Michael Burry: Diese Short-Wetten gegen die KI-Rally hält er noch

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Michael Burry im Porträt vor fallenden Aktiencharts mit Nvidia- und Palantir-Kurslinien im Hintergrund
KI-generierte Illustration mit ChatGPT/OpenAI; Darstellung von Michael Burry ist KI-generiert.
Bekannt wurde Burry mit seiner Wette gegen den US-Immobilienmarkt 2008 – heute richtet er den Blick auf die Bilanzen der KI-Branche.

Michael Burry sagte 2008 die US-Immobilienkrise voraus und wettet seit Herbst 2025 offen gegen die KI-Rally an der Wall Street. Anfang September 2026 hat er einen Teil seiner Short-Wetten gegen Nvidia und Palantir überraschend aufgelöst. Was er noch hält und warum seine Bilanz seit 2017 zur Vorsicht mahnt.

Michael Burry hat sich in dieser Woche überraschend aus einem großen Teil seiner eigenen Wall-Street-Wette zurückgezogen. Der „Big Short“-Investor meldete über seinen Newsletter, er habe seine auf Dezember 2026 datierten Put-Optionen auf Nvidia und Palantir geschlossen, ohne sie zu verlängern. Zugleich reduzierte er praktisch jede andere Position in seinem Portfolio und baute Barmittel auf. Seinen Kommentar dazu hält er knapp: „Das wird ein interessanter Herbst.“ Für Berater und Vermögensverwalter ist das mehr als eine Randnotiz, denn der Rückzug wirft eine Frage auf: Was bleibt von der monatelangen Bilanzkritik übrig, die Burry gegen die KI-Rally vorgebracht hat – und wie belastbar ist sie tatsächlich?

Vom Mediziner zur Investorenlegende

Burry, Jahrgang 1971, brach eine Facharztausbildung in Neurologie an der Stanford University ab, um sich ganz dem Investieren zu widmen. Im Jahr 2000 gründete er den Hedgefonds Scion Capital. Zwischen 2005 und 2008 wettete er über Credit Default Swaps gegen den amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt, und zwar gegen erheblichen Widerstand eigener Investoren, die ihm zeitweise das Kapital entziehen wollten. Am Ende stand ein persönlicher Gewinn von rund 100 Millionen US-Dollar, während seine Anleger mehr als 700 Millionen US-Dollar verdienten. Autor Michael Lewis machte aus dieser Geschichte das Buch „The Big Short“, Schauspieler Christian Bale spielte Burry im gleichnamigen Film. 2013 legte er den Fonds unter dem Namen Scion Asset Management neu auf. Im November 2025 meldete er ihn bei der US-Börsenaufsicht SEC ab, mit dem knappen Hinweis, er sei „auf dem Weg zu besseren Dingen“.

Vom 13F-Filing zum eigenen Newsletter

Jene „besseren Dinge“ entpuppten sich als der Substack-Newsletter „Cassandra Unchained“, den Burry Ende November 2025 startete und der nach eigenen Angaben binnen weniger Monate rund 300.000 Abonnenten gewann. Wenige Tage zuvor, am 3. November 2025, hatte er über ein 13F-Filing offengelegt, dass Scion Put-Optionen im Wert von 900 Millionen bis über einer Milliarde US-Dollar gegen Nvidia und Palantir hält. Palantir-Chef Alex Karp wirft ihm daraufhin in einem CNBC-Interview „Marktmanipulation“ vor. Burry antwortet auf X, es überrasche ihn nicht, dass Karp mit seiner „Ontologie“ nicht einmal „ein simples 13F“ verstehe.

Die Wette ging zunächst nicht auf: Weil Nvidia und Palantir bis Jahresende weiter zulegten, baute Scion die auf Dezember 2025 datierten Optionen im ersten Quartal 2026 wieder ab. An seiner Grundthese hielt Burry allerdings fest.


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Der Sommer der neuen Short-These

Am 21. August 2026 erklärte Burry, der KI-Ausbau wiederhole die „Machenschaften“ von 2008: Ein wachsender Teil von Nvidias Umsatz sei „zirkulär finanziert“, weil Kunden ihre Chip-Käufe zunehmend über Kredite, Zweckgesellschaften und komplexe Kapitalstrukturen finanzierten, die Bilanzrisiken verschleierten. Fünf Tage später, am 26. August 2026, legte er vor Nvidias Quartalszahlen nach: Zusätzlich zu den Puts halte er nun Nvidia-Kaufoptionen im Umfang von 3,5 bis 4 Prozent seines Portfolios – ausdrücklich als Absicherung gegen sein gewachsenes Short-Buch, nicht als Kurswette. Dieses Short-Buch summierte sich zu diesem Zeitpunkt auf mehr als 21 Prozent des Portfolios, mit Oracle, Palantir, Nebius und Caterpillar als größten Einzelpositionen neben Nvidia.

Am 3. September 2026 folgte eine detaillierte Bilanzanalyse zu Palantir. Die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen seien in neun der vergangenen zwölf Quartale schneller gewachsen als der Umsatz, ein Muster, das Burry als möglichen Hinweis auf „Channel Stuffing“ oder aggressive Umsatzrealisierung wertet. Der Anteil eines einzelnen Großkunden aus dem Behördengeschäft an den offenen Forderungen sei von unter zehn Prozent vor dem Börsengang auf 25 bis 26 Prozent gestiegen, obwohl dieser Kunde nie mehr als zehn Prozent des Umsatzes ausgemacht habe. Die durchschnittliche Zahlungsdauer (Days Sales Outstanding) habe sich von 35 Tagen 2020 auf 66 Tage 2025 nahezu verdoppelt. Zudem verwies Burry auf Privatjet-Kosten von Firmenchef Alex Karp in Höhe von 17,2 Millionen US-Dollar 2025 sowie darauf, dass Palantir trotz 1,6 Milliarden US-Dollar Vorsteuergewinn keine Bundessteuer gezahlt habe. Palantir hat sich zu den einzelnen Vorwürfen öffentlich nicht im Detail geäußert.

