Ölpreis
Wir befinden uns momentan in dem größten Angebotsschock seit über 50 Jahren, seit dem OPEC-Embargo 1973 und die Lage scheint eher weiter zu eskalieren. Man sagt, wenn der Ölpreis um 10% steigt, dann kann die Inflation um 0,2% steigen. Seit Jahresbeginn befinden wir uns ungefähr bei einer Verdopplung des Ölpreises. Je länger diese Inflation oder diese Krisensituation anhält, umso stärker kann sich dieser hohe Ölpreis durch Zweitrundendeffekte dann auch auf andere Güterklassen auswirken, etwa auf Lebensmittel oder Gastronomie.
Industriegrundstoffe
Bei der Öl- und Gasproduktion entstehen sehr viele Nebenprodukte. Die Region am Persischen Golf ist daher ein global extrem wichtiges Logistikzentrum. Ein Beispiel sind Harnstoffe, die insbesondere für die Düngemittelherstellung notwendig sind. Ca. 35 Prozent der globalen Weltproduktion kommen aus der Region. Bei der Schwefelproduktion sind es ca. 25 Prozent des Weltmarktes. Das sind alles wichtige Produkte für chemische Prozesse, aber auch für die Düngemittelherstellung. Die Frühjahrsaussaat in Europa und in den USA ist nicht so stark davon betroffen, weil wir über recht hohe Vorräte verfügen. Die ärmeren Regionen der Welt haben nicht so hohe Vorräte. Die wird es jetzt definitiv stärker treffen, wenn es um die Lebensmittelpreise geht. Vom Persischen Golf kommen auch noch andere Stoffe aus dem Petrochemie-Bereich, etwa Polyethylen, das insbesondere für die Herstellung für Kunststoffe wichtig ist. Beispielsweise ist der Preis für medizinische Einmalhandschuhe schon um 50 Prozent gestiegen.
Helium
Katar stellt ein Drittel der globalen Heliumproduktion her. Die Produktionsanlagen wurden so stark beschädigt, dass man sie nicht mehr reparieren kann. Ein kompletter Neubau würde mehrere Milliarden kosten. Wir gehen daher davon aus, dass von den jetzt fehlenden 33 Prozent etwa 14 Prozent komplett wegfallen und auch die anderen rund 20 Prozent vermutlich erst wieder in zwei, drei Jahren an den Markt kommen werden. Die Verwendung von Helium in der Chipproduktion hat in den letzten Jahren massiv zugelegt. Vor zehn Jahren wurden ca. 5 Prozent des Heliumangebots für die Chipproduktion verwendet. Mittlerweile sind es um die 20 Prozent. In den nächsten Jahren wird dieser Anteil sogar auf 30 Prozent ansteigen. Der medizinische Sektor benötigt ebenfalls Helium, etwa für MRT-Anlagen. Auch die Luft- und Raumfahrt und der Rüstungsbereich benötigen Helium. Es ist definitiv ein Gas, das eine hohe Anwendung hat. Helium kann relativ gut recycelt werden. Die Chipproduktion sollte daher zumindest kurzfristig nicht allzu sehr in Gefahr sein. Es gibt jedoch regionale Unterschiede: Die großen Chiphersteller aus Südkorea beziehen 60 Prozent ihres Heliums direkt aus Katar. Die müssen sehen, wie sie diese Ausfälle ersetzen können. Der Kostenanteil, den Helium bei der Chipproduktion ausmacht, ist nur marginal. Auch eine Verdopplung oder Verdreifachung würde die Chipproduktion nicht massiv beeinflussen. Es geht eher um die Verfügbarkeit und dass es eventuell zu Produktionsausfällen kommen könnte.
Kerosin
Deutschland benötigt circa 9 Millionen Tonnen Kerosin pro Jahr. Und von diesen 9 Millionen stammen circa 2 Millionen Tonnen Kerosin aus der Golfregion, die momentan vom Markt wegfallen. Diese Lücke muss geschlossen werden. Die USA haben die Kerosinproduktion angehoben, was circa 10 Prozent des Kerosinmangels auffangen könnte. Insgesamt fehlen etwa 10 Prozent an Kerosin, die momentan einfach nicht zur Verfügung stehen. Die Lufthansa will 20.000 Flüge streichen, vor allem Kurzstreckenflüge. Das klingt nach viel, es ist aber nur ungefähr ein Prozent der Flüge, die wegfallen. Der Flugverkehr wird weiterhin aufrechterhalten, es ist aber kein Normalbetrieb. Jeder, der momentan noch keinen Flug gebucht hat, wird mit höheren Preisen zu rechnen haben.
Portfolio
Rohstoffwetten wären jetzt recht spekulativ. Man sollte aber sein Portfolio dahingehend überprüfen, ob man eine gewisse Rohstoffallokation hat. Sollte sich die Inflation über längere Zeit hartnäckig halten, dann kann es durchaus sinnvoll sein, vielleicht auch stärker in Öl- und Gasunternehmen oder in Bergbauunternehmen zu investieren. Man muss sich genau ansehen, welche Branchen und Unternehmen die Verlierer der hohen Ölpreise sind. Da haben wir natürlich die Fluggesellschaften, deren Margen definitiv unter Druck kommen. Ähnlich sieht es bei energieintensiven Unternehmen wie Chemieunternehmen aus. Man kann überlegen, solche Werte gezielt zu reduzieren, ich würde aber momentan keine allzu ganz großen Portfolioumschichtungen vornehmen. Sollte es doch kurzfristig zu einer Einigung kommen, dann kann sich die Lage auch schnell normalisieren. Auch dann gilt: keine schnellen Umschichtungen, sondern eine normale Anpassung mit Augenmaß. Was jetzt im Anleihensegment interessant sein kann, sind Inflationsindexierte Anleihen.
Gold
Gold ist gerade in diesen Krisensituationen ein sehr liquides Asset, das man dann schnell verkaufen kann, um andere Anlageklassen nicht unbedingt verkaufen zu müssen. Gerade inflationsbedingte Ereignisse, wie jetzt, sorgen oft dafür, dass das Zinsniveau ansteigt. Ein höheres Zinsniveau ist eine gewisse Konkurrenz zu Gold. Oft sind es Zentralbanken, die größere Goldmengen an den Markt bringen. Zum Beispiel hat die türkische Zentralbank Gold verkauft, um ihre Währung zu stabilisieren. Wir sehen Gold gar nicht als spekulative Anlageklasse. Für uns ist es eine wichtige Versicherung im Portfolio-Kontext und das hat sich auch über die letzten Jahre ausgezahlt. Wir achten eher auf die langfristigen strukturellen Trends, die für einen höheren Goldpreis sprechen. Die bleiben in aller Regel auch nach einer Krise weiterhin bestehen. Die Zinslast der Staaten wird über die nächsten Jahre deutlich höher sein. Die USA haben momentan ein Haushaltsdefizit von 7,5 Prozent – davon entfallen 4 Prozent nur auf die Tilgung der Zinsen. Das ist ein strukturelles Thema, das uns über die nächsten Jahre weiterhin betreffen wird. Viele Schwellenländer investieren vor allem ihre Währungsreserven direkt in Gold und etwas weniger in US-Staatsanleihen. Die BRICS-Staaten haben über die letzten zehn Jahre ihre Goldbestände erhöht und es zeichnet sich ab, dass diese Goldzukäufe auch weiterhin Bestand halten werden. Wir gehen davon aus, dass der Goldpreis auch in diesem Jahr eher eine Tendenz nach oben hat als nach unten.
Autor Christian Curac ist Leiter Asset Management der Fürst Fugger Privatbank.















