Siemens-Chef Roland Busch: Warum der KI-Boom den Konzern noch lange trägt

Google Cash. bei Google als bevorzugte Quelle markieren
Siemens-Logo vor dem Hauptgebäude
Bild: Oleksandr - stock.adobe.com
Rechenzentren treiben derzeit Smart Infrastructure, das margenstärkste Wachstumssegment im Siemens-Konzern.

Siemens-Chef Roland Busch nennt den KI-Investitionszyklus „die größte Wette der Geschichte auf Technologie" – eine Blase sieht er darin nicht. Nach einem Rekordquartal und angehobener Gewinnprognose stellt sich für Berater die Frage, wie belastbar diese Zuversicht ist und was sie für die Siemens-Aktie bedeutet.

Siemens-Chef Roland Busch nennt den aktuellen Investitionsschub in Künstliche Intelligenz „die größte Wette der Geschichte auf Technologie“. Eine Blase sieht er darin dennoch nicht. Die Mittel kämen überwiegend von Unternehmen mit „erheblichem Cashflow“, nicht aus geliehenem Geld, sagt Busch im Interview mit der „Welt am Sonntag“. Für Berater und Vermögensverwalter, die Kunden in Industriewerte mit KI-Exposure führen, ist die Einschätzung des Siemens-Chefs nach einem Rekordquartal hoch aktuell.

Was Siemens-Chef Roland Busch zur KI-Blasen-Debatte sagt

Zugleich warnt Busch vor zu strenger Regulierung. Ein KI-Gesetz wie der europäische AI Act brauche rund zwei Jahre bis zur Verabschiedung. In dieser Zeit entwickelten sich KI-Modelle aber „sechs- oder achtmal weiter“. Sein Fazit: „Wir hinken stets hinterher.“ Zu möglichen US-Zöllen auf chinesische Technologie positioniert sich Busch zurückhaltend. Er verweist auf „sehr leistungsfähige“ chinesische Wettbewerber mit starken Ingenieuren – ein Hinweis darauf, dass er von pauschalen Handelsbarrieren wenig hält.

Entscheidend für Anleger: Busch beziffert die Nachfrage nach KI-Rechenzentren, vor allem in den USA, als erheblichen Wachstumstreiber für Siemens. Dieses Momentum soll seiner Einschätzung nach „im kommenden Jahr und darüber hinaus“ anhalten. Die Datenmenge, die durch Training und Inferenz großer KI-Modelle entsteht, trifft aktuell auf begrenzte Rechenkapazitäten. Diese Konkurrenz um Ressourcen spricht laut Busch dafür, dass der Ausbauzyklus noch mehrere Jahre läuft. Damit bleibt Siemens-Chef Roland Busch bei seiner grundsätzlichen Zuversicht, auch wenn er regulatorische Bremsspuren nicht ausschließt.

Rekordquartal untermauert die Zuversicht

Die Aussagen fallen nicht in ein Vakuum. Bereits am 6. August 2026 hatte Siemens Zahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2026 vorgelegt, den Zeitraum April bis Juni – mit Bestwerten bei Auftragseingang, Umsatz und Ergebnis. Der Auftragseingang kletterte auf ein Rekordniveau von 27,9 Milliarden Euro, vergleichbar ein Plus von 13 bis 14 Prozent. Der Umsatz stieg auf 20,8 Milliarden Euro, ein Zuwachs von acht Prozent. Das Ergebnis je Aktie legte von 2,78 auf 3,14 Euro zu. Der freie Cashflow wuchs um 42 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro, auch der Auftragsbestand erreichte mit 132 Milliarden Euro einen Rekordwert.


