Pflege: Eine Frage der Pflicht

Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig. Nicht einmal fünf Prozent der Bevölkerung besitzen eine Pflegezusatzversicherung. Der Vertrieb macht einen Bogen um das Thema. Dabei sollte es fester Bestandteil einer Beratung im Bereich Altersvorsorge sein. Teil eins

Daniel Bahr, Vorstand der Allianz Krankenversicherung: „Wir müssen das Thema Pflege in die gesellschaftliche Mitte bekommen.“

„Jedes dritte Mädchen wird 100 Jahre alt“. Ohne Zweifel war das eine öffentlichkeitswirksame Pressemeldung, mit der die Initiative „Sieben Jahre länger leben“, kurz nach Ostern an die Öffentlichkeit ging.

„Selbst 100 scheint kein Alter mehr“, schrieb die Organisation, hinter der sich die deutsche Versicherungswirtschaft wie auch der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) verbergen.

Im Auftrag von „Sieben Jahre länger leben“ hatte das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) berechnet, wie sich die Lebenserwartung in Deutschland in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Immer mehr Hundertjährige

Die Ergebnisse zeigen: Ein 100. Geburtstag wird – für Frauen – in Zukunft eher die Regel, denn eine Ausnahme. Nach den von den Rostocker Wissenschaftlern ermittelten Zahlen erreichen neugeborene Frauen in Deutschland ein Alter von durchschnittlich 94,8 Jahren.

Die Lebenserwartung der Männer beträgt 88,6 Jahre. „Ein Alter von 90 wird in Zukunft völlig normal“, sagt Dmitri Jdanov, verantwortlicher Wissenschaftler am Max-Planck-Institut.

Eigentlich sind die Prognosen der Wissenschaftler ein Grund zur Freude. Doch auch diese Medaille hat ein Revers. Denn mit der steigenden Lebenserwartung wird sich auch das Risiko erhöhen, zum Pflegefall zu werden.

Zerreißprobe für das Pflegesystem

Die Zahlen des Statistik Portals Statista sprechen hier eine deutliche Sprache. Im Dezember 2017 waren hierzulande rund 3,41 Millionen Menschen pflegebedürftig. Bis zum Ende der kommenden Dekade wird die Zahl der Betroffenen auf 3,55 Millionen Menschen anwachsen. Davon leidet die Hälfte an Demenz.

In den nächsten 15 Jahren werden rund 7,5 Millionen Menschen erstmalig Pflegeleistungen erhalten. „Davon betroffen sind – vorsichtig gerechnet – zwei Angehörige. Das heißt, es gibt ein Potenzial von rund 15 Millionen Menschen, die mittelbar mit der Pflege konfrontiert werden“, sagt Dr. Rainer Reitzler, Vorstandsvorsitzender des Münchener Vereins.

Hinzu komme, dass die Babyboomer langsam in das Pflegealter kämen, bei gleichzeitigem Rückgang der Erwerbstätigenquote. „Das alles wird in den nächsten Jahren zur Zerreißprobe für das Pflegesystem“, warnt Reitzler.

Seite zwei: System ist schon jetzt strapaziert

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