Bei der KI-Story schauen Anleger inzwischen deutlich stärker auf die Risiken. Die aktuelle Sicherheitsdebatte könnte den politischen Druck erhöhen und strengere Anforderungen an besonders leistungsfähige Modelle nach sich ziehen. Das dürfte deren Entwicklung verteuern oder verlangsamen. Der Bedarf an KI-Infrastruktur muss dadurch jedoch nicht automatisch sinken, da bestehende Modelle weiterhin Rechenleistung benötigen und die Integration von KI in Unternehmen voranschreitet.
Damit verschiebt sich die KI-Story zunehmend von der technologischen Entwicklung zur wirtschaftlichen Nutzung. Entscheidend ist, ob Unternehmen mit KI tatsächlich ihre Produktivität steigern und zusätzliche Gewinne erzielen können. Nach den Milliardeninvestitionen in Chips, Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur muss sich der wirtschaftliche Nutzen zunehmend in den Unternehmenszahlen zeigen.
Genau hier könnten die hohen Erwartungen zunächst auf die Realität treffen. Nach der jüngsten Einschätzung des IWF könnte KI die Produktivität in Europa über fünf Jahre um rund 1,1 Prozent steigern. Das wäre eher ein schrittweiser als ein großer kurzfristiger Effekt und zeigt, dass die wirtschaftliche Nutzung von KI möglicherweise mehr Zeit braucht, als die hohen Erwartungen an den Finanzmärkten vermuten lassen.
Hohe Renditen sind ein Belastungsfaktor
Der zweite Gegenwind kommt vom Kapitalmarkt. Viele KI-Aktien werden mit hohen Erwartungen an zukünftige Gewinne bewertet. Steigende Zinsen erhöhen den Diskontierungssatz und können damit gerade bei hoch bewerteten Wachstumsunternehmen auf die Bewertung drücken. Gleichzeitig werden 10-jährige US-Staatsanleihen bei Renditen um 5 Prozent als Alternative zu Aktien attraktiver.
Hinzu kommt der enorme Kapitalbedarf des KI-Ausbaus. Selbst finanzstarke Tech-Konzerne greifen neben ihren hohen Cashflows zunehmend auf Fremdkapital zurück. Amazon, Alphabet, Meta und Oracle haben bis Anfang Juli 2026 zusammen rund 194 Milliarden US-Dollar an Anleihen begeben.
Damit rückt auch der Kreditmarkt stärker in den Blick. Steigende Risikoaufschläge bei Tech-Anleihen würden signalisieren, dass Investoren für die Finanzierung des KI-Booms eine höhere Risikoprämie verlangen. Entscheidend wird deshalb sein, ob die milliardenschweren Investitionen schnell genug zusätzliche Gewinne und Cashflows erwirtschaften.
Ölmarkt verschärft das Zinsproblem
Ölpreise von mehr als 100 US-Dollar können die KI-Story auf zwei Wegen belasten. Direkt können höhere Energiekosten den Betrieb der stromintensiven KI-Infrastruktur verteuern, wobei der Effekt je nach Region und Energiemix unterschiedlich ausfällt. Indirekt erhöhen hohe Energiepreise den Inflationsdruck und erschweren damit eine Lockerung der Geldpolitik. Bleiben Zinsen und Anleiherenditen länger hoch, steigen Finanzierungskosten und Bewertungsdruck auf KI-Unternehmen.
Zu Wochenbeginn gibt es zumindest etwas Entspannung. Brent-Futures fallen um rund 2 Prozent auf unter 102 US-Dollar, während die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen wieder unter 5 Prozent rutscht. Für eine Entwarnung ist es allerdings zu früh. Aus der kurzfristigen Entspannung müsste erst ein nachhaltiger Trend werden.
Was jetzt für die KI-Story sprechen würde
Im optimistischen Szenario wäre eine Kombination aus klarer Regulierung, sinkenden Ölpreisen und Anleiherenditen sowie messbaren Produktivitätsgewinnen durch KI. Dann könnten sich die hohen Investitionen zunehmend in Gewinne und Cashflow übersetzen und die KI-Story fundamental untermauern.
Im Risikoszenario verzögert strengere Regulierung die Entwicklung neuer Modelle, während Inflation und Renditen hoch bleiben. Werden gleichzeitig KI-Investitionen zurückgefahren oder liefern sie geringere Renditen als erwartet, könnten Anleger ihre langfristigen Wachstumserwartungen deutlich nach unten korrigieren.
Die Aktienauswahl wird entscheidend
Nicht jede KI-Aktie ist automatisch ein gutes Investment. Anleger sollten sich jedoch von den Auf und Abs der KI-Story nicht verunsichern lassen, sondern genau hinschauen, welche Unternehmen langfristig überzeugen.
Entscheidend ist das persönliche Chance-Risiko-Verhältnis. Wer weniger Schwankungen möchte, kann auf profitable Marktführer mit soliden Bilanzen setzen. Wer mehr Risiko eingeht, findet bei Unternehmen in früheren Wachstumsphasen möglicherweise größere Renditechancen, muss aber auch deutlich stärkere Kursschwankungen aushalten.
Autor Maximilian Wienke ist Marktanalyst be eToro.














