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5. August 2014, 09:02
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Die Mär von der Zinswende

Kolumne: Robert Halver, Baader Bank

Die schlechte Nachricht zuerst: Ab Frühjahr 2015 wird die US-Notenbank zum ersten Mal seit Ende Juni 2004 – nach dann fast elf Jahren – ihre Leitzinsen anheben.

Halver-Kolumne

Robert Halver, Baader Bank

Viele meiner jungen Kollegen kennen „Zinserhöhungen“ nur vom Hörensagen.

Einige Marktteilnehmer scheinen zu befürchten, dass die Kapitalmärkte mit der US-Zinswende ausgerechnet ihr wichtigstes Fallnetz verlieren und dass der geldpolitisch heitere, lange Kapitalmarktsommer in einen langen sibirischen Kapitalmarktwinter übergeht. Ohne Frage, in den letzten fünf Jahren sorgte die US-Zinspolitik für die Happy Hour an der Wall Street und an den Welt-Aktienmärkten.

Leit-Zinsen werden nicht zu Leid-Zinsen

Also Schluss mit geldpolitisch lustig? Droht die neue Zins-Sachlichkeit? Also ich bin US-zinsentspannt. Ich bin mir sehr sicher, dass der 2015 beginnende Zinserhöhungszyklus nicht annähernd Dimensionen wie in früheren restriktiven Zinszeiten annehmen wird. Frau Yellen bereitet die Finanzmärkte behutsam auf ebenso behutsame Zinserhöhungen vor. Sie beherrscht das Zins-Spiel ohne Ball. Wer dann geschockt ist, wenn es tatsächlich passiert, den kann nur das Schicksal von Dornröschen ereilt haben.

Frau Yellen – Amerikas Mutti – weiß, dass anmutige Leitzinserhöhungsphasen zuerst den Finanz- und dann den realen Märkten den Garaus machen. Sie hat die ab 2004 einsetzende Zinserhöhungsorgie von einem auf 5,25 Prozent, das resultierende Platzen der Immobilienblase und die Nebenwirkung einer weltweiten Rezession nicht vergessen. Bei erneuter Durchführung einer derartigen Zins-Kneipp-Kur wären die seit der Lehman-Pleite beispiellosen geldpolitischen Rettungsmissionen und Schulden-Völlereien umsonst gewesen. Besonders hart würde es die Schwellenländer treffen, die einen massiven Kapitalrücktransfer in die USA erleben würden. Sie würden zu Aussätzigen an den Kapitalmärkten und könnten insofern ihrer segensreichen Rolle als Absatztempel westlicher – und eben auch US-Produkte – nicht mehr vollumfänglich gerecht werden.

Grundsätzlich sind für den gesamten nächsten Zinserhöhungszyklus keine realen Leitzinsen, also nach Inflation, zu erwarten, die die Nullgrenze überschreiten werden. Im historischen Durchschnitt liegen diese bei knapp zwei Prozent. Im Vorfeld der großen Krisen – Asien-Krise 1997, Bersten der Dotcom-Blase 2000, Platzen der Immobilienblase 2008 – lagen diese auf finanzwirtschaftlich schmerzhaften Niveaus von ca. vier Prozent. Schon aus Gründen des Selbstschutzes der USA wird dieser Weg zurück in die Zinsnormalität niemals angetreten.

Die sogenannte US-Zinswende wird zu keinem finanzwirtschaftlichen Beinbruch führen. Dennoch sollen ihre konkreten Auswirkungen auf die wichtigsten Anlageklassen nachfolgend beleuchtet werden.

Währungen – Die Exportwirtschaft freut sich über den schwächeren Euro

Während die US-Leitzinsen – wenn auch nur leicht – steigen, ist die EZB noch im Modus der geldpolitischen Lockerung. An weitere Leitzinssenkungen glaube ich nicht, aber an Zinserhöhungen von Euro-Krisenbändiger Mario Draghi auch nicht. Denn die eurozonalen Strukturprobleme halten sich hartnäckig wie Kaugummi am Schuh. Die erhöhte Leitzinsdifferenz USA – Eurozone drückt den Euro bis Jahresende Richtung 1,30 und im nächsten Jahr deutlich unter diese Marke.

Staatsanleihen – Fremdgehen in den USA

Der leichte Anstieg der US-Leitzinsen ist gleichbedeutend mit höheren Renditen von US-Staatsanleihen. Ein Horrorszenario von dramatischen Renditeanstiegen bzw. Kursverlusten wie im Zinserhöhungszyklus 1993/95 kann aber nicht sein, weil es nicht sein darf. Damals trafen drastische Leitzinserhöhungen von drei auf sechs Prozent auf ebenso dramatische Renditeerhöhungen z.B. für dreijährige US-Staatspapiere von vier auf knapp acht Prozent.

Wiederholte sich die damalige Leitzins-Geschichte heute, würde die Mutter aller Blasen, die Rentenblase, platzen. Dann stünde die real existierende Finanz- und Konjunkturwelt endgültig vor dem Ende.

