Frau Berisha, wenn Sie Multi Asset heute in einem Satz erklären müssten: Comeback, Pflichtbaustein oder Auslaufmodell?
Berisha: Pflichtbaustein. Ich bin seit über 20 Jahren im Geschäft und Multi Asset ist für mich nach wie vor ein zentraler Bestandteil einer professionellen Vermögensanlage.
Langer: Für uns ist Multi Asset weniger eine Produktkategorie als vielmehr eine Denkweise. Es geht darum, Vermögen über unterschiedliche Marktphasen hinweg optimal zu steuern.
Bröning: Für den Anlageberater ist Multi Asset ein unverzichtbarer Baustein. Die Kapitalmärkte sind deutlich komplexer geworden und professionelle Fondsmanager können Portfolios wesentlich schneller an veränderte Marktbedingungen anpassen, als dies im Rahmen einer klassischen Kundenberatung möglich ist.
Frau Berisha, ARTS setzt seit vielen Jahren auf regelbasiertes Risikomanagement. Hat das schwierige Marktumfeld die Bedeutung von Multi Asset aus Ihrer Sicht gestärkt?
Berisha: Ganz klar ja. Die gestiegene Komplexität der Märkte hat Multi Asset und aktives Asset Management wieder stärker in den Fokus gerückt. Das zeigt sich auch in den Ergebnissen. Mit unserer Momentum-Strategie liegen wir – je nach Produkt – seit Jahresbeginn bei knapp 20 Prozent im Plus. Natürlich gab es einzelne US-Technologiewerte, die zeitweise höhere Renditen erzielten. Gleichzeitig wurde dort aber auch deutlich, wie hoch die Verlustrisiken sein können. Deshalb bin ich überzeugt, dass aktives Asset Management und Multi Asset in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben.
Langer: Ich sehe ebenfalls kein eigentliches Comeback. Vielmehr ist Multi Asset in den vergangenen Jahren etwas aus dem Blick geraten. Mit der Rückkehr höherer Volatilität sind Anleihen, Rohstoffe und der gesamte Multi-Asset-Ansatz jedoch wieder deutlich attraktiver geworden. Letztlich ist Multi Asset wie eine Versicherung: Solange alles gut läuft, scheint sie niemand zu brauchen. In schwierigen Marktphasen sind Anleger froh, sie zu besitzen.
Bröning: Ich glaube ebenfalls, dass Multi Asset vor einer Renaissance steht. Über viele Jahre waren Zinsen praktisch bedeutungslos. Das hat allen Strategien geschadet, die Anleihen als Ertragsquelle nutzten. Künftig sollten wir Multi Asset jedoch weniger über klassische Anlageklassen definieren, sondern über unterschiedliche Ertragsquellen: Unternehmensgewinne über Aktien, Zinsen über Anleihen, Versicherungsprämien etwa durch Cat Bonds, Inflationsprämien über Rohstoffe oder Edelmetalle sowie Liquiditätsprämien. Wer möglichst gering korrelierende Ertragsquellen kombiniert, verbessert Diversifikation und Risikoprofil. Genau darin liegt für mich modernes Multi Asset. Ein klassisches 60/40-Portfolio mit etwas Gold reicht künftig nicht mehr aus.
Berisha: Früher bestand Multi Asset tatsächlich häufig nur aus Aktien und Anleihen. Das war unter damaligen Marktbedingungen durchaus nachvollziehbar. Wir verfolgen allerdings seit über 23 Jahren einen breiteren Ansatz und diversifizieren gezielt über unterschiedliche Ertragsquellen. Dass aktives Fondsmanagement zeitweise an Bedeutung verlor, lag aus meiner Sicht weniger an der Portfoliozusammensetzung als vielmehr am Siegeszug der ETFs. Sie waren günstiger und profitierten von jahrelang steigenden Aktienmärkten.
Dadurch gerieten Risikomanagement und Diversifikation zunehmend in den Hintergrund. Erst die vergangenen Monate haben vielen Anlegern wieder gezeigt, welchen Wert aktives Management bieten kann.
Als die ersten Multi-Asset-Fonds auf den Markt kamen, galten sie fast als eierlegende Wollmilchsau – geeignet für jedes Börsenwetter. Als die Märkte dann wirklich schwierig wurden, waren viele Anleger enttäuscht. Ist dieses Vertrauensproblem inzwischen überwunden oder arbeiten Sie noch immer daran?
Langer: Entscheidend ist nicht allein Diversifikation, sondern aktives Management. Starre Investitionsquoten reichen heute nicht mehr aus. Risiken müssen laufend gesteuert und maximale Drawdowns konsequent begrenzt werden. In unserem RLC Global Dynamic Fonds kann die Aktienquote beispielsweise flexibel zwischen null und 100 Prozent liegen. Auch die Anleihenseite wird aktiv gesteuert.