Wo Michael Burry aktuell short ist

RangPositionArt der WetteKernpunkt laut Burry
1OracleShortRekordumsatz, aber negativer freier Cashflow und stark steigende Schulden zur Finanzierung des KI-Kapazitätsausbaus
2PalantirPuts (2027), Dezember-2026-Puts abgebautBilanzielle Auffälligkeiten bei Forderungen, Kundenkonzentration, Bewertung als „AI-FOMO“-Titel
3Nebius GroupShortKomplexe Kapitalstruktur mit Wandelanleihen und Optionsscheinen
4NvidiaPuts (Dezember-2026 abgebaut) plus Calls als HedgeZirkuläre Finanzierung der Kundennachfrage, Sorge vor Margendruck
5iShares Semiconductor ETF (SOXX)ShortBranchenweite Bewertungswette auf Halbleiterwerte
6Micron TechnologyShortBewertung im Speicherchip-Zyklus
7CaterpillarShortIndikator für die Investitionsdynamik rund um Rechenzentren
8CoreWeaveShortStark fremdfinanzierte KI-Cloud-Infrastruktur

Warum auch unabhängig von Michael Burry Vorsicht angebracht ist

Burrys Thesen stehen nicht isoliert da. Das um Konjunkturzyklen bereinigte Shiller-KGV des S&P 500 lag Anfang September 2026 bei 40,75 und damit rund 25 Prozent über seinem langfristigen Durchschnitt von 32,6, nahe an historischen Höchstständen. Die zehn größten Werte im Index vereinen inzwischen rund 40 Prozent von dessen Gewicht auf sich, was die Diversifikationswirkung breiter US-Indexprodukte spürbar einschränkt. Berichten zufolge hat außerdem die Europäische Zentralbank vor Ansteckungsrisiken für die Eurozone gewarnt, sollte es an der Wall Street zu einer Korrektur der KI-Bewertungen kommen: Europäische ETFs mit direktem Engagement in US-Technologiewerten summierten sich demnach auf rund 440 Milliarden Euro.

Unabhängig davon liefert Oracle selbst Zahlen, die Burrys Kernkritik stützen. Im zum 31. August 2026 endenden Quartal wuchs der Umsatz um 30 Prozent auf 19,35 Milliarden US-Dollar, während die Investitionsausgaben von 8,5 auf 28,5 Milliarden US-Dollar hochschnellten. Der freie Cashflow blieb mit minus 5,4 Milliarden US-Dollar deutlich negativ, bei einer langfristigen Verschuldung von 125 Milliarden US-Dollar.

Michael Burrys Erfolgsbilanz mahnt zur Vorsicht

Wer die aktuellen Wetten einordnen will, kommt an Burrys Erfolgsbilanz seit 2008 nicht vorbei, und die fällt gemischt aus. Auf öffentliche Crash-Warnungen 2017 und 2019 folgten zweistellige Kursgewinne an den US-Börsen. Seine Tesla-Short-Position Ende 2020 lief gegen ihn, als sich der Kurs innerhalb weniger Monate mehr als verdoppelte. Seine Einschätzung, die GameStop-Rally sei auserzählt, widerlegte eine zweite Kursexplosion Anfang 2021. Im Juni 2021 warnte er vor der „Mutter aller Crashs“, die Märkte legten bis Jahresende jedoch weiter zu. Am deutlichsten zeigt sich das Muster im August 2023: Damals hielt Scion Put-Optionen im Volumen von 1,6 Milliarden US-Dollar gegen S&P 500 und Nasdaq, während beide Indizes im Jahresverlauf rund ein Viertel zulegten und die Optionen wertlos verfielen. Diese Historie entwertet die aktuellen Argumente nicht automatisch, sie sind unabhängig von der Treffsicherheit zu prüfen. Sie zeigt aber: Wer eine Short-Position im eigenen Depot spiegeln wollte, hätte damit in den vergangenen Jahren überwiegend Geld verloren, selbst wenn sich einzelne strukturelle Kritikpunkte im Nachhinein als berechtigt erweisen sollten.

Was Berater aus den Short-Wetten mitnehmen können

Für Berater und Vermögensverwalter liegt der Wert dieser Geschichte nicht darin, die Wetten nachzubilden. Burrys eigene Historie seit 2017 spricht dagegen, und Optionsstrategien mit kurzer Laufzeit eignen sich ohnehin nicht zur Nachbildung durch Privatanleger. Der Wert liegt in der Fragestellung, die er aufwirft: Wie stark hängt die aktuelle Marktbewertung an einer Handvoll KI-naher Titel, und wie solide sind die Finanzierungsstrukturen dahinter wirklich? Ein Shiller-KGV von über 40 und eine Marktkonzentration von 40 Prozent auf die zehn größten S&P-500-Werte geben unabhängig von Burry Anlass, Klumpenrisiken in Kundenportfolios zu prüfen. Das ist die eigentliche Konsequenz für die Beratungspraxis, nicht die Frage, ob der „Big Short“-Investor am Ende recht behält.


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