Nord-Stream-Pipeline: Was Kushners Gespräche mit Russland für Gaspreise bedeuten

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Verwitterte Pipelineventile der Nord-Stream-Anlandestation an der Ostseeküste in der blauen Stunde.
KI-generiertes Bild (OpenAI)
Nur ein Strang der Leitungen ist technisch noch intakt – seit den Explosionen von 2022 liegt der Rest brach.

US-Sondergesandter Jared Kushner hat laut Reuters mit dem Putin-Berater Kirill Dmitrijew über ein Comeback der Nord-Stream-Pipeline gesprochen. Die EU-Sanktionen blockieren das Projekt weiterhin, die Bundesregierung lehnt es ab. Cash. zeigt, warum der aktuelle Gaspreis ganz andere Treiber hat.

Laut einer Reuters-Recherche vom 8. Oktober 2026 führte US-Sondergesandter Jared Kushner Gespräche mit dem Putin-Berater Kirill Dmitrijew über den Einstieg eines amerikanischen Investors in die Nord-Stream-Pipeline. Fünf mit den Gesprächen vertraute Personen berichteten der Nachrichtenagentur, die Treffen hätten in den vergangenen Wochen in Moskau und in New York stattgefunden. Im Kern geht es demnach um eine mögliche Reaktivierung der stillgelegten Leitungen. Damit steht eine Frage im Raum, die auch deutsche Gaspreise betreffen könnte.

Das Weiße Haus bestreitet allerdings, dass es zuletzt entsprechende Gespräche gegeben habe. Zugleich nannte ein Sprecher gegenüber Reuters Bedingungen für ein mögliches Geschäft: Russland müsse jede Vereinbarung über die US-Finanzierungsagentur DFC sowie mit dem US-Finanzministerium abstimmen. Außerdem müsse ein Deal amerikanischen Steuerzahlern und Unternehmen zugutekommen. Dementi und Bedingungen stehen damit unmittelbar nebeneinander.

Ein Vertreter der US-Regierung hält einen Nord-Stream-Deal laut Reuters auf mittlere Sicht für unwahrscheinlich, weil erhebliche Hindernisse bestehen. Bei den Gesprächen ging es den Angaben zufolge außerdem um ein zweites Geschäft: den Verkauf internationaler Lukoil-Vermögenswerte – darunter Raffinerien und Tankstellen – an ein Konsortium, dem neben der DFC auch Investoren aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten angehören sollen. Als Gegenleistung sollten einschlägige US-Sanktionen gelockert werden. Damit laufen beide Vorhaben über dieselben Verhandlungen zwischen Washington und Moskau.

Das Wichtigste zur Nord-Stream-Pipeline in Kürze

Reuters berichtet über Gespräche zwischen Kushner und Dmitrijew zu einem möglichen Investoreneinstieg bei der Nord-Stream-Pipeline. Das Weiße Haus dementiert aktuelle Verhandlungen, formuliert jedoch Voraussetzungen für ein mögliches Geschäft. Die EU untersagt seit Juli 2025 per Sanktionsbeschluss jede Nutzung der Leitungen; die Betreiberfirma klagt seit Oktober 2025 dagegen. Die Bundesregierung lehnt eine Wiederinbetriebnahme ab. Den aktuellen Anstieg des Gaspreises führen Marktbeobachter auf die Lage rund um den Iran und die Straße von Hormus zurück, nicht auf die Nord-Stream-Gespräche.

Warum EU-Sanktionen ein Comeback der Nord-Stream-Pipeline blockieren

Selbst wenn sich Washington und Moskau auf ein Investorenmodell verständigen würden, bliebe die entscheidende Hürde in Brüssel bestehen. Mit ihrem 18. Sanktionspaket belegte die EU im Juli 2025 beide Nord-Stream-Systeme mit einem weitreichenden Transaktionsverbot. Untersagt sind seither Fertigstellung, Wartung, Betrieb sowie jede zukünftige Nutzung der Leitungen. Wie eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums bestätigte, trägt Deutschland diese Maßnahme uneingeschränkt mit.

