26. Mai 2011, 09:50
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

Euro-Krisenpolitik oder das Prinzip des Durchwurstelns

Die Halver-Kolumne

Politiker brauchen vielfach ein dickes Fell, da sie sich mit unpopulären Entscheidungen im Zweifelsfall den Unmut der Wähler zuziehen. Die Amerikaner sagen aber „If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen“. Niemand ist also gezwungen, Politiker zu werden.

Robert-halver-teaser-Dc1348 in Euro-Krisenpolitik oder das Prinzip des Durchwurstelns

Hat man sich allerdings dazu entschlossen, erwarte ich eine eindeutige und transparente Lösungsbereitschaft. Dies gilt insbesondere für epochale Probleme, wie die derzeit dramatisch unter den Nägeln brennende Euro-Schuldenkrise. So weit die Theorie.

Politik als die Kunst des Möglichen

In der Praxis stelle ich jedoch Abweichungen von dieser Ideallinie fest. Griechenland liegt auf der Intensivstation und die behandelnden Ärzte haben nichts Besseres zu tun, als sich am Krankenbett lautstark in kakophonischen Therapiestreitigkeiten zu ergehen, sich gegenseitig Kompetenzen abzusprechen und sich damit überhaupt vor einer einvernehmlichen Diagnose zu drücken.

So spricht der Chef der Euro-Gruppe, dass man bei ernsten Problemen in der Eurozone lügen müsse. Das ist Beweisunterdrückung, um die Finanzmärkte nicht auf den Plan zu rufen. Oder er verwendet den Begriff „Reprofiling“ von Griechenland. Was meint er mit diesem (Un)-Wort des Jahres 2011? Reifenrunderneuerung? Oder ist es der Versuchsballon, wie die Finanzmärkte auf eine mögliche Umschuldung reagieren. Vorbeugend hat direkt im Anschluss der vielstimmige Chor der von Euro-Politikern unter dem Chorleiter EZB schon einmal jede Art der Umschuldung als Untergang des christlichen Abendlandes dargestellt. Wissen Sie jetzt wohin die Reise in Euroland geht?

Übrigens wie hilfreich kann es zur Krisenlösung sein, wenn die Chefin der Bundesregierung die notleidende Gegenseite wenig diplomatisch auffordert, mehr zu arbeiten. Sie muss dann nur noch sagen wo. Worte zerstören, wo sie nicht hingehören. Man ist sich nicht wirklich grün, sondern denkt in nationalen Farben. Jeder für sich.

Gesundbetung statt klarer Lösungsansätze

Das sind insgesamt kaum die Idealbedingungen für eine gemeinsame und nachhaltige Lösung der euroländischen Schuldenkrise. So hat man kaum eine Chance, die Fehlentwicklungen in den wettbewerbsunfähigen EU-Ländern mit klaren, wenn auch harten politischen Entscheidungen an der Wurzel zu packen. Ohnehin haben bereits einige nationale Regierungen mit Blick auf den Unmut der Bevölkerung den europäischen Rückwärtsgang eingelegt.

Damit ist die Gefahr groß, dass sich die Politik wieder mal für den Weg des geringsten Widerstands entscheidet und sich mit keynesianischer Gesundbetung kunstvoll durchwurstelt. Der Klingelbeutel geht weiter durch die Reihen der Steuerzahler, die Transferunion wird festgeschrieben und die eigentliche Problemlösung in eine Zukunft verschoben, in der man nicht mehr regieren muss.

Zu dieser Verhaltensweise passt auch, dass sich Euroland bei der Neubesetzung des Chefpostens des IWF mit Inbrunst für eine Kandidatin oder Kandidaten aus Euroland stark macht, damit auch ja die Apanagen für Griechenland & Co. wie bisher munter durchgewunken werden. Ein Vertreter aus den Schwellenländern würde hier sicherlich weniger unreflektiert Mutter Theresa spielen.

Und da prangert doch tatsächlich die volkswirtschaftliche Abteilung der EZB die konspirativen Attacken der angelsächsischen Finanzwelt auf den Euroraum an. Was sollen denn wohl die Finanzmärkte von dieser wenig prickelnden Gemengelage halten? Wer die Tür zum Hühnerstall nicht sichert, darf sich nicht wundern, wenn der Fuchs zuschlägt.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.


