Trotz konjunktureller Schwäche, geopolitischer Unsicherheiten und steigender Kosten blickt die deutsche Versicherungswirtschaft auf ein solides Geschäftsjahr 2025 zurück. Über alle Sparten hinweg rechnet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit einem Beitragsplus von 6,6 Prozent. Allerdings sei dieses Wachstum zum Teil auch inflationsbedingt, betonte GDV-Präsident Norbert Rollinger auf der Jahrespressekonferenz in Berlin. „Jede Phase der Stabilisierung hinterlässt Spuren – bei Insolvenzen, bei Investitionen, bei Beschäftigung“, sagte Rollinger.
Und diese Entwicklung wirke sich mit zeitlicher Verzögerung auch auf die Versicherungswirtschaft aus: „Wenn weniger gebaut, weniger investiert und weniger konsumiert wird, bleibt das nicht ohne Folgen für uns.“ Stabilität sei in einer Wirtschaft im Wandel keine Selbstverständlichkeit, sondern eine dauerhafte Aufgabe.
Rollinger machte deutlich: „Für uns ist das kein Zustand, sondern eine dauerhafte Aufgabe, die viel Energie erfordert.“ Gleichzeitig steige der Veränderungsdruck, etwa durch Digitalisierung, Effizienzanforderungen und neue Kundenerwartungen – in einem Umfeld, das Transformation nicht einfacher, sondern komplexer mache. Für 2026 erwartet der GDV ein nominales Branchenwachstum von 4,7 Prozent. Das sei „solide“, spiegele aber ein Umfeld mit gedämpften Erwartungen wider.
Schaden/Unfall: Kfz erstmals wieder in der Gewinnzone
Besonders robust entwickelte sich die Schaden- und Unfallversicherung. Hier verzeichnet die Branche 2025 einen Beitragsanstieg von 7,7 Prozent. Haupttreiber war erneut die Kraftfahrtversicherung. Nach verlustreichen Jahren dürfte die Sparte erstmals wieder einen versicherungstechnischen Gewinn erzielen – auch weil wetterbedingte Schäden geringer ausgefallen seien. Rollinger verwies allerdings darauf, dass die Kfz-Versicherung weiterhin mit massiven Kostensteigerungen zu kämpfen habe: „Wir sind doch weiterhin in der Kfz-Versicherung mit überdurchschnittlichen Preissteigerungen bei Ersatzteilpreisen und bei den Stundensätzen in Werkstätten konfrontiert.“
Für 2026 rechnet der GDV mit moderaterem Wachstum, da die Inflation der Vorjahre zunehmend verarbeitet sei. Ob es erneut zu Beitragssprüngen kommt, hänge jedoch von den einzelnen Unternehmen ab. Der Verband lege keine Tarife fest, sondern fasse Marktentwicklungen zusammen. Rollinger betonte: „Die Situation sieht sehr unterschiedlich aus. Es gibt Gesellschaften, die schon seit zwei Jahren positiv sind – andere haben noch immer über 100 Prozent Combined Ratio.“
Das letzte Jahr mit einer Combined Ratio unter 100 Prozent sei im Übrigen 2021 gewesen – ein Corona-Sondereffekt: „Weil die Schadenhäufigkeit extrem gesunken ist, weil jeder zu Hause bleiben musste.“
Krankenversicherung: Kosten treiben Beiträge
In der privaten Kranken- und Pflegeversicherung stiegen die Beitragseinnahmen 2025 um 7,3 Prozent. Für 2026 prognostiziert der GDV sogar ein Plus von rund 10,5 Prozent. Hintergrund seien vor allem stark steigende Leistungsausgaben und höhere Kosten im Gesundheitswesen.
Lebensversicherung: Einmalbeiträge stabilisieren
In der Lebensversicherung erreichten die gebuchten Bruttobeiträge 2025 ein Plus von 5,1 Prozent. Das Wachstum stammt jedoch vor allem aus dem Einmalbeitragsgeschäft, das um rund 17 Prozent zulegte. Rollinger verwies auf gestiegene Reallöhne, gesunkene Inflationsraten und langfristig höhere Zinsen an den Kapitalmärkten.