Die in der Schweiz ansässige Betreiberfirma Nord Stream 2 AG reichte im Oktober 2025 Klage beim EU-Rat ein. Sie fordert die vollständige Aufhebung der verschärften Auflagen, zumindest aber den Wegfall der Transaktions- und Genehmigungspflichten. Eine Entscheidung ist bislang nicht bekannt. Das Bundeswirtschaftsministerium stellte gegenüber Reuters zudem klar, dass eine Wiederinbetriebnahme die Zustimmung der Bundesregierung erfordere. Genau die sei nicht gewünscht, weil Deutschland inzwischen Alternativen zu russischem Gas gefunden habe.

Wie beschädigt ist die Pipeline-Infrastruktur noch?

Auch technisch spricht wenig für eine schnelle Reaktivierung. Laut einer Recherche von correctiv.org wurden rund acht Milliarden Euro in die Nord-Stream-2-Leitung investiert, deren Doppelstrang-System sich über 2.360 Kilometer durch die Ostsee erstreckt. Die Explosionen im September 2022 beschädigten beide Stränge von Nord Stream 1 sowie einen Strang von Nord Stream 2; nur ein einziger Strang blieb unversehrt. Theoretisch ließen sich über beide Systeme zusammen bis zu 110 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich transportieren – vorausgesetzt, die beschädigten Leitungen würden aufwendig instand gesetzt. Schon diese Rechnung zeigt: Die Nord-Stream-Pipeline ist derzeit nur zu einem Bruchteil nutzbar.

Zeitlinie: Nord Stream seit 2022

September 2022: Explosionen beschädigen drei der vier Pipeline-Stränge. Juli 2025: Die EU verhängt mit ihrem 18. Sanktionspaket ein Transaktionsverbot für Nord Stream 1 und 2. Oktober 2025: Die Nord Stream 2 AG klagt beim EU-Rat gegen die Sanktionen. 18. September 2026: Laut Reuters bereiten Dmitrijew und die AfD-Führung ein Treffen zu möglichen Gaslieferungen vor. 8. Oktober 2026: Reuters berichtet über Gespräche zwischen Kushner und Dmitrijew zu einem Investoreneinstieg.


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Woher Deutschland sein Gas 2025 bezogen hat

Für die Einordnung möglicher Preisfolgen zählt vor allem, woher das Gas aktuell kommt. Nach Angaben der Bundesnetzagentur bezog Deutschland 2025 insgesamt 1.031 Terawattstunden Gas aus dem Ausland – ein Plus von 19 Prozent gegenüber den 864 Terawattstunden des Jahres 2024. Norwegen stellte mit 44 Prozent den größten Anteil, gefolgt von den Niederlanden mit 24 Prozent und Belgien mit 21 Prozent. Die LNG-Terminals Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran trugen 106 Terawattstunden beziehungsweise 10,3 Prozent zu den Importen bei. Russisches Pipeline-Gas führt die Bundesnetzagentur in dieser Aufstellung nicht auf.

QuelleAnteil an deutschen Gasimporten 2025
Norwegen44 Prozent
Niederlande24 Prozent
Belgien21 Prozent
LNG-Terminals in Deutschland10,3 Prozent

Der deutsche Gasverbrauch stieg 2025 auf 864 Terawattstunden, ein Plus von 2,2 Prozent gegenüber 2024. Die Industrie verbrauchte davon etwa 60 Prozent, Haushalte und Gewerbe kamen auf rund 40 Prozent. Damit blieb der Verbrauch weiterhin um 13,5 Prozent niedriger als im Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021. Die deutsche Eigenproduktion lieferte 2025 nur noch 34 Terawattstunden.

Die Bundesnetzagentur stuft die Versorgungslage insgesamt als stabil ein. In der Kalenderwoche vom 29. September bis 5. Oktober 2026 erreichten Deutschland 15,1 Terawattstunden per Pipeline sowie 1,9 Terawattstunden als LNG. Die Speicherfüllstände lagen bei 59,2 Prozent beziehungsweise 146,5 Terawattstunden und damit für die Jahreszeit eher niedrig. Ein niedriger Füllstand zum Ende der Heizperiode gilt deshalb als wahrscheinlich.