Hätten wir 2022 die Duration nicht deutlich reduziert, hätte unser defensives Portfolio mit rund 70 Prozent Anleihen ebenfalls Verluste von nahezu 20 Prozent erlitten. Stattdessen konnten wir den Gesamtverlust auf etwa fünf Prozent begrenzen. Gerade starre Modelle halte ich heute für überholt. Die vergangenen Jahre mit Pandemie, Inflation, Zinsschock, Krieg in Europa und geopolitischen Krisen haben gezeigt, wie wichtig aktives Risikomanagement geworden ist. Es ist heute der entscheidende Erfolgsfaktor – unabhängig davon, wie breit ein Multi-Asset-Portfolio diversifiziert ist.
Bröning: Die vergangenen Jahre haben viele Asset Manager zum Umdenken gezwungen. Über lange Zeit lieferten Anleihen kaum noch Erträge. Gleichzeitig wurde häufig übersehen, dass geringe Renditen nicht automatisch geringes Risiko bedeuten. Das Jahr 2022 hat diese Annahme eindrucksvoll widerlegt.
Wer heute einen aktiven Multi-Asset-Ansatz verfolgt, muss die vorhandenen Freiheiten konsequent nutzen. Dauerhaft an festen Quoten festzuhalten, halte ich angesichts der heutigen Marktbedingungen für überholt.
Berisha: Ich würde sogar noch weiter gehen. Starre Quoten haben mich nie überzeugt. Schon während der Finanzkrise 2008 wurde deutlich, wie schnell sich Marktbedingungen verändern können. Warum sollte man sich freiwillig auf feste Gewichtungen festlegen?
Wir arbeiten seit über 20 Jahren grundsätzlich mit Bandbreiten zwischen null und 100 Prozent – unabhängig davon, ob es um Aktien, Anleihen oder Liquidität geht. Das Risiko steuern wir nicht über starre Quoten, sondern über Diversifikation und klare Risikovorgaben. Einzelne Sektoren dürfen bei uns beispielsweise in der Regel nicht mehr als zehn Prozent des Portfolios ausmachen.
Krisen hat es immer gegeben – Finanzkrisen, Ölkrisen oder geopolitische Konflikte. Deshalb war Flexibilität aus meiner Sicht schon immer wichtiger als starre Allokationsmodelle.
Gleichzeitig verbreiten sich Krisen heute durch soziale Medien und digitale Nachrichtenkanäle deutlich schneller. Das erhöht den Handlungsdruck – sowohl für Anleger als auch für Fondsmanager. Herr Bröning, erleben Sie in der Beratung eigentlich noch Gespräche über Multi Asset oder fragen Kunden inzwischen fast nur noch nach ETFs?
Bröning: Die meisten Kunden kommen weder mit dem Wunsch nach einem ETF noch nach einem Fonds. Sie suchen eine Lösung für ihr Vermögen. Natürlich spielen Kosten eine Rolle. Entscheidend ist am Ende aber die Rendite nach Kosten. Ein aktiver Fonds darf deshalb gerne teurer sein – vorausgesetzt, er liefert dauerhaft einen Mehrwert. Gelingt ihm das nicht, ist ein ETF die bessere Wahl.
Viel wichtiger ist jedoch, zunächst die Erwartungen der Anleger zu kalibrieren. Viele orientieren sich an kurzfristigen Börsenhypes und erwarten außergewöhnliche Renditen. Langfristig sind sechs bis sieben Prozent pro Jahr bereits ein sehr gutes Ergebnis. Sind diese Erwartungen geklärt, stellt sich die Frage nicht mehr, ob ETF oder Fonds – sondern welche Lösung die Anlageziele am besten erfüllt. Gerade deshalb sehe ich Multi Asset als idealen Kernbaustein. Ein professioneller Manager kann das Portfolio laufend anpassen. Für viele Berater wäre dieser Aufwand im Tagesgeschäft kaum zu leisten.
Nach Jahren extrem niedriger Zinsen bieten Anleihen inzwischen wieder attraktive Renditen. Welche Bedeutung hat das für Multi Asset?
Bröning: Aus meiner Sicht eine sehr große. Über Jahre hinweg wirkten Anleihen in vielen Portfolios eher als Renditebremse. Mit der Zinswende erfüllen sie wieder ihre ursprüngliche Funktion als Ertragsquelle und Stabilitätsanker.
Berisha: Für unseren Investmentprozess spielt das aktuelle Zinsniveau dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Unser System entscheidet, ob Anleihen attraktiv sind oder nicht.
Wir können die Anleihequote jederzeit zwischen null und 100 Prozent steuern und investieren weltweit in unterschiedliche Segmente – von Staats- und Unternehmensanleihen bis hin zu Wandel- oder inflationsgeschützten Anleihen. Das hat sich insbesondere 2022 bewährt. Während viele Anleger von den Verlusten an den Rentenmärkten überrascht wurden, konnten wir durch unser regelbasiertes Risikomanagement frühzeitig reagieren. Letztlich spielt es für unser System keine Rolle, ob Zinsen steigen oder fallen. Entscheidend ist allein, wie sich Risiko und Momentum verändern.