Schwächer bleibt dagegen das Geschäft gegen laufenden Beitrag. Hier stagnierte das Wachstum 2025 bei 0,1 Prozent, für 2026 erwartet der GDV sogar einen Rückgang um 0,8 Prozent. Rollinger sieht dafür vor allem demografische Ursachen: „Eine alternde Gesellschaft kauft nicht mehr so viel Lebensversicherung. Meine Generation ist doppelt so groß wie die Generation, die jetzt eigentlich Lebensversicherung kaufen sollte.“
Zudem verlagerten sich Vermögensbestände weltweit stärker zu Banken und Fondsgesellschaften. Dennoch zeigte sich Rollinger zuversichtlich, dass die Branche den Trend mittelfristig drehen könne: „Wir passen uns in der Lebensversicherung an, wir stellen das auf neue Beine, wir modernisieren hier sehr stark.“ Ein entscheidender Faktor seien neue Chancen in der geförderten Altersvorsorge: Versicherer könnten Garantien bieten und lebenslange Renten zuverlässig zahlen. „Das sind zwei Elemente, die Kunden sehr wertschätzen, weil sie bei Altersvorsorge auf Sicherheit setzen“, so Rollinger.
Frühstartrente: GDV fordert digitale Einfachheit
GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen verwies auf drei zentrale Reformbausteine, die die Politik Ende 2025 vorgelegt habe: Frühstartrente, geförderte private Altersvorsorge und die Novelle des Betriebsrentenstärkungsgesetzes. Die Frühstartrente sei vielversprechend, weil sie Kinder früh an Kapitaldeckung heranführe und den stärksten Vorsorgehebel nutze: „Nämlich Zeit und Zinsen.“
Damit sie ein Erfolg werde, brauche es aus Sicht des GDV zwei Punkte: Erstens müsse das angesparte Kapital automatisch in eine geförderte private Altersvorsorge übergehen, „mit dem Ziel einer lebenslangen Zusatzrente“. Zweitens müsse es Familien möglich sein, freiwillig aufzustocken: „Wenn man gemeinsam spart und aus den zehn Euro vielleicht 40 oder 50 Euro macht, wirken Zeit und Zinsen deutlich stärker.“
Für die neue geförderte Altersvorsorge fordert der GDV ein einfaches Standardprodukt, gleiche Regeln für alle Anbieter und digitale Abschlussmöglichkeiten. Besonders kritisch sieht der Verband die Beratungspflicht im Online-Vertrieb. Asmussen sprach von einer „Sonderlocke“, die es in der EU nur in Deutschland und Frankreich gebe. Deshalb fordert der GDV „Waffengleichheit“: „Das Standardprodukt muss auch als Execution-Only-Verkauf durchgeführt werden können.“ Es gehe darum, im Wettbewerb mit Banken, Neobrokern und Fondsgesellschaften nicht benachteiligt zu sein.
Elementarschutz: GDV setzt auf „Elementar Re“
Eines der dominierenden Themen bleibt die Absicherung gegen Naturgefahren. Rollinger betonte, eine Pflichtversicherung verhindere „keinen einzigen Schaden“, sondern verteile nur Kosten. Entscheidend sei die Verbindung von Versicherung und Prävention: „Wer nur über Pflichten spricht, aber nichts an Bebauung, Raumordnung und Schutzmaßnahmen ändert, baut ein System auf Sand.“ Mit Blick auf steigende Extremwetterschäden warnte Rollinger vor Grenzen strikt risikogerechter Prämien: „In Hochrisikogebieten würden die Beiträge so stark steigen, dass viele Haushalte sie kaum noch stemmen könnten.“
Um die Versicherbarkeit zu sichern, schlägt der GDV das Sicherungssystem „Elementar Re“ vor. Rund 400.000 besonders exponierte Gebäude sollen in einem Pool gebündelt werden, Prämien würden gedeckelt. Finanziert werden soll die Lücke über einen kleinen Zuschlag auf alle Wohngebäudeversicherungen. „Viele leisten einen sehr geringen Beitrag, damit es für einige wenige nicht existenzbedrohend teurer wird“, sagte Rollinger. „Das ist gezielte Solidarität, kein Blankoscheck.“ Erst bei Extremereignissen mit Schäden ab 30 Milliarden Euro soll ein staatlicher Stop-Loss-Mechanismus greifen. Der Staat werde damit nicht zum Erstversicherer, sondern übernehme Verantwortung für absolute Ausnahmesituationen.
