Das führt direkt zur nächsten Frage. Jahrzehntelang galt die Aufteilung von 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen als Standard. Hat dieses Modell heute noch eine Zukunft?
Berisha: Aus meiner Sicht nicht. Wer flexibel investieren kann, sollte diese Freiheit auch nutzen. Institutionelle Anleger sind häufig an regulatorische Vorgaben gebunden. Privatkunden dagegen müssen sich nicht künstlich einschränken.
Langer: Ich sehe das genauso. Gerade bei Stiftungen erleben wir noch immer sehr starre Anlagerichtlinien. Dabei müssten sich viele Gremien eigentlich fragen, wie sie künftig ausreichend Erträge erzielen wollen, um ihren Stiftungszweck dauerhaft finanzieren zu können. Oft dominiert noch immer der Blick auf die Kosten statt auf die Nettorendite. Privatkunden sind in dieser Hinsicht deutlich offener.
Bröning: Historisch entstand 60/40 aus der Überlegung, das Risiko über die Aktienquote zu steuern. Heute wissen wir, dass diese Betrachtung zu kurz greift. Es gibt nicht die eine Anleihe. Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, High Yield, Wandelanleihen oder Cat Bonds unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Risiko und Ertrag. Deshalb sollte moderne Asset Allocation nicht mehr ausschließlich über Anlageklassen, sondern über unterschiedliche Ertragsquellen gedacht werden.
Langer: Entscheidend bleibt aktives Risikomanagement. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass starre Portfolios auf außergewöhnliche Marktphasen nur unzureichend reagieren können.
Bröning: Einen Vorteil haben feste Quoten allerdings: Sie schaffen Rebalancing-Potenzial. Wer nach starken Kursverlusten noch ausreichend Liquidität oder defensive Bausteine besitzt, kann gezielt umschichten. Das spricht aber nicht für eine bestimmte Quote wie 60/40, sondern für eine disziplinierte Portfoliosteuerung.
Frau Berisha, Ihr Investmentprozess basiert auf Trendfolgesystemen. Wird damit die taktische Asset Allocation wichtiger als die strategische?
Berisha: Diese Unterscheidung spielt für uns eigentlich keine Rolle. Unser System trifft keine Entscheidungen aufgrund von Marktmeinungen oder Prognosen, sondern ausschließlich auf Basis von Daten. Es analysiert Risiko-, Ertrags- und Momentumsignale und baut daraus die jeweiligen Positionen auf. Gleichzeitig gelten klare Risikoregeln. Kein einzelner Sektor darf in unseren dynamischen Strategien mehr als zehn Prozent des Portfolios ausmachen. Verändern sich die Signale, wird automatisch umgeschichtet. Nicht, weil wir eine Meinung zu Öl, Technologie oder Donald Trump haben, sondern weil sich das Risiko verändert hat.
Langer: Unser Ansatz ist ähnlich. Auch wir orientieren uns nicht an täglichen Schlagzeilen, sondern an klar definierten Regeln. Aus meiner Sicht hat die Asset Allocation heute einen deutlich höheren Stellenwert als die Einzeltitelauswahl. Niemand kann die Zukunft zuverlässig prognostizieren. Deshalb müssen Portfolios so aufgebaut sein, dass sie flexibel auf neue Entwicklungen reagieren können. Emotionale Entscheidungen sind dabei fehl am Platz. Gerade in einem Umfeld, in dem sich Nachrichtenlagen permanent ändern, braucht es einen disziplinierten Investmentprozess.
Bröning: Ich stimme grundsätzlich zu. Gleichzeitig sollte man den Blick für langfristige Entwicklungen nicht verlieren. Ich bin beispielsweise überzeugt, dass uns finanzielle Repression noch viele Jahre begleiten wird. Die Staatsverschuldung ist so hoch, dass dauerhaft deutlich steigende Zinsen kaum finanzierbar wären. Deshalb dürften die Realzinsen langfristig negativ bleiben. Das spricht für Sachwerte. Neben Aktien gewinnen damit auch Rohstoffe sowie Wald- und Agrarinvestments an Bedeutung. Solche strukturellen Entwicklungen sollten Multi-Asset-Manager in ihren Portfolios berücksichtigen – unabhängig von kurzfristigen Marktbewegungen.
Welche alternativen Anlageklassen liefern heute tatsächlich Diversifikation? Und welche werden Ihrer Meinung nach überschätzt?
