«Die kommenden zwei Jahre könnten für Anleger besonders unberechenbar werden. Willkommen in der Ära der „Angry Lame Duck“», kommentiert Bernhard Schmitt, Head of Equity & Multi Manager Management bei der Liechtensteinischen Landesbank (LLB), den Ausgang der Midterms in den USA.
Schmitt: «Politisch gilt damit der Präsident nun als angeschlagen. Machtlos ist er aber keineswegs. Im Gegenteil: Zwar können die Demokraten jetzt die politische Agenda Donald Trumps erheblich ausbremsen. Aber ein scheinbar geschwächter US-Präsident könnte die Börse überraschen. Zunächst fiel die erste Reaktion an den Finanzmärkten vergleichsweise eindeutig aus: US-Staatsanleihen legten zu, die Renditen gingen zurück und der Dollar verlor. Die Logik dahinter: Ein demokratisch kontrollierter Kongress dürfte weitere Steuersenkungen und expansive Ausgabenprogramme des Präsidenten erschweren. Weniger fiskalischer Rückenwind könnte gleichzeitig weniger Inflations- und Zinsdruck bedeuten.
Für Aktien ist die Lage jedoch komplizierter. Nach Midterm-Wahlen gilt politische Blockade an der Wall Street traditionell nicht als schlechte Nachricht. Seit 1950 lag der S&P 500 zwölf Monate nach allen 19 Zwischenwahlen im Plus, durchschnittlich sogar rund 15 Prozent (siehe Grafi unten).
Doch Geschichte ist kein Naturgesetz. Und Donald Trump wird kein gewöhnlicher „Lame Duck“ sein. Denn während der Präsident seine Mehrheiten im Kongress verliert, behält er Vetorecht und weitreichende Exekutivbefugnisse. Die Demokraten können seine Gesetzesvorhaben blockieren. Umgekehrt kann Trump demokratische Initiativen stoppen.
Je weniger Donald Trump innenpolitisch durch den Kongress bewegen kann, desto interessanter werden jene Machtinstrumente, für die er ihn nicht braucht. Das gilt insbesondere für die Handelspolitik. Zölle und andere handelspolitische Massnahmen könnten weiterhin wichtige Werkzeuge bleiben. Für Anleger entsteht damit eine paradoxe Situation: weniger fiskalische Macht bedeutet nicht automatisch weniger politische Risiken.
Auch beim Megathema künstliche Intelligenz verändert die neue politische Konstellation die Perspektive. Mit einem demokratisch kontrollierten Kongress dürften Datenschutz, Sicherheitsstandards, Energieverbrauch und die Belastung der Stromnetze stärker in den Fokus rücken. Für Hyperscaler und grosse Rechenzentrumsbetreiber bedeutet das zusätzlichen regulatorischen Gegenwind. Doch was für die einen höhere Kosten bedeutet, eröffnet anderen neue Chancen.
Denn der enorme Energiebedarf der AI verschwindet nicht durch Regulierung. Im Gegenteil: Strengere Anforderungen an Netzanschlüsse, Energieeffizienz und Versorgungssicherheit könnten zusätzliche Investitionen erzwingen. Davon könnten Stromerzeuger, Netzbetreiber sowie Anbieter von Transformatoren, Schaltanlagen, Batteriespeichern, Kühlsystemen und Glasfasernetzen profitieren.
Für Anleger dürfte deshalb weniger entscheidend sein, ob Demokraten oder Republikaner in Washington formal die Oberhand besitzen. Wichtiger wird, wie der US-Präsident Donald Trump auf seinen geschrumpften politischen Handlungsspielraum reagiert.
Die Wall Street kennt das klassische Drehbuch nach Midterms: politische Blockade, weniger Überraschungen und steigende Aktienmärkte. Dieses Mal könnte es anders laufen. Die „Lame Duck“ mag politisch flügellahm sein. Eine „Angry Lame Duck“ kann aber noch immer kräftig beissen.»