Die Nachfrage nach Elementardeckungen steigt: 57 Prozent der Wohngebäude sind inzwischen entsprechend abgesichert, drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Vermittler spielten hier eine zentrale Rolle, weil sie Kunden die existenzielle Dimension solcher Risiken verdeutlichten. Rollinger erinnerte an die Ahr-Flut: „Wir hatten Durchschnittsschäden von über 40.000 Euro pro Wohngebäude, viele Totalverluste.“
Klimaschutz: Versicherer sehen Geschäftsmodell in Gefahr
Auf die Frage nach Klimaschutz betonte Asmussen, der GDV verfolge seit Jahren einen zweigleisigen Ansatz: Klimawandel verlangsamen und Anpassung stärken. Rollinger machte klar, dass es auch um die Versicherbarkeit des Geschäftsmodells gehe: „Wenn die Temperaturerwärmung auf der Erde über drei oder dreieinhalb Grad geht, dann sind viele Dinge nicht mehr versicherbar.“
Regulierung: GDV warnt vor Überlastung
Asmussen kritisierte zudem die Regulierungsdichte in Europa. Allein im vergangenen Jahr seien 1.456 legislative Akte verabschiedet worden. Ein möglicher „Financial Services Omnibus“ müsse den gesamten Finanzsektor umfassen, nicht nur Banken. Besonders skeptisch ist der GDV gegenüber der geplanten Abwicklungsrichtlinie IRRD, die Bankenlogik auf Versicherer übertrage. Auch bei Solvency II fordert der Verband mehr Proportionalität für kleinere Unternehmen. Das Projekt FIDA (Open Finance) solle angesichts unklaren Nutzens und großer Risiken besser gestoppt werden.
Erhebliche Herausforderungen
Die Versicherungswirtschaft bleibt auf Wachstumskurs, doch die Herausforderungen sind erheblich: steigende Kosten, demografischer Gegenwind in der Lebensversicherung, Naturgefahren und ein hoher Regulierungsdruck. Elementarschutz und Altersvorsorge werden 2026 zu zentralen politischen Feldern – und die Branche will dabei stärker mitgestalten.
Infobox: Die wichtigsten GDV-Zahlen im Überblick (2025)
Versicherungswirtschaft insgesamt
Beitragseinnahmen: 253,6 Mrd. Euro (+6,6 %) · Leistungen: 211,1 Mrd. Euro (+0,5 %) · Verträge: 501,5 Mio. (±0,0 %)
Lebensversicherung
Gebuchte Bruttobeiträge: 99,4 Mrd. Euro (+5,1 %)
Laufender Beitrag: 66,4 Mrd. Euro (+0,1 %) · Einmalbeiträge: 33,1 Mrd. Euro (+16,9 %)
Vertragsbestand Leben: 82,8 Mio. (–1,7 %) · Riester-Bestand: 9,5 Mio. (–2,1 %) · Riester-Neugeschäft: 129.500 (+325,8 %)
Private Krankenversicherung
Einnahmen: 54,4 Mrd. Euro (+7,3 %) · Leistungen: 42,1 Mrd. Euro (+7,1 %) · Verträge: 40,8 Mio. (+1,8 %)
Vollversicherung: 8,8 Mio. · Zusatzversicherung: 32,0 Mio.
Schaden- und Unfallversicherung
Einnahmen: 99,7 Mrd. Euro (+7,7 %) · Leistungen: 69,4 Mrd. Euro (+0,6 %)
Kfz-Einnahmen: 38,6 Mrd. Euro (+13,4 %) · Combined Ratio Kfz: 96 % (2024: 104 %)
Wohngebäude-Einnahmen: 14,2 Mrd. Euro (+7,5 %) · Combined Ratio Wohngebäude: 90 % (2024: 99,6 %)
Kapitalanlagen
Erstversicherer: 1.623,3 Mrd. Euro · Lebensversicherer: 1.014,6 Mrd. Euro
Rentenquote (Leben): 76,6 % · Aktienquote (Leben): 4,3 %
Quelle: GDV „Jahresmedienkonferenz 2026 – Zahlen und Daten“ (Stand 04.02.2026).














