Seit seinem Amtsantritt hat Präsident Donald Trump eine Reihe zentraler Wahlversprechen eingelöst. Mit der Verabschiedung des von ihm als „One Big Beautiful Bill“ bezeichneten Gesetzes zur Steuerreform, gelang es seiner Administration, wesentliche Elemente der Steuersenkungen von 2017 dauerhaft festzuschreiben und zugleich neue Steuerbefreiungen für Trinkgeld- und Überstundeneinkommen durchzusetzen. Hinzu kamen umfangreiche Deregulierungsmaßnahmen, eine beschleunigte Genehmigungspraxis für Infrastruktur-, Energie- und Industrieprojekte sowie ein deutlich verschärfter Kurs in der Einwanderungspolitik: Die Abschaffung des CBP-One-Programms – eine App der US-amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörde –, verstärkter Militäreinsatz an der Südgrenze und ausgeweitete Abschiebungsmaßnahmen zählten zu den prägnantesten Maßnahmen dieser Phase. Auch im Bereich Technologie setzte die Administration erkennbare Akzente. So gibt es Initiativen zur Stärkung der US-amerikanischen Führungsrolle in der Künstlichen Intelligenz (KI), zur Förderung digitaler Vermögenswerte im Rahmen eines günstigeren Regulierungsrahmens sowie zur Revitalisierung der heimischen Halbleiterproduktion.¹
Doch trotz dieser Erfolge bleiben einige der ambitioniertesten Versprechen uneingelöst. Die versprochenen Senkungen von Inflation, Lebensmittel- und Energiepreisen sowie ein rasches Ende des Ukraine-Kriegs blieben hinter den Erwartungen zurück. Zudem verfehlten die eingeführten Zölle in Teilen ihre beabsichtigte Wirkung und belasteten stattdessen auch amerikanische Produzenten. Während politische Erfolge das Erbe einer Regierung mitformen, richtet sich das Urteil der Wählerinnen und Wähler erfahrungsgemäß nach ihrer unmittelbaren wirtschaftlichen Realität. Und die zeichnet sich derzeit durch steigende Kosten im Alltag aus.
„Drill Baby Drill“ trifft auf geopolitische Realität
Trump trat das Amt mit dem Versprechen an, die Energiekosten zu halbieren und unter dem Schlagwort „Drill Baby Drill“ die heimische Öl- und Gasproduktion massiv auszuweiten. Die Administration setzte auf Deregulierung und schnellere Genehmigungsverfahren, doch die US-Ölindustrie reagierte langsamer als erwartet: Viele Unternehmen priorisierten Aktionärsrenditen gegenüber aggressivem Kapazitätsausbau, was die Angebotswirkung der Energiepolitik begrenzte. Diese Ambitionen wurden schließlich von geopolitischen Entwicklungen konterkariert. Insbesondere durch den Krieg mit dem Iran.
Als die Vereinigten Staaten und Israel am 28. Februar 2026 koordinierte Militärschläge gegen den Iran einleiteten, reagierten die Märkte unmittelbar. Innerhalb weniger Tage stiegen die Rohölpreise um rund 65 Prozent. Der Krieg erschütterte die globalen Energiemärkte in ihren Grundfesten: Angriffe auf Ölinfrastruktur und die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran entzogen dem Weltmarkt einen erheblichen Teil des Angebots und lösten einen schweren Ölpreisschock aus.
Die Internationale Energieagentur (IEA) charakterisierte den Lieferausfall als die „größte Angebotsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts“.² In der Folge kletterte der Ölpreis von rund 60 US-Dollar pro Barrel zu Jahresbeginn 2026 auf mehr als 120 US-Dollar im März – mit erheblichem Aufwärtsdruck auf die Kraftstoff- und Haushaltsenergiekosten. Für eine amerikanische Öffentlichkeit, die bereits durch hohe Lebenshaltungskosten belastet war, hätte der Zeitpunkt kaum ungünstiger sein können.