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Besonders das Segment Smart Infrastructure profitiert vom Rechenzentrumsgeschäft. Es bündelt Netztechnik, Stromverteilung und Gebäudeautomation. Der Auftragseingang stieg dort um 42 Prozent auf einen Rekordwert von 8,0 Milliarden Euro, die Marge kletterte auf 20 Prozent. Allein in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres summierten sich die Rechenzentrumsaufträge auf rund sechs Milliarden Euro. Siemens hob daraufhin die Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2025/26 an: Das Ergebnis je Aktie soll nun zwischen 11,20 und 11,50 Euro liegen, zuvor waren 10,70 bis 11,10 Euro avisiert. „Wir sind auf Kurs für ein weiteres erfolgreiches Geschäftsjahr und heben unseren Ausblick an“, kommentiert Busch die Zahlen.

So verdient Siemens am KI-Rechenzentrumsboom

  • Stromversorgung: Mit dem Regeltechnik-Spezialisten Reinhausen entwickelt Siemens einen Solid-State-Transformer für 800-Volt-Gleichstromsysteme. Er wandelt Netzspannung bis 36 Kilovolt direkt in rack-taugliche Gleichspannung, mit weniger Umwandlungsverlusten und geringerem Platzbedarf als klassische Transformatoren. Die Ankündigung erfolgte am 14. August 2026.
  • Kühlung: Über die Sparte Smart Infrastructure bietet Siemens Lösungen zur thermischen Optimierung und Flüssigkühlung für hochverdichtete Rechenzentren an, unter anderem in Kooperation mit dem Spezialisten nVent.
  • Automatisierung und Software: Die im Januar 2026 auf der CES ausgebaute Partnerschaft mit Nvidia zielt auf ein industrielles KI-Betriebssystem. Sie reicht von KI-gestützter Elektronikentwicklung über GPU-beschleunigtes Chipdesign bis zur adaptiven Fertigungssteuerung.
  • US-Fertigung: Siemens investiert mehr als 200 Millionen US-Dollar in neue Werke in Pendergrass, Georgia, und Grand Prairie, Texas, zur Produktion elektrischer Ausrüstung für Rechenzentren.

Siemens moderater bewertet als Schneider Electric und ABB

Trotz der Zuversicht von Siemens-Chef Roland Busch bewertet der Markt die Aktie zurückhaltender als die der reinsten KI-Infrastrukturwetten im Wettbewerbsumfeld. Die Siemens-Aktie notierte Ende August 2026 bei rund 289 Euro, nahe ihrem 52-Wochen-Hoch von 291,25 Euro. Die Marktkapitalisierung liegt bei knapp 221 Milliarden Euro. Im Vergleich zu den wichtigsten Wettbewerbern im Rechenzentrumsgeschäft bleibt Siemens dabei moderater bewertet:

UnternehmenKGV (Stand August 2026)MarktkapitalisierungUmsatzwachstum (aktuelles Quartal)Dividendenrendite
Siemensca. 18,7ca. 221 Milliarden Euro+8 % (vergleichbar, Q3 GJ26)2,33 %
Schneider Electricca. 31,7ca. 170 Milliarden Euro+14 % (organisch, H1 2026)1,79 %
ABBca. 25 bis 30*ca. 145 Milliarden Franken+12 % (vergleichbar, Q2 2026)ca. 1,2 %
Honeywell Technologiesnicht verfügbar**ca. 69 Milliarden Dollar+4 % (organisch, Q2 2026)nicht verfügbar**
*Quellen nennen für ABB je nach Stichtag und Berechnungsbasis KGV-Werte zwischen rund 25 und 36 – die Bandbreite spiegelt unterschiedliche Berechnungszeitpunkte wider und sollte vor einer Anlageentscheidung mit einer aktuellen Quelle verifiziert werden. **Honeywell hat sich im Juni 2026 von seiner Luftfahrtsparte getrennt und firmiert seither als eigenständiger Automatisierungskonzern „Honeywell Technologies“. Historische Kennzahlen sind dadurch nur eingeschränkt vergleichbar, belastbare KGV-Werte für die neue Struktur lagen zum Redaktionsschluss nicht vor.

