Herr Prof. Dr. Lude, Künstliche Intelligenz wird derzeit oft als großer Umbruch beschrieben. Wo sehen Sie im Arbeitsalltag den unmittelbarsten Nutzen solcher Technologien?
Prof. Dr. Maximilian Lude: Der unmittelbarste Nutzen liegt vor allem „unter der Motorhaube“ – also im Effizienzgewinn bei internen Abläufen. Klug eingesetzt, schenkt uns KI damit das Wertvollste, was Organisationen haben: Zeit. Und diese gewonnene Zeit lässt sich wieder wertstiftend einsetzen – in den meisten Fällen im menschlichen Kontakt, zu Kunden ebenso wie zu Mitarbeitenden und Kollegen.
Allerdings kann selbst die beste Technologie der Welt zum Rohrkrepierer werden, wenn sie nicht richtig genutzt wird. Genau das erleben wir bei KI derzeit in extremem Ausmaß: Belegschaften werden zu wenig oder gar nicht darin geschult, wie sich KI im jeweiligen Unternehmen sinnvoll einsetzen lässt. Die Folge sind unnötige Limitationen – viele Mitarbeitende kommen über Textformulierung und Recherche nicht hinaus. Warum? Weil wir dazu neigen, linear zu denken: Wir extrapolieren das Vergangene in die Zukunft und verbinden das Gewohnte mit dem Neuen. So erscheint Künstliche Intelligenz vielen lediglich als logische Weiterentwicklung des Internets – so wie das Auto einst als „mechanische Variante des Pferdes“ erklärt wurde. Dieser Denkweise können wir nur mit konsequentem, lebenslangem Lernen begegnen. Und hier steht jedes Unternehmen in der Pflicht.
Herr Glanz, wo zeigt sich dieser praktische Nutzen von KI bereits heute in der Vertriebsunterstützung der DVAG?
Christian Glanz: Der praktische Nutzen von KI zeigt sich bei uns vor allem dort, wo sie den Beratungsprozess konkret unterstützt. Wir setzen entsprechende Anwendungen bereits seit längerem in der Vor- und Nachbereitung von Beratungsgesprächen ein, etwa bei der strukturierten Aufbereitung von Informationen, in der Dokumentation oder bei administrativen Tätigkeiten. Dadurch lassen sich viele Routineaufgaben schneller und konsistenter erledigen.
Auch in der Kundenkommunikation helfen digitale Werkzeuge dabei, Informationen effizient bereitzustellen und Prozesse zu vereinfachen. Gleichzeitig greifen unsere Vermögensberaterinnen und Vermögensberater auf integrierte Systeme zurück, in denen Kundendaten, Tarifrechner und Antragsstrecken gebündelt sind. Das reduziert den organisatorischen Aufwand deutlich und sorgt für ein einheitliches Arbeiten. Entscheidend ist für uns aber: KI ersetzt keine Beratung. Sie schafft Freiräume, damit sich unsere Finanzcoaches auf das konzentrieren können, was wirklich den Unterschied macht – das persönliche Gespräch und die individuelle Begleitung ihrer Kundinnen und Kunden.
Nicht nur schneller, sondern besser werden
Herr Prof. Dr. Lude, viele Unternehmen beschäftigen sich mit KI zunächst aus Effizienzgründen. Welche Fragen sollten sie sich darüber hinausstellen, wenn sie solche Technologien sinnvoll einsetzen wollen?
Prof. Dr. Maximilian Lude: Effizienzgewinne und Produktivitätssteigerungen sind in der Tat der Heilige Gral der deutschen KI-Nutzung. Doch ehrlicherweise sind die wenigsten Unternehmen schon dort angekommen: Jede Technologie erfordert zunächst Investitionen in Infrastruktur und Nutzungskompetenz, bevor sie in dieser Dimension wirksam werden kann.
Die entscheidendere Frage lautet für mich deshalb nicht nur „Wie werden wir schneller?“, sondern „Wie werden wir besser?“. Neben der Effizienz geht es um Intelligenz und Qualität: Durch den richtigen Einsatz und eine ausgewogene Balance zwischen humaner und künstlicher Intelligenz wird unser Ergebnis besser, als es ohne dieses Sparring je sein könnte. Ganz wichtig dabei ist, immer mit einer „Version 0“ zu beginnen – also zunächst eigene Ideen und Konzepte zu entwickeln und erst im nächsten Schritt mit dieser Version 0 in den Austausch mit der KI zu gehen. So bleibt das Denken beim Menschen, und die KI wird zum Sparringspartner statt zum Souffleur.
