PKV: Genug ist zu wenig

Ein halbes Jahr nach Einführung der Unisex-Tarife zeigt sich, dass Neukunden in der privaten Krankenversicherung (PKV) mehr Qualitätsprodukte zur Auswahl stehen als in der alten Tarifwelt. Dennoch regt sich Kritik an den Mindeststandards der neuen Produkte.

Gerd Güssler, KVpro.de
Gerd Güssler, KVpro.de, befürwortet das Motto „Verbraucher gibt wenig, Verbraucher erhält wenig.“

Seit Einführung der Unisex-Tarife am 21. Dezember 2012 zahlen Männer und Frauen beim Abschluss  eines Neuvertrags denselben Beitrag.

Die PKV-Anbieter haben diese gesetzlich verordnete Angleichung dazu genutzt, ihre bisherigen Tarifstrukturen eingehend unter die Lupe zu nehmen. „Mit der Umstellung auf Unisex haben die Unternehmen ihre Tarifwelten teils gründlich gelichtet und geliftet“, sagt Gerd Güssler vom Informationsdienstleister KVpro.de im Rahmen eines Pressegesprächs gestern in Berlin.

Unisex halbiert Tarifangebot

Laut einer Marktanalyse der Freiburger Krankenversicherungsexperten hat sich das Tarifangebot mit der Unisex-Einführung um die Hälfte reduziert. Standen einem PKV-Interessent in der alten Bisex-Welt noch 1.518 Tarifangebote zur Auswahl, sind es nunmehr „nur“ noch 787 Tarifkombinationen.

Trotz deutlich weniger, aber generell besserer Tarifalternativen, sollten für den Käufer nach wie vor die gleichen Entscheidungskriterien gelten, betont Güssler: „Kaufe nach Leistung, kaufe das, was individuell, existenziell notwendig ist“.

Gleichwohl sei der gelichtete „Tarif-Dschungel“ für den Vertrieb hilfreich, meint der Analyst. Auch die Haftungsfragen und Risiken würden aufgrund der einhergehenden AVB-Klarstellungen, etwa im Hilfsmittelbereich, geringer, ergänzt Güssler, der im folgenden Beitrag aus der Juni-Ausgabe von Cash. ausführlich Stellung zur aktuellen Situation der PKV bezieht:

Es ist nur ein ganz kleines Minus, das der Vorsitzende des Verbandes der privaten Krankenversicherung (PKV), Reinhold Schulte, den zahlreich erschienenen Pressevertretern bei der Vorstellung der Branchenzahlen Ende April in Berlin erklären musste.

Hinter diesem kleinen Minus verbirgt sich die Zahl 0,2 – 0,2 Prozent weniger Menschen als noch 2011 waren zum Jahresende 2012 in der PKV vollversichert. In einer Branche, die seit zehn Jahren ununterbrochen gewachsen ist, muss solch ein Stillstand eigentlich als Rückschritt empfunden werden – zumal die wichtige Zielmarke von neun Millionen Privatversicherten erneut nicht geknackt werden konnte.

Insgesamt 8,96 Millionen Menschen befinden sich derzeit in der PKV, aber es ist fraglich, ob die Neun jemals eine Kommastelle weiter nach vorn rücken wird – schließlich steht im Herbst die Bundestagswahl an und in Berlin hat die PKV viele Gegner – allen voran in den Oppositionsparteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen.

Ende der privaten Vollversicherung?

Einige Experten mutmaßen, dass bei entsprechendem Wahlausgang bereits im Jahr 2015 das Ende der privaten Vollversicherung besiegelt sein könnte. An ihre Stelle würde dann eine gesetzliche Krankenversicherung (GKV) für alle rücken – eine sogenannte Bürgerversicherung, die von PKV-Manager Schulte aufgrund ihres verpflichtenden Charakters in „Bürgerzwangsversicherung“ umgetauft wurde.

Die Wortwahl macht deutlich, dass die privaten Krankenversicherer im Wahljahr die Konfrontation suchen – den vergleichsweise freundlichen Slogan aus dem letzten Jahr „Bürgerversicherung – nur der Name ist gut“ hört man nicht mehr so oft.

Stattdessen versucht die Branche, mit den wohl richtigen, aber schon oft gehörten Zahlen zu überzeugen: „Umfragen zeigen, dass rund 96 Prozent der PKV-Versicherten mit den Leistungen sehr zufrieden sind“, sagt Peter Thomas, Vorstandsvorsitzender Inter Versicherungsgruppe aus Mannheim.

Doch auch Thomas weiß, dass dies nicht reichen wird, um die Öffentlichkeit für den Erhalt des dualen Systems zu gewinnen. Unabhängig davon müsse sich die PKV auf ihre Stärken konzentrieren, Leistung und Service bieten, so Thomas, dann werde sich das Image in der Bevölkerung weiter verbessern.

Leistungsstärke verteidigen

Leistungen unabhängig von ihren Kosten zu gewähren, war immer eine Stärke der Branche, doch diese Stärke muss immer wieder neu herausgestellt und verteidigt werden. Das liegt auch daran, dass viele Versicherer auf günstige PKV-Einsteigertarife gesetzt haben, die den Versicherten weniger kosteten, im Gegenzug aber auch weniger Leistungen boten.

Als die Prämien dieser Tarife im vergangenen Jahr zum Teil im zweistelligen Prozentbereich anstiegen, weil sie mit der Erwartung auf steigende Einkommen ihrer Kundschaft kalkuliert wurden, die sich oftmals jedoch nicht erfüllte, brach ein Sturm der Entrüstung los.

Davon hat sich die Branche bis heute nicht ganz erholt. „Wie Sie wissen, waren es vor allem Billigtarife, die in die Schlagzeilen gerieten“, stellt Schulte dazu fest und ergänzt: „Mehrere große PKV-Unternehmen haben inzwischen diese umstrittenen Billigtarife eingestellt.“ Das bedeute einen bewussten Verzicht auf Neuzugang aus diesem Kundensegment, so Schulte. Auch dieser Umstand habe natürlich den Neuzugang 2012 beeinflusst.

Seite zwei: Unisex räumt mit Billigtarifen auf

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