Langer: Zunächst einmal gilt: Mehr Anlageklassen machen ein Portfolio nicht automatisch besser. Derzeit erleben wir einen starken Fokus auf Infrastruktur, Private Debt oder Private Markets. Das kann sinnvoll sein – häufig wird aber unterschätzt, wie illiquide viele dieser Anlagen sind. Ich plädiere deshalb für Einfachheit. Mit klassischen Anlageklassen lässt sich bereits ein sehr flexibles und leistungsfähiges Portfolio aufbauen. Zusätzliche Bausteine sollten nur dann eingesetzt werden, wenn sie einen nachweisbaren Mehrwert liefern.
Berisha: Genau unter diesem Gesichtspunkt haben wir unser Anlageuniversum erweitert. Seit einigen Jahren können wir in ausgewählten Strategien auch Kryptowährungen einsetzen. Ausschlaggebend war nicht der Hype, sondern ihr Diversifikationseffekt. Unsere Analysen zeigen, dass kleine Beimischungen das Rendite-Risiko-Profil verbessern können, ohne die Volatilität wesentlich zu erhöhen. Ähnliches gilt für Rohstoffe. Während wir früher überwiegend über Fonds oder ETFs investierten, nutzen wir heute gezielt ETCs, um einzelne Rohstoffsegmente präziser abzubilden. Entscheidend bleibt allerdings das Risikomanagement. Jede zusätzliche Anlageklasse muss sich in unser Gesamtsystem integrieren lassen.
Bröning: Für mich ist genau das einer der größten Vorteile professioneller Multi-Asset-Fonds. Besteht ein Fonds lediglich aus Aktien und Anleihen, kann ich diese Kombination problemlos selbst nachbilden. Interessant wird es dort, wo Spezialthemen wie Cat Bonds oder andere alternative Ertragsquellen professionell integriert werden. Für einzelne Berater wäre das kaum effizient umzusetzen. Gerade solche Bausteine können die Diversifikation verbessern und gleichzeitig die Schwankungen eines Portfolios reduzieren.
Berisha: Entscheidend ist dabei, die Möglichkeit zu haben – nicht die Pflicht. Wir investieren beispielsweise nicht dauerhaft in Kryptowährungen. Je nach Marktphase sind wir investiert oder eben nicht. Diese Flexibilität ist wesentlich wichtiger als eine starre Quote.
Private Markets erleben derzeit einen regelrechten Boom. Sind ELTIFs aus Ihrer Sicht massentauglich?
Berisha: Ich bin eher skeptisch. Aus meiner Sicht werden derzeit Produkte für Privatanleger geöffnet, die viele weder verstehen noch ausreichend beurteilen können. Hinzu kommen komplexe Kostenstrukturen und langfristige Kapitalbindungen. Für erfahrene Investoren können solche Lösungen sinnvoll sein. Als Standardbaustein für Privatanleger sehe ich sie jedoch nicht.
Langer: Ich teile diese Einschätzung. Schon die Erklärung eines ELTIFs ist anspruchsvoll. Wie funktioniert das Produkt? Wie lange ist das Kapital gebunden? Welche Liquidität besteht tatsächlich? Unser Ziel ist es, Portfolios für Kunden nachvollziehbar zu halten. Deshalb sollten alternative Anlagen immer einen klaren Mehrwert liefern und nicht allein deshalb eingesetzt werden, weil sie gerade im Trend liegen.
Bröning: Genau deshalb sehe ich ELTIFs eher innerhalb professioneller Multi-Asset-Fonds als sinnvoll an. Dort übernehmen Spezialisten Auswahl und Steuerung. Der Berater muss nicht jede einzelne Anlageklasse bis ins Detail beherrschen, sondern kann sich auf einen professionellen Investmentprozess verlassen. Am Ende entscheidet ohnehin nicht die Produktgattung, sondern das Ergebnis. Liefert ein Multi-Asset-Fonds durch alternative Anlagen ein besseres Rendite-Risiko-Profil, dann spricht das für den Ansatz.
Künstliche Intelligenz ist inzwischen allgegenwärtig. Welche Rolle spielt sie heute bereits im Investmentprozess?
Langer: KI wird für uns vor allem deshalb immer wichtiger, weil die Menge verfügbarer Informationen kontinuierlich wächst. Wir nutzen sie im Research, zur Datenanalyse und bei der Auswertung großer Informationsmengen. Entscheidend bleibt jedoch der Mensch. KI kann Informationen strukturieren und Zusammenhänge aufzeigen – die Verantwortung für Anlageentscheidungen bleibt bei uns. Vermögensverwaltung ist und bleibt ein People Business. Gerade in schwierigen Marktphasen möchten Kunden mit einem Menschen sprechen und nicht mit einem Chatbot. Unsere Erfahrung lautet deshalb: Kunden kommen häufig wegen der Performance, bleiben aber wegen des Vertrauens.
