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21. August 2018, 08:55
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“Berlin muss aufhören, sich selbst schlechtzureden”

Berlin wächst und zieht immer mehr Menschen an, doch die Schaffung von mehr Wohnraum hinkt dem Bedarf hinterher. Die Politik erschwert den Neubau sogar regelrecht. Gefordert sind jedoch aktive Maßnahmen. Gastbeitrag von Jacopo Mingazzini, Accentro Real Estate AG

Mingazzini 750-500 in Berlin muss aufhören, sich selbst schlechtzureden

Jacopo Mingazzini, Accentro Real Estate AG: “Berlin ist in zwölf Jahren um die Größe von Bonn gewachsen.”

Die Berliner Schnauze ist deutschlandweit ein Begriff. Dass die Berliner und insbesondere die Berliner Politik gerade den Aufstand gegen sich selbst proben, geht jedoch entschieden zu weit.

Die Stadt ist in den vergangenen Jahren aus einem Tiefschlaf erwacht, die Wirtschaft wächst. So ist das BIP allein im Jahr 2017 um satte 3,1 Prozent gestiegen – um fast ein Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt. Berlin belegt damit Platz zwei der wachstumsstärkten Bundesländer.

Das zeigt sich auch an den Bruttoeinkommen. Zwar sind diese noch nicht auf einem Niveau mit den westdeutschen Metropolen Hamburg und München. Aber dennoch: Das monatliche Bruttoeinkommen eines Berliners liegt inzwischen über dem eines Bürgers in Nordrhein-Westfalen.

Magnet für junge, gut ausgebildete Menschen

Sowohl Ursache als auch weitere Folge dieses Wachstums sind, dass immer mehr Menschen nach Berlin ziehen. Hatte Berlin 2005 noch 3,3 Millionen Einwohner, sind es inzwischen über 3,7 Millionen – Berlin ist in zwölf Jahren um die Größe von Bonn gewachsen.

Dabei profitiert Berlin von seinem – inzwischen – Weltruf als Start-up-Hochburg. Es siedeln sich immer mehr Unternehmen an, und es kommen immer mehr junge, gut ausgebildete Menschen, die hier leben und arbeiten wollen. Ein Beispiel, das für sich spricht: Beinahe drei Milliarden Euro an Kapital konnten Berliner Start-ups im Jahr 2017 einsammeln. Nur Londoner Unternehmen erhielten mehr, nämlich 4,9 Milliarden Euro. Damit ist Berlin ganz klar die Start-up-Hauptstadt des europäischen Kontinents.

Wohnraum wird immer teurer

Natürlich hat das starke Bevölkerungswachstum auch seine Auswirkungen auf die Wohnungs- und Immobilienpreise. Je mehr Menschen eine Wohnung suchen, desto teurer wird Wohnraum.

Dass die Politik also versucht, Bestandsmieter zu schützen und das, was Berlin ausmacht, zu fördern und zu erhalten, mag da durchweg nachvollziehbar klingen. Wenn Berlin weiter von seinem Ruf als coole und dynamische, aber nicht komplett museale Stadt profitieren will, braucht es die Kieze und Gegensätze, für die Berlin so berühmt ist.

Wohnungsbau wird regelrecht erschwert

Das kann aber nur eine Seite der Medaille sein. Neben einzelnen Regulierungen – und Deutschland hat mit die strengsten Mietvorschriften weltweit – muss sich die Stadt aktiv um mehr Wohnraum kümmern. Das Wachstum und die Anziehungskraft Berlins, die in jedem anderen Bundesland und jeder anderer Nation Freude hervorrufen würden, stoßen indes bei der Berliner Politik auf Unbehagen.

Und anstatt sich um mehr Wohnraum zu kümmern, geht diese sogar den radikal entgegengesetzten Weg. Baugenehmigungen werden erschwert, Nachverdichtung und Aufstockungen gelten als Teufelszeug, ungenutzte Freiflächen werden umgewidmet, damit bloß nicht der dringend benötigte Wohnraum entstehen kann.

Bestes Beispiel: die Debatte und stadtplanerische Tragödie rund um den Thälmannpark. 600 Wohnungen sollten dort entstehen – alles Wohnungen im bezahlbaren Bereich, viele Familienwohnungen, die gerade jetzt benötigt werden. Doch der Bezirk wendet sich gegen das Projekt, und dem Senat ist es nicht wichtig (!) genug, als dass er es an sich zöge. Das ist nicht nur unverständlich, sondern schadet jenen Berlinern, die auf der Suche nach einer Wohnung sind.

Weitere Verschärfungen geplant

Auch die kommende Änderung der Berliner Bauordnung – „Viertes Gesetz zur Änderung der Bauordnung für Berlin“ – wird die Situation nur weiter verschärfen. Dann nämlich soll wieder eine Genehmigungspflicht für den Abriss von Gebäuden mit Wohnungen eingeführt werden.

Die Folge: Marode Wohnhäuser aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die ihre Nutzungs- und Lebensdauer längst überschritten haben, dürfen nicht mehr ohne Genehmigung abgerissen werden. Da aber Instandhaltung und Sanierung den Gebäudewert überschreiten, wird es damit zu weiteren Verfallserscheinungen kommen. Das Nachsehen werden wieder die Bewohner haben – und das muss ein Ende haben.

Aktive Maßnahmen gefordert

Was Berlin und vor allem die Berliner brauchen, sind nicht Bremsklötze in der Wohnungspolitik, sondern aktive Maßnahmen für mehr Wohnungsneubau. Mehr Wohnungsneubau erreicht man mit schnelleren Baugenehmigungsverfahren, vereinfachten Bauverfahren für Aufstockungen, einer drastischen und planmäßigen Erhöhung der Baugenehmigungszahlen für Baulücken und Hinterhöfe – und vor allem erreicht man das mit einem Senat und Bezirken.

Diese sollten, statt eine Blockadepolitik gegenüber mehr Wohnraum zu betreiben, endlich einsehen, dass eine Stadt, deren Bevölkerung wächst, logischerweise auch mehr Wohnungen braucht.

Jacopo Mingazzini ist Vorstand der Accentro Real Estate AG.

Foto: Accentro Real Estate AG

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2 Kommentare

  1. Warum wurde mein Kommentar gelöscht? Fakten unerwünscht?

    Kommentar von stephan botz — 21. August 2018 @ 18:30

  2. Ich kenne Menschen, die mussten 78 (!!!) Unterschriften bis zur endgültigen Baugenehmigung leisten, Vogelnester am Nachbarhaus entfernen lassen und sich verpflichten Strassenlaternen zu erneuern. Die Genehmigung für den Baubeginn wurde 4 Stunden nach Erteilung widerrufen weil Vattenfall neue Rohre verlegen muss. Das hatte man vergessen. Jetzt wird der Bauherrr gefragt warum er den Baubeginn verzögert.
    Es ist kein Witz, es ist ein Skandal was diese Beamten sich leisten. Sie gehören alle persönlich zur Rechenschaft gezogen und entlassen.

    Kommentar von Michael Geyer — 21. August 2018 @ 15:31

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