Das klassische 60/40-Portfolio aus Aktien und Anleihen verliert nach Einschätzung von Hamilton Lane an Diversifikationskraft. Deshalb sollten europäische Private-Wealth-Investoren ihren Blick stärker auf die privaten Kapitalmärkte richten. Das schreibt Sebastian Schu, Managing Director und Head of Germany & Austria, Client Solutions, in einem Marktkommentar. Anlass ist der erste deutsche „Invest in Germany Summit“ in Berlin. Dort wurde deutlich, dass öffentliche Gelder allein für den wirtschaftlichen Wiederaufschwung nicht ausreichen.
Hamilton Lane verweist auf eine Zahl: Rund 94 Prozent der Firmen in Europa, die über 100 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften, notieren nicht an der Börse. Wer sein Kapital ausschließlich in Aktien steckt, lässt demnach einen Großteil der europäischen Wirtschaft außen vor.
Ganz neutral ist das Unternehmen nicht: Hamilton Lane zählt nach eigenen Angaben zu den größten Investmentgesellschaften für Private Markets weltweit. Das Unternehmen berät seit mehr als 30 Jahren ausschließlich in diesem Bereich und betreute demnach zum Stichtag 30. Juni 2026 ein Gesamtvermögen von über 1,1 Billionen US-Dollar.
Warum das 60/40-Portfolio an Kraft verliert
Seit der Corona-Pandemie ist die Inflation zurückgekehrt. Aktien und Anleihen entwickeln sich laut Schu zudem häufiger parallel zueinander. Dadurch schwinde der Diversifikationseffekt, den die klassische Kombination aus beiden Anlageklassen früher bot. Hinzu kommen fiskalischer Druck, Handelskonflikte und steigende Verteidigungsausgaben. Sie trüben laut Schu die Aussichten für US-Staatsanleihen ein, verstärkt durch eine nachlassende Nachfrage ausländischer Käufer.
Gleichzeitig konzentrieren sich die Renditen an den öffentlichen Aktienmärkten auf eine immer kleinere Zahl von Unternehmen und Branchen. Für europäische Anleger kommt laut Schu ein weiterer Risikofaktor hinzu: ein oft unreflektiertes Engagement im US-Dollar. Steigt die US-Währung, wirken Portfolios für Euro-Anleger stärker, als sie tatsächlich sind. Dreht sich der Trend, zeigt sich schnell, wie viel der Rendite auf Wechselkurseffekten beruhte und wie wenig auf der Wertentwicklung der Vermögenswerte selbst. „Für diejenigen, die echte Diversifikation anstreben, kann ein traditionelles 60/40-Portfolio also zu kurz greifen“, so Schu.
Private Equity, Private Credit und ELTIFs als Ergänzung
Als Ergänzung nennt Schu vor allem drei Bausteine der privaten Kapitalmärkte. Private Equity, also Beteiligungskapital an nicht börsennotierten Unternehmen, kann demnach langfristiges Wachstum fördern. Private Credit und Infrastruktur-Investments sollen dagegen laufende Erträge sichern und Schutz vor Inflation bieten.
Der Zugang zu diesen Private Markets ist inzwischen deutlich einfacher als früher. Lange galten hohe Mindestanlagen, lange Haltefristen und aufwendige Kapitalabrufe als Hürde für Privatanleger. Mit dem ELTIF in der EU und dem vergleichbaren LTAF in Großbritannien sind die Mindestbeträge gesunken, zugleich ist die Verwaltung einfacher geworden. Die Agentur Scope beziffert den Zuwachs des in ELTIFs angelegten Vermögens im Jahr 2025 auf zwölf Milliarden Euro, womit ein neuer Höchststand von 34 Milliarden Euro erreicht wurde.
Diversifikation im Portfolio: Vom Sparer- zum Anlegermarkt
Deutsche Private-Wealth-Investoren haben sich laut Schu zunehmend von der traditionellen Sparbuch-Kultur verabschiedet und investieren stärker in wachstumsorientierte Anlagen. Der deutsche Markt entwickle sich damit vom Sparermarkt zum Anlegermarkt. Für eine echte Diversifikation im Portfolio reichten Aktien und Anleihen allein, wie im klassischen 60/40-Portfolio-Ansatz, nicht mehr aus, so die Einschätzung von Hamilton Lane.
Private Markets als Zugang zu Europas Zukunftsthemen
Schu sieht drei große Kräfte, die Europa in den kommenden Jahren prägen dürften. Erstens den Wiederaufbau industrieller Kapazitäten in Energie, Halbleitern und Batterien näher am eigenen Standort. Zweitens den Ausbau physischer und digitaler Infrastruktur wie Rechenzentren, Glasfasernetze und Satelliten. Drittens den demografischen Wandel. Dieser dürfte Investitionen in Medizintechnik und Hochschulbildung begünstigen und die Bedeutung der Unternehmensnachfolge in alternden Volkswirtschaften erhöhen.
Diese mehrjährigen Themen lassen sich an der Börse kaum eins zu eins abbilden, da sie dort selten als fertiges Anlageprodukt erscheinen. Angekündigte staatliche Investitionsprogramme, etwa die erwarteten deutschen Infrastrukturausgaben, reichten laut Schu allein nicht aus, um den Finanzierungsbedarf zu decken.
Öffentliche und private Märkte schließen sich dabei nicht aus. Börsennotierte Aktien behalten für Vermögensportfolios eine wichtige Funktion. Private Markets eröffnen darüber hinaus jenen Anlegern ein breiteres Bild Europas, die über das börsennotierte Segment hinausblicken wollen.