Die politischen Folgekosten der Operation Epic Fury
Zwar konnte die heimische Ölfördermenge gesteigert werden, doch der sprunghafte Anstieg der globalen Rohölpreise überkompensierte diese Zugewinne und setzte amerikanische Verbraucher dauerhaft erhöhten Kraftstoffkosten aus. Die Folgewirkungen an der Zapfsäule ließen nicht lange auf sich warten: Der nationale Durchschnittspreis für eine Gallone Benzin stieg von rund drei US-Dollar vor der „Operation Epic Fury“ auf 4,56 US-Dollar, in Washington und einigen westlichen Bundesstaaten auf bis zu sechs US-Dollar.³
Dieser Energiepreisanstieg stellt eines der zentralen wirtschaftlichen Versprechen Trumps auf eine harte Probe und droht, zum bestimmenden Wahlkampfthema vor den Midterm-Wahlen im November zu werden. Zugleich illustriert er das grundlegende Spannungsverhältnis zwischen dem Ziel der Energieunabhängigkeit und einer aggressiven außenpolitischen Agenda.
Kaum ein Wirtschaftsindikator entfaltet politisch eine so unmittelbare Wirkung wie der Benzinpreis. Die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner verfolgen weder Öllagerdaten noch Raffineriemargen oder globale Schifffahrtsrouten. Was sie jedoch wahrnehmen, ist der Preis an der Zapfsäule – Woche für Woche. Genau das macht Kraftstoffpreise zu einem so wirksamen politischen Reizthema. Ob die Ursachen im In- oder Ausland liegen, spielt für die Wahrnehmung der Wählerinnen und Wähler in der Regel keine entscheidende Rolle: Steigende Kosten werden der amtierenden Regierung angelastet. Umfragen nach Ausbruch des Iran-Konflikts zeigten wachsenden öffentlichen Widerstand gegen eine vertiefte militärische Beteiligung, während die Zustimmungswerte der Trump-Administration in wirtschaftlichen Fragen nachgaben.
Die Demokraten hatten die Midterms ohnehin als Referendum über die Lebenshaltungskosten geplant und der Iran-Krieg lieferte ihnen eine neue Angriffslinie. Der Vorsitzende der Fraktion der Demokraten im Repräsentantenhaus, Pete Aguilar, brachte das demokratische Narrativ auf den Punkt: „Er schickt Milliarden unserer Steuergelder in den Nahen Osten für einen weiteren Krieg, während er Menschen aus dem Gesundheitssystem drängt und Ernährungsprogramme streicht.“⁴
Die Partei verknüpfte die Energiepreise nicht allein mit dem Krieg, sondern mit einem breiteren Muster ökonomischer Misswirtschaft: Zölle, Kürzungen im Gesundheitsbereich und ein Nahostkonflikt, der die Haushaltskasse an der Zapfsäule leerpumpt. Die wirtschaftlichen Auswirkungen reichen dabei weit über den Kraftstoffsektor hinaus. Höhere Energiepreise verteuern Transport und Produktion und erhöhen den Druck auf die Lebensmittelpreise. Landwirtschafts-, Industriebetriebe und Kleinunternehmer zählen in der Regel zu den Ersten, die die Konsequenzen spüren. Für Landwirte – eine der treuesten Wählergruppen Trumps – ist die Lage besonders prekär: Viele kämpfen bereits mit gesunkener Exportnachfrage infolge der Zölle, während steigende Dieselpreise die Margen weiter belasten.
Inflation kehrt zurück
Das makroökonomische Bild, das sich hinter den politischen Verwerfungen abzeichnet, ist ernüchternd. Eine dreimonatige Schließung der Straße von Hormus hat die annualisierte Inflation von 2,8 Prozent im Februar auf 3,8 Prozent im April getrieben und damit einen Teil der mühsam errungenen Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung zunichtegemacht. Nach Jahren erhöhter Preise verfügen viele Wählerinnen und Wähler über wenig Toleranz für erneute Kostensteigerungen.
Der Anstieg verschärft zugleich den Druck auf die US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die auf Trumps Drängen eigentlich Zinssenkungen in Betracht ziehen sollte. Ein erneuter Inflationsschub – vor allem in so sichtbaren Kategorien wie Kraftstoffpreisen – hat erhebliche politische Konsequenzen. Die Fed befindet sich in einer prekären Position: einem energiegetriebenen Schock gegenüberstehnd, für den ihr geldpolitisches Instrumentarium keine wirksame Antwort bereithält.
Die besondere Tücke der Situation liegt darin, dass höhere Ölpreise das Wirtschaftswachstum bremsen und gleichzeitig die Kosten erhöhen können. Ein Szenario, das als Stagflation bekannt ist und zu den politisch schädlichsten wirtschaftlichen Umfeldern zählt, mit denen eine Regierung konfrontiert werden kann. Die Parallelen zur Energiekrise der 1970er Jahre, einer der verheerendsten wirtschaftspolitischen Phasen der amerikanischen Geschichte, drängen sich auf.
