daran, den Anteil kritischer Schwererden wie Dysprosium oder Terbium durch Nanostrukturierung von Magneten zu reduzieren. Vielversprechend sind zudem natürlich vorkommende Materialien wie Tetrataenit sowie Hochtemperatursupraleiter, die Permanentmagnete grundsätzlich ersetzen könnten.

Drei Szenarien zeigen, wie unterschiedlich Europas Weg verlaufen kann

Da europäische Recyclingprodukte aufgrund höherer Umwelt- und Lohnstandards teurer sind als chinesische Primärware, schlägt das TAB flankierende Markteingriffe vor. Staatlich garantierte Referenzpreise oder der europäische CO2-Grenzausgleich könnten heimischen Herstellern Wettbewerbsgleichheit verschaffen. Ergänzend empfehlen die Autoren den Aufbau strategischer Rohstoffreserven als Puffer gegen extreme Preisschwankungen.

In drei Zukunftsszenarien für 2035 zeigt die Studie die Bandbreite möglicher Entwicklungen. Im pessimistischen Fall fragmentiert sich die Weltwirtschaft in isolationistische Blöcke: China festigt seine Dominanz, Europa scheitert an mangelnder Koordination und bleibt strukturell erpressbar. Ein mittleres Szenario bringt punktuelle Fortschritte durch mühsam ausgehandelte Rohstoffpartnerschaften mit Drittstaaten – lässt Europa aber weiterhin anfällig für Lieferkettenabrisse, sobald geopolitische Spannungen eskalieren.

Nur eine proaktive Souveränitätswende verspricht nach Einschätzung des TAB echte Unabhängigkeit: Wer frühzeitig und konsequent auf Recycling, Substitution und eine europäische Sicherheitsreserve setzt, kann sich langfristig aus der Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten befreien – weil ein Großteil der benötigten Rohstoffe dann bereits im eigenen Wirtschaftsraum im Kreislauf zirkuliert.

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