Herr Glanz, wie beantwortet die DVAG diese Frage für sich – also mit welchem Ziel setzen Sie KI und digitale Technologien in der Vertriebsunterstützung ein?
Christian Glanz: Für uns ist KI kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um die Qualität der Beratung systematisch weiterzuentwickeln. Natürlich spielen Effizienzgewinne eine Rolle. Noch wichtiger ist aber, dass Informationen schneller verfügbar werden, Prozesse transparenter ablaufen und unsere Vermögensberaterinnen und Vermögensberater mehr Zeit für die individuelle Betreuung ihrer Kundinnen und Kunden erhalten.
Wir denken Digitalisierung konsequent vom Vertrieb und von den Bedürfnissen unserer Berater aus. Neue Technologien müssen einen konkreten Mehrwert im Alltag schaffen. Deshalb entwickeln wir digitale Lösungen gemeinsam mit dem Vertrieb und den Fachbereichen und orientieren uns an der Frage, wie wir Beratung einfacher, verständlicher und gleichzeitig individueller gestalten können. KI kann dabei helfen, Standards zu vereinheitlichen, ohne die persönliche Komponente zu verlieren. Denn auch in einer digitalen Welt bleibt die Verantwortung für Beratung und Entscheidungen beim Menschen.
Wenn Wissen allein nicht mehr ausreicht
Herr Prof. Dr. Lude, wie verändert KI aus Ihrer Sicht die Art, wie Menschen arbeiten, zusammenarbeiten und Entscheidungen vorbereiten?
Prof. Dr. Maximilian Lude: KI hat bereits heute einen enormen Einfluss darauf, wie Menschen arbeiten – quer durch alle Branchen, von der Medizin bis zur Juristerei, vom Maschinenbau bis zur Lebensmittelbranche. Wissen wird dabei mehr und mehr zum Commodity-Gut: also zu etwas, das jederzeit und für jeden verfügbar ist und für sich genommen kaum noch einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Wenn Wissen zur Commodity wird, verschiebt sich der Wert – hin zur Vermittlung und Anwendung von Wissen, zur kontextindividuellen Anwendung im konkreten Fall.
Zweitens müssen wir – gerade mit Blick auf KI-Agenten – offen darüber sprechen, wie sich unsere Zusammenarbeit verändert. Wie verändert sich Führung, wenn ich künftig nicht nur Menschen, sondern auch KI-Agenten führe? Wie verändern sich Dynamik und Leistungsmessung meines Teams, wenn dieses mit KI arbeitet? Haben klassische KPIs ausgedient? Und was macht mein Team mit der Zeit, die durch den Einsatz von KI-Agenten frei wird? Gerade Letzteres wird die alles entscheidende Führungsfrage der kommenden Jahre sein: das Erkennen von Opportunitäten.
Herr Glanz, was bedeutet diese Entwicklung konkret für den Arbeitsalltag der Vermögensberaterinnen und Vermögensberater?
Christian Glanz: Im Arbeitsalltag verändert sich vor allem der Umgang mit Informationen und Prozessen. Viele Abläufe, die früher zeitintensiv oder manuell waren, laufen heute strukturierter, schneller und oft auch komfortabler ab. Das betrifft beispielsweise die Vorbereitung von Gesprächen, die Dokumentation oder die Bearbeitung von Anträgen. KI und digitale Werkzeuge unterstützen dabei, Informationen schneller zu finden und sinnvoll aufzubereiten. Dank der vollständig digitalen Alltagsstrecke können unsere Kundinnen und Kunden viele Anliegen schnell und unkompliziert erledigen und dabei Zeit sowie Aufwand sparen.
Für die Vermögensberaterinnen und Vermögensberater bedeutet das in erster Linie Entlastung. Die Zeit, die bislang für administrative Aufgaben benötigt wurde, kann stärker in die individuelle Betreuung von Kundinnen und Kunden investiert werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an digitale Kompetenz und die Fähigkeit, technologische Unterstützung sinnvoll zu nutzen und einzuordnen. Der Arbeitsalltag wird dadurch effizienter, stärker vernetzt und datenbasierter. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, aus vielen Informationen die richtigen Schlüsse für den einzelnen Kunden zu ziehen. Genau hier bleibt die menschliche Beratung unverzichtbar.
Technologischer Wandel ist kein reines IT-Projekt
Herr Prof. Dr. Lude, was zeichnet Unternehmen aus, die technologische Veränderungen nicht nur einführen, sondern sinnvoll in ihre Kultur und Arbeitsweise integrieren?