Weitere Kolumnen von Robert Halver:

Eine neue Stabilität für die Vermögensanlage

Poker nicht gegen Fed & Co.!

Es war einmal die schöne heile Analystenwelt

Unter Blinden ist der Einäugige König

Mit der Fed ist das ganze Jahr Weihnachten

Stabilitätspakt stand drauf, Transferunion wird drin sein

Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip in der Finanz- und Geldpolitik

Die Aktie: Das Ende einer Ära?

Das Ende des klassischen Konjunkturzyklus

Wann wird’s mal wieder richtig stabil?

Blaue Pillen für die Inflation!

Politische Börsen oder denn sie wissen nicht, was sie tun!

Unser täglich Griechenland gib uns heute. Was kommt morgen?

Verunsicherte Anleger: Angst ist ein schlechter Ratgeber!

Sind Substanzaktien die stabileren Staatsanleihen?

Probleme in Griechenland? Es geht um ganz Euroland!

Exit-Strategie oder das Warten auf „Cashing Bull“

Der richtige Umgang mit Blasenproblemen

Staatsverschuldung – Nie war sie so wertvoll wie heute!

Foto: Baader Bank

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Auf die Schnelle noch Steuern sparen – vier Tipps, die Bares wert sein können

Weihnachten steht vor der Tür, der Jahreswechsel ist in Sicht. Wer jetzt nicht nur besinnlich den Adventskranz beäugt, sondern schnell noch handelt, kann einiges an Geld sparen. Die Düsseldorfer Arag präsentiert vier Tipps für Sparfüchse.

mehr ...

Immobilien

Zwei Amazon-Zentren in Dortmund gehen nach Südkorea

Der Immobilien-Investmentmanager Savills Investment Management vermeldet den Ankauf von zwei Prime Logistikobjekten in Dortmund für rund 140 Millionen Euro. Sowohl Käufer als auch Verkäufer kommen aus fernen Ländern.

mehr ...

Investmentfonds

Lateinamerika: Verwaltetes Vermögen wird sich mehr als verdoppeln

Obwohl derzeit eine Reihe von Ländern in Lateinamerika mit politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit konfrontiert sind, bleiben die langfristigen Wachstumsaussichten für die Asset- und Wealth-Management-Industrie laut einem neuen Bericht von PwC und Sura Investment Management hoch.

mehr ...

Berater

Abschlussprovisionen: Jeder Dritte erhält über 40 Promille

Der durchschnittliche Abschlussprovisionssatz, den die deutsche Lebensversicherungsbranche gewährt, ist im Jahr 2018 leicht gestiegen. Rund 30 Prozent des Neugeschäfts kapitalbildender Produkte entfällt auf Versicherungsvermittler, die mehr als vier Prozent Abschlussprovision erhalten. Dies ergibt sich aus einer aktuellen Abfrage der BaFin.

mehr ...

Sachwertanlagen

Logistik-Vermögensanlage von Solvium startet nach Plan

Für die kürzlich in den Vertrieb gestartete Vermögensanlage Logistik Opportunitäten Nr. 1 meldet der Anbieter Solvium die ersten Investitionen mit einem Gesamtvolumen von knapp 1,6 Millionen Euro. Auch die Platzierung der Emission läuft gut an.

mehr ...

Recht

FDP kritisiert Finanzhilfe des Bundes für Thomas-Cook-Kunden

Die FDP hat die Finanzhilfe der Bundesregierung für geschädigte Kunden des insolventen Reiseunternehmens Thomas Cook kritisiert. Der stellvertretende FDP-Fraktionschef Michael Theurer sagte: “Dass nun der Steuerzahler einspringen soll, ist ein Schuldeingeständnis der Großen Koalition. Sie hat die EU-Gesetzgebung offenbar mangelhaft umgesetzt. (…) Es kann nicht angehen, dass Risiken verstaatlicht und Gewinne privatisiert werden.”

mehr ...