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Steigende Gesundheitsausgaben: GKV und PKV unter Druck

Foto: Assekurata
Alexander Kraus: „Die Dynamik der Gesundheitskosten rückt zwangsläufig auch die wirtschaftliche Stabilität der Versicherungsunternehmen stärker in den Fokus.“

Die Gesundheitsausgaben steigen seit Jahren spürbar. Das belastet die gesetzliche wie die private Krankenversicherung und rückt die wirtschaftliche Stabilität der Systeme stärker in den Mittelpunkt. Die Zahlen zeigen, warum die Entwicklung für Versicherer und Vermittler an Bedeutung gewinnt. Von Alexander Kraus

Die Diskussion über die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems wird seit Jahren von Reformdebatten geprägt. Im Mittelpunkt steht dabei der wachsende finanzielle Druck: Die Leistungsausgaben steigen kontinuierlich und prägen zunehmend die Beitragsentwicklung in der gesetzlichen (GKV) und privaten Krankenversicherung (PKV). Dadurch rückt die finanzielle Stabilität beider Systeme sowie die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Versicherungsunternehmen stärker in den Fokus.


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Dieser Beitrag ist der Auftakt einer sechsteiligen Analyse zur privaten Krankenversicherung. Der Fokus liegt dabei auf dem anhaltenden Anstieg der Gesundheitsausgaben, der eine zentrale ökonomische Realität darstellt und beide Systeme verbindet. Denn unabhängig von der jeweiligen Finanzierungslogik zeigt sich, dass die Dynamik der Gesundheitskosten zunehmend zum entscheidenden Stabilitätsfaktor für die GKV und die PKV wird.

Parallele Kostendynamik in beiden Systemen

Die Zahlen verdeutlichen die Dimension dieser Entwicklung. Zwischen 2018 und 2025 sind die Leistungsausgaben der GKV von 226,2 auf 336,4 Milliarden Euro gestiegen – ein Zuwachs von fast 49 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich in der PKV: Hier erhöhten sich die Leistungsausgaben in der Vollversicherung im gleichen Zeitraum von 29,2 auf 42,1 Milliarden Euro, also um gut 44 Prozent gestiegen.

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Daraus ergibt sich eine zentrale Erkenntnis: Trotz unterschiedlicher Finanzierungsmechanismen stehen beide Systeme vor sehr ähnlichen Herausforderungen. Der Kostendruck ist nicht nur auf die strukturellen Unterschiede der Systeme zurückzuführen, sondern vielmehr auf die allgemeinen medizinischen und demografischen Entwicklungen. Besonders auffällig sind die starken Anstiege der Leistungsausgaben seit 2023.

Medizinischer Fortschritt als Kostentreiber

Die Ursachen für die steigenden Gesundheitsausgaben sind vielfältig. Neben dem demografischen Wandel spielt der medizinische Fortschritt eine zentrale Rolle. Innovative Therapien, moderne Diagnostik und verbesserte Behandlungsmethoden erweitern und verbessern die Versorgungsmöglichkeiten erheblich, erhöhen jedoch aus Finanzierungssicht die Komplexität, da medizinischer Fortschritt häufig mit höheren Kosten verbunden ist.

Darüber hinaus tragen strukturelle Entwicklungen im Gesundheitssystem selbst zum Kostendruck bei. Der Fachkräftemangel in Pflege und Medizin führt zu steigenden Personalkosten. Gleichzeitig sehen sich Krankenhäuser und Praxen mit höheren Energie- und Betriebskosten sowie zunehmenden Investitionsbedarfen konfrontiert. Besonders sichtbar wird diese Dynamik im stationären Bereich. Krankenhäuser zählen seit Jahren zu den größten Ausgabenblöcken im Gesundheitswesen.

In der GKV stiegen die Krankenhausausgaben von 74,9 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf 102,2 Milliarden Euro im Jahr 2024. 2025 setzt sich dieser Trend fort und in der GKV ist im stationären Bereich nochmals ein Anstieg um neun Prozent zu beobachten. Auch in der PKV legten die stationären Leistungsausgaben deutlich zu. Gerade in den Jahren 2023 und 2024 zeigte sich hier eine besonders hohe Dynamik, mit Wachstumsraten von über acht beziehungsweise rund elf Prozent. Werte nach einzelnen Leistungsbereichen für 2025 liegen in der PKV aktuell noch nicht vor, ein Anstieg im Bereich der Vorjahre ist jedoch wahrscheinlich. Neben strukturellen Kostensteigerungen spielen auch Nachholeffekte aus der Corona-Zeit eine Rolle. Während der Pandemie wurden zahlreiche planbare Eingriffe verschoben. In den Jahren danach wurden diese Behandlungen schrittweise nachgeholt, was den Ausgabenanstieg zusätzlich verstärkte.

