Das Analyseunternehmen Verisk hat seinen globalen Bericht zu modellierten Katastrophenschäden für 2026 veröffentlicht. Die Zahlen senden ein deutliches Signal an die Versicherungsbranche. Der sogenannte Average Annual Loss (AAL), also der modellierte durchschnittliche versicherte Jahresverlust, liegt demnach bei 171 Milliarden US-Dollar. Das sind 19 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr und der höchste jemals von Verisk ermittelte Wert. Bemerkenswert dabei: Im Jahr 2025 traf erstmals seit einem Jahrzehnt kein Hurrikan auf das US-Festland.
Der AAL ist keine Verlustprognose für ein einzelnes Jahr, sondern eine langfristige Schätzung, die auf Simulationen mit Verisks globalen Katastrophenmodellen basiert. Sie dient Versicherern als Referenzwert, um potenzielle Verluste über ein breites Spektrum von Ereignissen, Gefahren und Regionen hinweg zu bewerten. Seit der ersten Veröffentlichung dieses Berichts im Jahr 2012 hat sich der globale versicherte AAL von 59 Milliarden Dollar auf 171 Milliarden Dollar fast verdreifacht.
Zum sechsten Mal in Folge überstiegen die weltweiten versicherten Katastrophenschäden die Schwelle von 100 Milliarden Dollar. Nicht einzelne Großereignisse wie Hurrikane oder Erdbeben waren dafür verantwortlich, sondern Rekordschäden durch Waldbrände und eine hohe Frequenz schwerer Gewitter mit Hagel-, Sturm- und Tornadoschäden.
Schwere Gewitter überholen Hurrikane als größten Risikofaktor
Mit 40 Prozent stellen schwere Gewitter die größte Einzelgefahr im modellierten globalen Katastrophenportfolio dar – mehr als tropische Wirbelstürme (27 Prozent), Erdbeben (zehn Prozent), Winterstürme (neun Prozent), Überschwemmungen (sieben Prozent) und Waldbrände (sechs Prozent). Auf die USA entfallen dabei 117 Milliarden Dollar des globalen versicherten AAL, was einem Anteil von 68 Prozent entspricht.
„Eine ruhige Hurrikansaison kann dazu führen, dass die Märkte so reagieren, als hätte sich das Risiko verringert: Die Prämien sinken, Versicherer behalten mehr Risiken in ihren eigenen Büchern, und mehr Kapital konkurriert um Neugeschäft“, sagt Rob Newbold, President von Verisk Catastrophe and Risk Solutions. „Doch das Jahr 2025 erinnert uns daran, dass sich die Risikolandschaft dauerhaft verändert hat und Jahre ohne nennenswerte Schäden durch Hurrikane in den USA heute nicht automatisch ein ruhigeres Katastrophenumfeld bedeuten.“
Der Bericht macht deutlich, was ein Extremjahr kosten könnte: Bei einer Wiederkehrperiode von 100 Jahren – also einem Szenario mit einer jährlichen Wahrscheinlichkeit von einem Prozent – erreichen die modellierten versicherten Gesamtverluste 477 Milliarden Dollar. Bei einer Wiederkehrperiode von 250 Jahren steigen sie auf 606 Milliarden Dollar.
Strukturelle Treiber: Exposition, Baukosten, Siedlungsdruck
Der Anstieg des versicherten AAL lässt sich nicht allein mit dem Klimawandel erklären. Drei strukturelle Faktoren treiben die Verluste unabhängig vom jeweiligen Katastrophenjahr an. Erstens wächst der Versicherungsbestand: In den von Verisk modellierten Ländern ist das versicherte Risiko seit 2021 jährlich um rund sieben Prozent gestiegen – getrieben durch Neubauten und steigende Vermögenswerte. Zweitens erhöhen steigende Wiederaufbaukosten das Schadenspotenzial: In den USA sind die Baukosten für Wohngebäude seit 2021 jährlich um rund fünf Prozent gestiegen, was über der allgemeinen Verbraucherpreisinflation liegt. Drittens nimmt die Bebauung in gefährdeten Gebieten weiter zu.
Für Europa dokumentiert der Bericht eine besonders ausgeprägte Versicherungslücke. Von den modellierten wirtschaftlichen Katastrophenverlusten in Höhe von 110 Milliarden Dollar pro Jahr sind in der Region nur rund 24 Milliarden Dollar – etwa 22 Prozent – versichert. Das liegt deutlich unter dem globalen Durchschnitt von 38 Prozent. Anschaulich macht der Bericht dies anhand eines englischen Beispiels: Bereits 7,1 Prozent der Einfamilienhäuser in England befinden sich in einer Hochwasserzone, in der es in den vergangenen 100 Jahren Überflutungen gab. Jeder neunte zwischen 2022 und 2024 errichtete Neubau wurde in einem Hochwasserrisikogebiet errichtet. Bis 2050 könnte laut Verisks Modellen jeder siebte Neubau in einem solchen Gebiet entstehen.
Europa mit wachsender Schutzlücke
Das globale Bild der Schutzlücke ist eindeutig: Weltweit sind nur etwa 38 Prozent der wirtschaftlichen Verluste durch Naturkatastrophen versichert, bei einem modellierten wirtschaftlichen AAL von mehr als 450 Milliarden Dollar. Zwei Ereignisse aus dem Jahr 2025 illustrieren das Ausmaß besonders drastisch: Bei den Sturzfluten im Juli 2025 in Zentraltexas – der tödlichsten Hochwasserkatastrophe in den USA seit fast fünf Jahrzehnten – lag die Abschlussquote für Hochwasserversicherungen im am stärksten betroffenen Gebiet bei etwa 2,5 Prozent. Beim Erdbeben in Myanmar im März 2025 deckten Versicherer weniger als 100 Millionen Dollar der rund zwölf Milliarden Dollar an wirtschaftlichen Verlusten ab.
„Die Zahl von 171 Milliarden USD ergibt sich nicht aus dem Verlauf einer einzelnen Hurrikansaison, oder aus den Katastrophenschäden eines einzigen Jahres“, sagt Dr. Jay Guin, Executive Vice President und Chief Research Officer bei Verisk Catastrophe and Risk Solutions. „Sie spiegelt eine breite Verteilung potenzieller Ereignisse über verschiedene Typen von Gefahren und Regionen wider, durch Verwendung aktueller Risikodaten und einer Einschätzung der Gefahrenlage, die auf dem aktuellen Klimazustand beruht.“
Der globale Bericht zu modellierten Katastrophenschäden 2026 basiert auf denselben Modellen, die Verisks Versicherungs- und Rückversicherungskunden täglich nutzen. Er deckt mehr als 120 Länder und Regionen ab.