Auffällig ist: Siemens ist trotz vergleichbarem oder stärkerem Umsatzwachstum im Rechenzentrumsgeschäft günstiger bewertet als Schneider Electric und ABB. Ein Grund dafür dürfte die Diversifikation des Konzerns sein. Digital Industries, Mobility sowie die Beteiligungen an Siemens Healthineers und Siemens Energy verwässern die reine KI-Wachstumsstory, die Anleger bei Schneider Electric oder ABB stärker isoliert kaufen können.

Analysten sehen Kursziele zwischen 235 und 345 Euro

Die Reaktionen der Analysten bestätigen tendenziell den Kurs, den Siemens-Chef Roland Busch vorgibt, wenngleich die Einschätzungen auseinandergehen. Nach dem Rekordquartal haben mehrere Banken ihre Kursziele angehoben. Der Konsens liegt aktuell bei etwa 315 bis 330 Euro, das sind 10 bis 19 Prozent über dem aktuellen Kurs. Die Bandbreite reicht jedoch von vorsichtig bis sehr bullisch:

InstitutKurszielRatingDatum
JPMorgan345 EuroOverweight14.08.2026
UBS / Bernstein / Goldman Sachsje 330 EuroBuy/OutperformAugust 2026
Berenberg330 Euro (zuvor 320 Euro)Buy18.08.2026
RBC Capital Markets280 EuroSector PerformAugust 2026
Deutsche Bank270 Euro (zuvor 255 Euro)HoldAugust 2026
Barclays235 EuroUnderweightAugust 2026

JPMorgan begründet sein Kursziel damit, dass Siemens „überproportional“ vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitiere. Die Analysten verweisen dabei auf die Werksinvestition in den USA. Berenberg stützt seine Einschätzung auf die Solid-State-Transformer-Technologie, weil Stromversorgung zunehmend zum Engpassfaktor in Rechenzentren wird. Zurückhaltender sind Deutsche Bank und Barclays: Die Deutsche Bank bewertete bereits die Zahlen zum zweiten Quartal als „durchwachsen“ und sieht beim aktuellen Kursniveau begrenztes Potenzial. Barclays hält die Bewertung für ambitioniert.

Warum Siemens-Chef Roland Busch nicht das letzte Wort hat

Für Vermögensverwalter und Berater, die Kunden in Einzeltitel mit KI-Exposure begleiten, ergeben sich aus der Datenlage mehrere Einordnungen. Siemens partizipiert am Rechenzentrumsboom nicht spekulativ, sondern über belastbares, auftragsbestätigtes Wachstum in einem margenstarken Segment. Die Auftragslage von Smart Infrastructure ist bereits gebuchtes Geschäft, keine Prognose. Zudem bleibt die Bewertung im Branchenvergleich moderat, was das Risiko einer abrupten Neubewertung bei nachlassenden KI-Investitionen begrenzt, jedoch nicht ausschließt. Allerdings zeigt der Kurs bereits kurzfristige Gewinnmitnahmen: Zwischenzeitlich verlor die Aktie binnen einer Woche rund vier Prozent. Das ist ein Hinweis auf Nervosität, sobald sich das Sentiment zur KI-Blasen-Debatte eintrübt.

Ein strukturelles Risiko liegt in der von Busch selbst angesprochenen Frage, ob der KI-Investitionszyklus fundamental oder spekulativ getrieben ist. Seine Einschätzung, Investitionen seien überwiegend cashflow- statt schuldenfinanziert, ist eine Einordnung des Siemens-Chefs, keine unabhängig geprüfte Tatsache. Belastbare, extern verifizierte Daten zur Finanzierungsstruktur der globalen KI-Infrastrukturinvestitionen lagen zum Redaktionsschluss nicht vor. Auch regulatorische Risiken bleiben bestehen: Fällt die EU-KI-Regulierung strenger aus als von Busch erhofft, oder verschärfen sich Handelskonflikte um chinesische Technologie, könnten Rechenzentrumsbetreiber ihre Investitionsentscheidungen verzögern.


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