Prof. Dr. Maximilian Lude: Vor allem eines: Sie deklarieren die KI-Einführung nicht als IT-Projekt. Das ist für mich eine der größten Red Flags. KI ist eine kulturelle Transformation – und die muss von Beginn an ganzheitlich gedacht werden.
Viele Unternehmen haben durchaus gute Intentionen und stellen beispielsweise eigens einen „KI-Beauftragten“ ein, der das Thema anschieben soll. Das erinnert mich allerdings oft an das LKW-Ziehen aus früheren TV-Sportsendungen: eine einzelne Person stemmt sich mit aller Kraft gegen ein Gewicht, das eigentlich die ganze Organisation bewegen müsste. Eine ähnliche Herangehensweise haben wir beim Thema Nachhaltigkeit im Mittelstand gesehen – auch dort wurden häufig einzelne Personen abgestellt, anstatt das Thema ganzheitlich und verantwortungsvoll zu verankern. Man könnte hier also von „AI-Washing“ sprechen. Genau das gilt es zu vermeiden. Wie das gelingt? Das muss wiederum zur jeweiligen Unternehmenskultur passen – von der frühphasigen Entwicklung von Use Cases in interdisziplinären Teams bis hin zu umfassenden KI-Strategien. Ein pauschales Richtig oder Falsch gibt es hier nicht.
Herr Glanz, wie stellt die DVAG sicher, dass neue digitale Lösungen in der Praxis tatsächlich ankommen und den Bedarf des Vertriebs treffen?
Christian Glanz: Entscheidend ist, dass digitale Lösungen aus der Praxis heraus entstehen. Deshalb entwickeln wir neue Anwendungen konsequent in enger Zusammenarbeit mit unserem Vertrieb und testen sie frühzeitig im Alltag. Die Vermögensberaterinnen und Vermögensberater wissen am besten, welche Anforderungen sie in der täglichen Beratung haben und wo technologische Unterstützung wirklich hilft. Dieses Feedback fließt direkt in die Weiterentwicklung unserer Systeme ein.
Darüber hinaus achten wir darauf, dass neue Anwendungen intuitiv nutzbar sind und sich möglichst nahtlos in bestehende Prozesse integrieren lassen. Technologie entfaltet ihren Nutzen nur dann, wenn sie akzeptiert und aktiv genutzt wird. Deshalb geht es nicht darum, möglichst viele neue Tools einzuführen, sondern die richtigen Werkzeuge bereitzustellen. Akzeptanz entsteht immer dann, wenn ein konkreter Nutzen erkennbar ist und digitale Lösungen den Arbeitsalltag tatsächlich erleichtern.
Die wichtigste Fähigkeit bleibt das Lernen
Herr Prof. Dr. Lude, wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Kompetenzen werden für Menschen und Organisationen wichtiger, um mit technologischer Veränderung souverän umzugehen?
Prof. Dr. Maximilian Lude: Zu den entscheidenden Skills der Zukunft zählen für mich vor allem kritisches Denken und „Problem Framing“ – denn es wird zunehmend wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten liefert die KI. Und das von Monat zu Monat in höherer Qualität. Die wichtigste Fähigkeit überhaupt wird jedoch eine andere sein: die Fähigkeit, immer wieder Neues zu lernen. Wer das beherrscht – als Mensch wie als Organisation –, wird mit jeder technologischen Veränderung souverän umgehen können.
Herr Glanz, welche Rolle spielen Ausbildung, Beratungskompetenz und persönliche Verantwortung in einem zunehmend digital unterstützten Beratungsmodell für die DVAG?
Christian Glanz: Ausbildung und Beratungskompetenz gewinnen in einem digital unterstützten Beratungsmodell nochmal an Bedeutung. Je mehr Informationen und technologische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, desto wichtiger wird die Fähigkeit, diese einzuordnen, kritisch zu bewerten und verantwortungsvoll einzusetzen. Genau deshalb bleibt die persönliche Beratung für uns der entscheidende Faktor – insbesondere bei komplexen finanziellen Fragestellungen.
Unsere Vermögensberaterinnen und Vermögensberater treffen die Entscheidungen und tragen die Verantwortung gegenüber ihren Kundinnen und Kunden. Vertrauen entsteht nicht durch einen Algorithmus, sondern durch Kompetenz, Erfahrung und persönliche Nähe. Deshalb investiert die Deutsche Vermögensberatung jährlich über 90 Millionen Euro in die Aus- und Weiterbildung. Neben fachlichem Wissen gewinnen dabei digitale Kompetenzen, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit zur Orientierung in einer zunehmend komplexen Finanzwelt weiter an Bedeutung. KI kann unterstützen, Vertrauen schaffen weiterhin Menschen.















