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Altersvorsorge: Warum Wohneigentum stärker in den Mittelpunkt gehört 

Foto: Frank Nürnberger
Christian König, Verband der privaten Bausparkassen: „Das selbstgenutzte Wohneigentum darf in der Förderung nicht ins Hintertreffen geraten.“

Mit der beschlossenen Reform der privaten Altersvorsorge wird die staatliche Förderung neu strukturiert und ausgeweitet. Doch wer jetzt reformiert, sollte die Altersvorsorge breiter denken und nicht nur auf Kapitalmarktprodukte schauen. Dazu gehört zwingend auch selbstgenutztes Wohneigentum. Gastbeitrag von Christian König, Verband der privaten Bausparkassen

Die Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge wurde erst vor einigen Wochen verabschiedet, um ein transparenteres, einfacheres sowie kostengünstigeres Angebot an privaten Altersvorsorgeprodukten zu ermöglichen. Mit Blick auf die Verabschiedung des Gesetzes durch den Bundestag am 27. März 2026 rückt nun ein Thema wieder stärker in den Fokus: Wie sichern wir den Lebensstandard im Alter sowohl realistisch als auch verlässlich und vor allem für breite Bevölkerungsschichten erreichbar?

Mit dem Beschluss des Bundestages wird zugleich ein grundlegender Systemwechsel eingeleitet: Die bisherige Riester-Rente wird perspektivisch durch ein neues, staatlich gefördertes Vorsorgemodell ersetzt, das stärker auf Flexibilität, geringere Kosten und höhere Renditechancen ausgerichtet ist. Künftig sollen Sparer zwischen unterschiedlichen Garantie-Niveaus wählen können bis hin zu vollständig kapitalmarktbasierten Lösungen ohne Beitragsgarantie. Gleichzeitig wird die staatliche Förderung neu strukturiert und ausgeweitet, um zusätzliche Anreize zum privaten Sparen zu schaffen.


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Allerdings wird diese Reform für viele Menschen künftig nicht ausreichen. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit durch steigende Lebenshaltungskosten, volatile Kapitalmärkte und eine alternde Gesellschaft. Private Vorsorge ist deshalb unverzichtbar. Entscheidend ist aber, wie sie ausgestaltet wird. Wer jetzt reformiert, sollte nicht nur auf Kapitalmarktprodukte schauen, sondern die Altersvorsorge insgesamt breiter denken. Dazu gehört zwingend auch selbstgenutztes Wohneigentum.

Was Altersvorsorge leisten muss

In der öffentlichen Debatte wird Altersvorsorge oft auf eine einfache Kennzahl reduziert: die Rendite. Dass diese Perspektive zu kurz greift, illustriert auch die 2025 herausgebrachte Empirica-Studie „Rentable Altersvorsorge mit selbstgenutztem Wohneigentum“ von Dr. Reiner Braun (im Auftrag des Verbands der Privaten Bausparkassen e. V.). Altersvorsorge dient gleichermaßen dazu, das Vermögen aufzubauen sowie den Konsum – vor allem im Alter – zu sichern, und zwar möglichst verlässlich. Genau hier liegt ein zentraler Unterschied zwischen verschiedenen Vorsorgeformen. Kapitalmarktanlagen können langfristig attraktive Renditen erzielen. Internationale Studien zeigen, dass Aktien langfristig im Schnitt rund acht Prozent und Immobilien rund sieben Prozent pro Jahr erwirtschaften. Auf den ersten Blick scheint das ein klarer Vorteil für Aktieninvestments zu sein.

Doch dieser Vorsprung relativiert sich in der Praxis deutlich. Wer Risiken im Alter reduziert, muss sein Portfolio umschichten – mit entsprechenden Renditeeinbußen genau zu einem Zeitpunkt, in dem das angesparte Vermögen am größten ist. Hinzu kommen steuerliche Belastungen, die häufig unterschätzt werden. Unter realistischen Annahmen sinkt die tatsächliche Rendite von Aktien dadurch oft auf unter vier Prozent.

Auch Immobilien sind nicht frei von Kosten. Transaktionskosten, laufende Instandhaltung und mögliche Modernisierungen mindern die Rendite. Entscheidend ist jedoch, dass diese Effekte kalkulierbar und weniger volatil sind. Am Ende zeigt sich, dass die effektiven Renditen beider Anlageformen deutlich näher beieinander liegen, als es die öffentliche Diskussion vermuten lässt. Die zentrale Frage lautet daher nicht „Welche Anlage bringt die höchste Rendite?“, sondern „Welche Vorsorgeform ermöglicht langfristig stabile Lebensverhältnisse im Alter?“

Der unterschätzte Vorteil: mietfrei im Alter

Der entscheidende Unterschied zeigt sich insbesondere im Ruhestand. Wer in den eigenen vier Wänden lebt und seine Immobilie abbezahlt hat, profitiert von dauerhaft niedrigeren Wohnkosten. Die ersparte Kaltmiete wirkt wie eine zusätzliche, inflationsgeschützte „Rente“. Dieser Effekt wird häufig unterschätzt, weil er nicht als klassische Auszahlung sichtbar ist. Tatsächlich ist er aber einer der stabilsten Bausteine der Altersvorsorge. Denn während Kapitalmarkterträge schwanken können, entfällt die Mietzahlung Monat für Monat unabhängig von Marktphasen.

Gerade in Zeiten strukturell steigender Mieten gewinnt dieser Vorteil weiter an Gewicht. Für viele Haushalte ist Wohnen der größte Ausgabenposten. Wer diesen Kostenblock im Alter weitgehend eliminiert, verschafft sich finanziellen Spielraum für gesundheitliche Versorgung oder Pflege. Ökonomisch gesehen, handelt es sich dabei um eine „konsumierte Rendite“. Sie taucht in klassischen Renditevergleichen oft nicht auf, ist aber für die Lebensrealität entscheidend. Wer Altersvorsorge ernsthaft bewertet, muss genau diesen Punkt stärker berücksichtigen.

Warum Eigentümer oft besser vorsorgen

Ein weiterer Punkt, der in der Diskussion häufig unterschätzt wird, ist das tatsächliche Sparverhalten. Viele Modelle gehen implizit davon aus, dass Menschen rational und diszipliniert sparen. Die Realität sieht anders aus. Theoretisch könnten Mieter die Differenz zwischen Miete und den höheren Anfangskosten eines Immobilienerwerbs vollständig investieren. Praktisch gelingt das jedoch selten über Jahrzehnte hinweg. Konsumverzicht ist leichter gesagt als umgesetzt.

Empirische Daten der Empirica-Studie zeigen, dass Selbstnutzer über den Lebenszyklus hinweg mehr Vermögen aufbauen. Der Grund liegt im System selbst: Die Tilgung eines Immobilienkredits wirkt wie ein verpflichtender Sparmechanismus. Er ist nicht optional, dafür strukturell verankert. Hinzu kommt ein emotionaler Faktor. Das eigene Zuhause hat für viele Menschen einen anderen Stellenwert als ein Wertpapierdepot. Es schafft Identifikation und Sicherheit. Genau das erhöht die Bereitschaft, langfristig Vermögen aufzubauen. Am Ende des Erwerbslebens verfügen viele Eigentümer über ein schuldenfreies Zuhause und damit über eine substanzielle Absicherung und zwar unabhängig von Kapitalmarktschwankungen.

Seite 2: Altersvorsorge ist auch Lebensplanung

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.

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