Ignoriert der europäische Gasmarkt den Iran-Krieg? Betrachtet man die Preise aus der Ferne, sind die Versorgungskrise und der erhebliche Exportausfall Katars kaum zu erkennen, meint Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär. Zwei wichtige Faktoren erklären die verhaltene Preisreaktion. Erstens gleichen steigende Liefermengen und die Inbetriebnahme neuer Exportterminals bereits fast die Hälfte der Versorgungsunterbrechungen aus. Zweitens besteht insbesondere in den Sommermonaten eine entspanntere Nachfrage auf dem Strommarkt.
Wir gehen weiterhin davon aus, dass 40 Euro das Preisniveau ist, das den Markt vorerst angemessen im Gleichgewicht hält und attraktiv genug ist, um die Importe nach Europa aufrechtzuerhalten und die Speicherbestände über den Sommer hinweg wieder aufzufüllen. Generell scheint die Versorgungssicherheit Europas sehr widerstandsfähig zu sein. Dank der Energiewende ist der Iran-Krieg auf dem Strommarkt fast nicht wahrnehmbar.
Sowohl in Europa als auch in Asien sind die Preise seit den Krisenhochs Mitte März deutlich zurückgegangen und bewegen sich derzeit auf dem Niveau von vor über einem Jahr. Da die durch die Handelsblockade in der Straße von Hormus verursachte Versorgungsunterbrechung für Gas aufgrund fehlender Alternativrouten weitaus gravierender ist als für Öl, erscheint dies erstaunlich.
Die Blockade führt zum Wegfall von fast einem Fünftel der Lieferungen auf dem Seeweg. Seit Ende letzten Jahres haben einige neu in Betrieb genommene Exportterminals ihre Aktivitäten hochgefahren, was in Verbindung mit einer verbesserten Produktion und Auslastung an anderen Standorten, wie Nigeria und Australien, bereits fast die Hälfte des Defizits ausgleicht. Weitere Entwicklungen stehen bevor. Ein neuer, teilweise in katarischem Besitz befindlicher Exportterminal an der US-Golfküste hat diese Woche seine erste Ladung verschifft.
Die fortschreitende Energiewende, gestützt durch solide Rahmenbedingungen für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Falle Europas und den heimischen Schiefergasboom im Falle Chinas, trug dazu bei, die Importabhängigkeit zu verringern. Die Importe nach Japan und Südkorea sind ebenfalls zurückgegangen, wenn auch in geringerem Maße. Zwangsweise Importkürzungen sind nur bei einigen der eher marginalen Flüssigerdgasabnehmer, darunter Indien, zu beobachten.
Die Energiewende ist also der gemeinsame Nenner, der sowohl China als auch Europa widerstandsfähiger gegen externe Preisschocks bei fossilen Brennstoffen macht. Die europäische Politik wurde diese Woche dennoch aktiv und kündigte unterstützende Maßnahmen an. Die Zusage, die Steuern auf Strompreise zu senken und die unnötigen Gasspeichervorschriften weiter zu lockern, wäre eine positive Folge der aktuellen Marktturbulenzen. Wir halten an unserer neutralen Einschätzung in Bezug auf die europäischen und globalen Gaspreise fest.