Berisha: Wir arbeiten bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten mit einem algorithmusbasierten Investmentprozess. Das wird gelegentlich mit Künstlicher Intelligenz gleichgesetzt, ist aber etwas anderes. Unser System lernt nicht selbstständig und das ist auch gut so. Neue Anlageklassen oder Regeln werden zunächst von Menschen entwickelt und geprüft. Erst danach übernimmt der Algorithmus die Steuerung der Portfolios. Genau das halte ich für entscheidend. Eine vollständig selbstlernende KI würde zwangsläufig zu einer Blackbox werden, deren Entscheidungen kaum noch nachvollziehbar wären. Im Portfoliomanagement sollte die Verantwortung deshalb immer beim Menschen bleiben.
Bröning: Für mich ist KI ein Copilot. Sie macht den Piloten besser, ersetzt ihn aber nicht.Wer KI intelligent nutzt, kann Informationen schneller verarbeiten und fundiertere Entscheidungen treffen. Die Richtung gibt aber weiterhin der Mensch vor.
Langer: Genau darin sehe ich ebenfalls den entscheidenden Punkt. KI eignet sich hervorragend für die Analyse großer Datenmengen. Sie ersetzt jedoch nicht kritisches Denken. Gerade im Investmentprozess müssen Ergebnisse hinterfragt und eingeordnet werden.
Nachhaltigkeit hat zuletzt etwas an Aufmerksamkeit verloren. Welche Bedeutung hat ESG heute noch?
Langer: ESG bleibt Bestandteil unseres Investmentprozesses, steht heute aber nicht mehr im Mittelpunkt der Beratung. Anleger interessieren sich derzeit wieder stärker für Rendite und Risiko. Unsere Fonds erfüllen die Anforderungen nach Artikel 8 beziehungsweise Artikel 8 Plus. Für die eigentliche Anlageentscheidung ist ESG allerdings nur einer von mehreren Faktoren.
Berisha: Ich nehme den Markt differenzierter wahr. Es gibt Berater, für die ESG kaum noch eine Rolle spielt. Andere investieren ausschließlich in nachhaltige Strategien. Hinzu kommen regionale Unterschiede. Gerade institutionelle Investoren unterliegen teilweise verbindlichen Nachhaltigkeitsvorgaben. Deshalb wird ESG aus meiner Sicht dauerhaft Bestandteil des Marktes bleiben – wenn auch pragmatischer als noch vor einigen Jahren. Für uns war die Integration vergleichsweise unkompliziert, weil Nachhaltigkeitskriterien problemlos in unseren regelbasierten Investmentprozess eingebunden werden können.
Bröning: Die Diskussion ist heute deutlich nüchterner geworden. Noch vor wenigen Jahren wollten viele Anleger keine Rüstungsunternehmen im Portfolio. Heute wird häufig gefragt, ob entsprechende Titel vertreten sind. Das zeigt, wie stark sich gesellschaftliche Bewertungen verändern können. Hinzu kommen zahlreiche Zielkonflikte. Windenergie gilt beispielsweise als nachhaltig, gleichzeitig ist der dafür notwendige Rohstoffabbau oftmals mit erheblichen ökologischen Belastungen verbunden. Gerade solche Widersprüche machen ESG schwer vermittelbar. Deshalb wünschen sich viele Anleger heute vor allem eines: Zugang zu möglichst allen Anlageklassen – ohne sich unnötig einzuschränken.
Hinzu kommt die nach wie vor fehlende Standardisierung. Genau das erschwert die Beratung zusätzlich.
Langer: Richtig. Letztlich verlassen sich alle Marktteilnehmer auf externe ESG-Datenanbieter. Das macht es nicht immer einfach, Kunden die Bewertungen bis ins Detail nachvollziehbar zu erklären.
Zum Abschluss dieselbe Frage wie zu Beginn: Warum sollten sich Anleger heute für einen Multi-Asset-Fonds entscheiden?
Langer: Weil Diversifikation heute wichtiger ist denn je. Entscheidend ist allerdings nicht eine starre Aufteilung des Vermögens, sondern aktives Risikomanagement. Moderne Multi-Asset-Konzepte verbinden beides.
Berisha: Multi Asset nimmt Anlegern Komplexität ab. Professionelles Management, unterschiedliche Ertragsquellen und konsequente Risikosteuerung werden in einem Produkt gebündelt. Genau darin liegt der Mehrwert.
Bröning: Die Kapitalmärkte werden zunehmend komplexer. Unterschiedliche Ertragsquellen sinnvoll miteinander zu kombinieren, wird für Privatanleger und viele Berater immer anspruchsvoller. Professionell gemanagte Multi-Asset-Fonds können diese Aufgabe übernehmen und schaffen dadurch echten Mehrwert.
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