Ein Friedensabkommen als politischer Rettungsanker
Nicht alle Entwicklungen laufen gegen die Republikaner. Sollten die USA und der Iran ein Friedensabkommen erzielen und die Straße von Hormus wieder geöffnet werden, würden die Ölpreise wahrscheinlich nachgeben – wenngleich eine Rückkehr auf das Vorkonfliktniveau alles andere als sicher ist.
Bis dahin bleibt die Lage fragil. Die iranischen Rohölexporte lagen im Mai bei unter 0,3 Millionen Barrel pro Tag, verglichen mit durchschnittlich 1,5 Millionen Barrel täglich im April, ohne erkennbare Zeichen einer Erholung des Tankerverkehrs durch die Straße von Hormus. Die politische Frage lautet deshalb nicht nur, ob die Ölpreise sinken, sondern ob sie schnell genug sinken, um den Wählerinnen und Wählern vor dem Urnengang Entlastung zu verschaffen. Historisch gesehen neigen Wählerinnen und Wähler dazu, die amtierende Regierung für wirtschaftliche Belastungen verantwortlich zu machen. Sollten die Kraftstoffpreise hoch bleiben und die Inflation weiter befeuern, könnten die Republikaner im November einen schweren Stand haben.
Der Kampf um den Kongress
Die Midterms könnten kaum bedeutsamer sein. Die Republikaner halten derzeit knappe Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses. Historisch verliert die Partei des Präsidenten bei Zwischenwahlen Sitze. Dieser Trend war bereits vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs erkennbar. Am stärksten gefährdet sind jene Wahlkreise, in denen die Benzinpreise am härtesten spürbar sind: Vorstadt-Pendlergebiete, ländliche, landwirtschaftlich geprägte Gemeinden, die auf Diesel angewiesen sind, und industrielle Arbeiterstädte, in denen Transportkosten unmittelbar das Budget belasten. Ein anhaltender Preis von sechs US-Dollar pro Gallone könnte die wirtschaftlichen Sorgen der Wählerinnen und Wähler dominieren und die politischen Erfolge der Regierung in den Schatten stellen.
Ob ein Friedensabkommen erzielt wird, die Ölpreise zurückgehen und die Inflation rechtzeitig abkühlt, um die Stimmung zu drehen, könnte letztlich das Kräfteverhältnis im Kongress bestimmen. Für die Republikaner ist das Szenario klar: Ihre beste Option ist ein dauerhaftes Friedensabkommen, das die Ölströme wiederherstellt, die Verbraucher entlastet und die wirtschaftliche Perspektive verbessert – noch bevor die Wahllokale öffnen. Gelingt das, mag der Krieg als strategischer Erfolg in die Geschichte eingehen. Gelingt es nicht, könnte sich der Fokus der Wählerinnen und Wähler weniger auf außenpolitische Errungenschaften als auf die Kosten des Tankens richten. Im November werden die Republikaner erfahren, ob der Krieg die politischen Kosten wert war oder ob die Wähler den markanten Spruch aus dem Trump-Film „The Apprentice“ wieder aufleben lassen: „You´re fired“.
Autorin Violeta Todorova ist Senior Research Analyst bei Leverage Shares und Income Shares.
- THE WHITE HOUSE: 365 WINS IN 365 DAYS: President Trump’s Return Marks New Era of Success, Prosperity, Januar 2026. https://www.whitehouse.gov/releases/2026/01/365-wins-in-365-days-president-trumps-return-marks-new-era-of-success-prosperity/
- IEA: Oil Market Report – March 2026, 12. März 2026. https://www.iea.org/reports/oil-market-report-march-2026
- Politico: War-driven gas spike puts pressure on summer travelers — and Republicans, 23. Mai 2026. https://www.politico.com/news/2026/05/22/war-driven-gas-spike-puts-pressure-on-summer-travelers-and-republicans-00933283
- House Democrats: Chairman Aguilar: Americans can’t afford their doctor’s visits or their groceries, or gas, but they’re watching the Trump administration send more tax dollars abroad, 17. März 2026. https://democrats.house.gov/newsroom/press-releases/chairman-aguilar-americans-cant-afford-their-doctors-visits-or-their-groceries-or-gas-but-theyre-watching-the-trump-administration-send-more-tax-dollars-abroad















