3. August 2017, 11:34
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LV-Widerruf ist keine Wunderwaffe

Viele unzufriedene Versicherungsnehmer können ihre Lebens- und Rentenversicherungen widerrufen und rückabwickeln. Doch Experten raten zur Vorsicht.

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In der privaten Altersvorsorge geht der Anteil der klassischen Rentenversicherung immer weiter zurück.

Klassische Lebens- und Rentenversicherungen drohen immer mehr zu Ladenhütern zu werden. “Der Kunde kauft sie so gut wie nicht mehr”, stellte Manfred Knof, Deutschland-Chef der Allianz, vor kurzem ernüchtert fest. In der privaten Altersvorsorge sei der Anteil der klassischen Rentenversicherung auf unter zehn Prozent gesunken. Kein Wunder, schließlich werfen die Verträge jedes Jahr weniger ab, die Rendite sinkt. Viele Versicherer versuchen deshalb, ihre Lebensversicherung zu kündigen – oder zu widerrufen.

“Auf Grundlage eines Urteils des Europäischen Gerichtshofes aus dem Jahr 2014 können viele unzufriedene Versicherungsnehmer ihre Lebens- und Rentenversicherungen widerrufen und rückabwickeln – unabhängig davon, ob sie schon ausgelaufen sind, gekündigt wurden oder noch bestehen”, erläutert Dennis Potreck, CEO und Mitgründer von Motion8. Das Unternehmen hat einen Geschäftsprozess für automatisierte Rückabwicklungen von Lebens- und Rentenversicherungen entwickelt. “Wenn der Versicherungskunde beim Abschluss des Vertrages nicht korrekt über sein Recht zum Rückzug vom Vertrag (14- beziehungsweise 30-tägig) aufgeklärt wurde, hat er noch heute das Recht, den Vertrag zu widerrufen.”

“Kleine Schlampereien” können genügen

Allein in Deutschland seien bis zu 100 Millionen Verträge mit einem geschätzten Rückabwicklungswert von über 400 Milliarden Euro betroffen, die im Zeitraum vom 1. Juli 1994 bis 31. Dezember 2007 geschlossen wurden, so Potreck. Musterformulierungen des Gesetzgebers, die den Versicherern als Orientierungshilfe dienen, gibt es erst seit dem Jahr 2010.

“In etwa 60 Prozent der Fälle wurde nicht ordnungsgemäß über das Widerspruchsrecht aufgeklärt”, zitiert das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” Kerstin Becker-Eiselein, Leiterin der Abteilung Geldanlage bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Dort habe man im letzten Jahr über tausend Verträge untersucht.

Häufig seien es scheinbar kleine Schlampereien, die am Ende über tausende Euro entscheiden, schreibt das Magazin. So könne es schon genügen, wenn die Widerspruchsbelehrungen optisch nur unzureichend hervorgehoben wurden. Für unzufriedene Kunden klingt das nach einem verlockend einfachen Weg, aus ihren Verträgen zu kommen.

Seite zwei: Gerichtliche Auseinandersetzungen drohen

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5 Kommentare

  1. Noch ein Problem, das sich ergeben kann: Bei geförderten Produkten wie Riester, Rürup oder bAV ist der Ausstieg noch komplizierter oder teilweise gar nicht möglich.

    Kommentar von Christian — 4. August 2017 @ 13:34

  2. Versicherer erkennen zunehmend den Widerruf auch auf ein einfaches Musterschreiben des Kunden hin sehr rasch und professionell binnen weniger Tagen an. Der Kunde erhält gleichzeitig eine Abrechnung und Überweisung. Bis hierhin ist der Widerruf also ganz leicht.

    Fraglich ist indes, ob ihm damit wirklich gedient ist.

    Problematisch ist nämlich, dass Versicherer die in vielen wichtigen Details großenteils noch uneinheitliche Rechtsprechung nutzen, um jedenfalls ganz sicher nicht zu viel auszuzahlen. So habe ich nicht selten Abrechnungen gesehen, in denen der Kunde bei Widerruf sogar weniger bekam als ihm als Rückkaufswert bei Kündigung steuerfrei ausgezahlt worden wäre.

    Diese Widerrufsabrechnungen kann kein normaler Versicherungsnehmer und auch sonst nur wenige Fachleute überprüfen. Wenn er dann mehr als das durchsetzen will, was ihm der Versicherer ausgerechnet und gezahlt hat, braucht er einen wirklich qualifizierten und erfahrenen Anwalt. Und auch dann ist der Weg mühsam und das Prozessrisiko groß.

    Denn auf der Versichererseite stehen die erfahrendsten Anwälte, die genau wissen, wie auch zur Überzeugung vieler Gerichte die uneinheitliche Rechtsprechung genutzt werden kann, um höhere Forderungen nach erfolgtem Widerruf abzuwehren.

    Kommentar von Peter Schramm — 4. August 2017 @ 11:36

  3. Die Reaktionen sind nur die Sorge der Branche vor einem Flächenbrand. Denn wenn Der Wiederruf wirklich gemacht würde in der Breite (was bei den Immobiliendarlehen / Widerrufsjoker nicht geschehen ist) käme die Branche an existenzgefährdende Grenzen. Dann müsste der Staat einspringen. Das ist auch mit der Grund warum sich dieser so zurückhält und auf der Seite der Lebensversicherer steht. Wie beim Dieselgipfel: große Worte und geschwellte Brust im Vorfeld, um sich dann von der Industrie mal wieder vorführen (der besser: erpressen ?) zu lassen und zuzugeben: es geht nicht um den Bürger oder das Ganze. Es geht um Einzelinteressen und Macht. Fuck that shit.

    Kommentar von F. J. — 4. August 2017 @ 11:25

  4. Spätestens jetzt lohnt sich eine gute Rechtsschutzversicherung für die Kunden und attacke

    Kommentar von Jan Lanc — 4. August 2017 @ 09:25

  5. Wer sich an Anbieter wie Motion8 wendet ist selber schuld. Bereits an den hier zitierten Aussagen von Herrn Potreck erkennt man eklatante Wissenlücken. Der direkte Weg zur Verbraucherzentrale oder zum Anwalt kann nur jeden empfohlen werden, der kein Geld für zweifelhafte “Leistungen” bezahlen möchte und an einer echten Beratung interessiert ist.

    Kommentar von Leser — 3. August 2017 @ 12:41

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