Immerhin, der Renditeabstand von US-Anleihen zu Papieren aus Deutschland, aber auch gegenüber der Euro-Peripherie dürfte sich weiter ausweiten. Mit US-Staatspapieren haben die in Anleihen verliebten Euro-Anleger gleich zwei Vorteile: Mehr Rendite und Dollar-Währungsgewinne.

Unternehmensanleihen – Warum nicht noch einmal in den USA fremdgehen?

Das Umfeld leicht erhöhter US-Leitzinsen wird auch die Renditen von Unternehmensanleihen leicht nach oben treiben. Der Renditeaufschlag von US- gegenüber Euro-Papieren – beide Anlagegattungen jeweils mit mindestens Investment Grade (BBB) ausgestattet – wird sich daher weiter ausweiten. Dabei ist ihr Ausfallrisiko grundsätzlich gesunken, da die USA gegenüber Euroland konjunkturrobuster sind. Neben dem Rendite- spricht auch hier das Währungsargument für US-Unternehmensanleihen, denen insgesamt eine Ersatzbefriedigung für euroländische Papiere zukommt. Laufzeiten sollten zunächst maximal drei Jahre betragen, um möglichen Kursverlusten bei weiter steigenden Renditen entgegenzuwirken.

Aktien – Mehr Fleisch am blanken Knochen der Liquiditätshausse

Der Ausblick für die US-Aktienmärkte bleibt positiv. Denn erstens ist die Fed „leitzinserhöhungsbehutsam“. Überhaupt, die US-Wirtschaft wird noch lange – ähnlich wie Onkel Dagobert Duck in seinen Golddukaten – in Zentralbankgeld baden. Und zweitens sind leichte Zinsanhebungen ein Indiz für ein verbessertes Konjunkturumfeld. Von dieser fundamentalen Happy Hour in den USA mit weltkonjunkturellen Ausstrahleffekten wird schließlich auch Deutschland mit seinen exportstarken Unternehmen profitieren. Die Liquiditätshausse ist einerseits nicht beendet und bekommt andererseits auch noch einen fundamental höheren Nährwert.

Immobilien – Keine „einstürzenden Neubauten“

Der Zinsanstieg an den amerikanischen Staatsanleihemärkten ist heute nicht mehr ähnlich maßgebend für deutsche Bauzinsen wie früher. Eine starke EZB hat hier längst die Zinskontrolle übernommen. Wirkliche Verteuerungen von Immobilienfinanzierungen sind kaum zu befürchten. Ohnehin ist in Deutschland ein Immobiliencrash wie in Spanien oder den USA nicht zu erwarten, da bei uns die Baukredite stärker mit Eigenkapital unterlegt und mit höheren Tilgungsraten ausgestattet sind. Unserem Immobilienmarkt hilft auch das viele Geld auf der hohen deutschen Kante. Dies ermöglicht es, auch ohne Baukredit oder weniger Kreditvolumen in Immobilien zu investieren. Zinssparen lohnt sich ja ohnehin nicht mehr. Nicht zuletzt wohnt kaum eine Bevölkerung im Westen so gerne zur Miete wie die deutsche. Der Markt für Wohneigentum ist somit noch nicht gesättigt. Das banale Kriterium „Lage, Lage, Lage“ ist dennoch strikt zu befolgen.

Edelmetalle – Im Revier der Geldpolitik wird Gold verjagt

Steigende Zinsen sind der Erzfeind für Edelmetalle, denn auf Gold & Co. gibt es keine laufende Verzinsung. Man kann zwei Unzen Gold oder Silber noch so lange nebeneinander legen, das Licht ausmachen, Kerzen anzünden und anheimelnde Musik erklingen lassen. Junge werden sie dennoch nie bekommen. Da aber der Zinsanstieg von der Inflation aufgefressen wird, verliert dieses Opportunitätskosten-Argument schnell an Bedeutung.

Was für Gold, Silber & Co. grundsätzlich spricht, ist ihre langfristige Werterhaltungsfunktion. Ich vermag nicht zu erkennen, dass die Welt ein finanzstabiler Platz geworden ist. Zudem nehmen geopolitische Krisen eher zu als ab. Und für die ungehemmte Rettung der Finanz- und Konjunkturwelt über billiges Geld und muntere Schuldenfrönerei werden wir irgendwann die Rechnung erhalten. Eine Wirtschaft, in dem einem wie im Schlaraffenland die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, hat noch nie lange funktioniert. Aber dennoch, eine dramatische Kurserholung von Edelmetallen werden die Notenbanken so lange wie möglich verhindern. Denn die Rettung der westlichen Finanzmärkte funktioniert nur über Geld. Eine Alternativwährung in Form von stark im Kurs steigenden Edelmetallen würde diese monetäre Rettung konterkarieren.

Aus Zins-Weiß wird nicht Zins-Schwarz, eher ein helles Zins-Grau

Nein, Angst vor einer Zinswende in den USA muss man genauso wenig haben wie vor dem Gespenst unter dem Bett.

 

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.

 

Foto: Baader Bank

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