Ein ähnlich dynamisches Bild zeigt sich bei den Arzneimittelausgaben. Seit 2017 stiegen diese in der GKV um mehr als 46 Prozent auf über 55 Milliarden Euro im Jahr 2024. In der PKV fiel der Anstieg mit rund 62 Prozent sogar noch höher aus. Kostentreiber sind vor allem hochpreisige Innovationen, etwa in der Onkologie oder bei der Behandlung seltener Erkrankungen, aber auch eine insgesamt stärkere Nutzung moderner Therapien.

Auch im zahnmedizinischen Bereich zeigt sich eine deutliche Ausgabendynamik. Während die GKV-Ausgaben für Zahnbehandlung und Zahnersatz um rund 29 Prozent zulegten, stiegen die entsprechenden Leistungsausgaben in der PKV mit knapp 42 Prozent deutlich stärker. Hier spiegeln sich neben unterschiedlichen Leistungsumfängen auch veränderte Erwartungen der Versicherten an Versorgungsqualität und Behandlungsstandards wider.

Kostenentwicklung wird zum Stabilitätsfaktor

Auffällig ist insbesondere die beschleunigte Kostenentwicklung seit 2023. Hatte die Pandemie in einzelnen Leistungsbereichen zunächst noch eine dämpfende Wirkung, so hat sich die Ausgabendynamik im Anschluss spürbar verstärkt. In der GKV stiegen die Leistungsausgaben 2024 um 8,2 Prozent, in der PKV sogar um 8,5 Prozent. Nach ersten veröffentlichten Zahlen für 2025 verzeichnen sowohl PKV als auch GKV zwar einen leichten Rückgang, weisen mit jeweils knapp acht Prozent aber weiterhin eine fortgesetzte Dynamik auf.

Im historischen Vergleich sind das sehr hohe Wachstumsraten. Sie machen deutlich, dass steigende Gesundheitskosten zu einem dauerhaft prägenden Faktor für beide Krankenversicherungssysteme werden. Für die GKV hat diese Entwicklung unmittelbare Konsequenzen. Als umlagefinanziertes System schlagen sich steigende Leistungsausgaben vergleichsweise schnell in den Beitragssätzen nieder. Entsprechend stehen Zusatzbeiträge, Bundeszuschüsse und politische Kostendämpfungsmaßnahmen regelmäßig im Mittelpunkt der gesundheitspolitischen Debatte.

Auch die PKV bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Zwar basiert das System auf einer kapitalgedeckten Finanzierung mit Alterungsrückstellungen, doch steigende Gesundheitsausgaben wirken sich auch hier langfristig auf die Beitragsentwicklung aus.

Wirtschaftliche Stabilität der Versicherer im Fokus

Die Dynamik der Gesundheitskosten rückt damit zwangsläufig auch die wirtschaftliche Stabilität der Versicherungsunternehmen stärker in den Fokus. Hinter der Beitragsentwicklung stehen nicht nur medizinische Trends, sondern auch unternehmensindividuelle Faktoren wie Kalkulationspolitik, Rückstellungsbildung, Kostenmanagement und Kapitalanlageergebnisse. Die steigenden Leistungsausgaben betreffen alle PKV-Unternehmen – jedoch nicht in gleichem Ausmaß. Unterschiede in der wirtschaftlichen Substanz können langfristig einen erheblichen Einfluss auf die Beitragsentwicklung haben.

Für Vermittler ist diese Perspektive relevant, weil Beitragsstabilität weiterhin ein zentrales Thema in der Kundenberatung ist. Für Versicherungsunternehmen ist sie entscheidend, weil sich ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit und das Vertrauen im Markt maßgeblich an einer verlässlichen Beitragsentwicklung messen lassen.

Im nächsten Teil dieser Serie betrachten wir deshalb die wirtschaftlichen Grundlagen der PKV genauer und analysieren, welche Faktoren für die Beitragsentwicklung und die finanzielle Stabilität des Systems besonders entscheidend sind.

Alexander Kraus ist Fachkoordinator Krankenversicherung bei der Kölner Rating-Agentur Assekurata

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