Was den Gaspreis aktuell bewegt

Am Tag der Reuters-Veröffentlichung legte der in Amsterdam gehandelte TTF-Gas-Frontmonatskontrakt um 2,64 Prozent auf 80,34 Euro je Megawattstunde zu. Marktbeobachter machten dafür allerdings nicht die Kushner-Gespräche verantwortlich, sondern Meldungen über mögliche neue US-Luftangriffe auf den Iran im Vorfeld der US-Zwischenwahlen im November. Hinzu kamen eingeschränkte LNG-Tankerdurchfahrten durch die Straße von Hormus. Anders als ein Comeback der Nord-Stream-Pipeline wirkt sich diese Lage unmittelbar auf die Preise aus.

Der TTF-Preis schwankt seit Jahresbeginn deutlich: Ende Februar 2026 notierte er bei etwa 30 Euro je Megawattstunde, bevor er im September 2026 mit 84,50 Euro ein Mehrjahreshoch markierte. In der Woche vor dem 8. Oktober sackte der Preis zwischenzeitlich unter 70 Euro ab, ehe er erneut anstieg. Zum Vergleich: Im August 2022 lag der TTF-Preis nach mehreren, im Detail uneinheitlichen Marktberichten bei etwa 340 Euro je Megawattstunde. Das aktuelle Niveau liegt damit weit darunter, aber immer noch rund 2,5-fach so hoch wie vor der Krise, als der Preis unter 20 Euro je Megawattstunde notierte.

Politische Reaktionen in Berlin und Warschau

Bereits die Reuters-Recherche löst in Berlin Besorgnis aus. Michael Kellner, Bundestagsabgeordneter der Grünen und ehemaliger Staatssekretär für Energiepolitik im Bundeswirtschaftsministerium, äußerte sich am 8. Oktober 2026 warnend: „Es droht ein ganz schmutziger Deal zu Lasten Europas.“ Seine Sorge: Amerikaner und Russen könnten sich die Profite teilen und Europa dabei erpressen.

Auch die polnische Regierung verfolgt die Verhandlungen nach eigenen Worten aufmerksam und spricht sich entschieden gegen eine Wiederinbetriebnahme von Nord Stream aus. Zeitgleich bereiten, wie eine weitere Reuters-Recherche vom 18. September 2026 zeigt, Dmitrijew sowie die AfD-Spitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla ein Treffen vor. Thema soll eine mögliche Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen nach Deutschland sein, laut den Quellen frühestens nach Vereinbarung eines Friedensrahmens zwischen Russland und der Ukraine. Beide Gesprächsstränge verlaufen zeitlich parallel, eine offizielle Verknüpfung ist bislang nicht bekannt.

Was die Nord-Stream-Pipeline für Berater und Anleger bedeutet

Für die Beratungspraxis zählt zunächst die nüchterne Faktenlage: Ein Comeback der Nord-Stream-Pipeline ist derzeit ein politisches Gesprächsthema, aber kein terminiertes Vorhaben. Zwischen einer möglichen Investorenlösung und einer tatsächlichen Wiederinbetriebnahme liegen EU-Sanktionen, eine anhängige Klage, der Widerstand der Bundesregierung sowie aufwendige technische Reparaturen. Diese Hürden bestehen weitgehend unabhängig voneinander. Es genügt deshalb nicht, eine davon auszuräumen.

Für die Gaspreiserwartung folgt daraus: Die Marktreaktion vom 8. Oktober 2026 zeigt, dass der TTF-Preis vor allem auf Risiken rund um den Iran und die Straße von Hormus reagiert. Bei der Einordnung gegenüber Mandanten empfiehlt es sich daher, die Gespräche getrennt von den aktuellen Kursbewegungen zu betrachten. Konkretisiert sich die Investorenlösung tatsächlich, wäre der nächste sichtbare Schritt ohnehin eine Reaktion aus Brüssel auf einen Antrag zur Sanktionslockerung – und kein unmittelbarer Rückgang der Gaspreise.

Für die Inflationserwartung bleibt die amtliche Statistik maßgeblich: Nach vorläufiger Schätzung lag die Teuerungsrate in Deutschland im September 2026 bei 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, nach plus 0,6 Prozent im Vergleich zum August 2026.

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