Anthropic vor Rekordbewertung: Was der SpaceX-Börsengang lehrt

Google Cash. bei Google als bevorzugte Quelle markieren
Ein Smartphone mit dem Anthropic-Logo auf dem Display steht scharf im Vordergrund vor einem verschwommenen Computerbildschirm mit Code.
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Anthropic-IPO: Ist die Entwicklung wie beim Börsengang von SpaceX zu verhindern?

Anthropic strebt mit einer Bewertung von bis zu zwei Billionen US-Dollar den größten Börsengang der Geschichte an. Analystin Violeta Todorova zeigt anhand des SpaceX-Debüts, welche Risiken Anleger trotz starker Kennzahlen einkalkulieren sollten.

Frankfurt, 4. November 2026 - Anthropic und SpaceX stehen für die zwei größten Börsengänge, die je versucht wurden, und werden gemeinsam mitbestimmen, wie Investoren den KI-Boom bepreisen. SpaceX ging am 12. Juni 2026 zu 135 US-Dollar je Aktie an die Börse und nahm dabei rund 75 Milliarden US-Dollar ein. Nach der Ausübung der Mehrzuteilungsoption erhöhte sich das Volumen auf etwa 86 Milliarden US-Dollar. Anthropic, Entwickler der KI-Modelle Claude, hat am 26. Oktober öffentlich die Unterlagen eingereicht und plant die Notierung an der Nasdaq unter dem Tickersymbol „ANT“. Berichten zufolge liegt die angestrebte Bewertung bei 1,5 bis zwei Billionen US-Dollar, was den Börsengang zum größten der Geschichte machen könnte.

Beide Transaktionen sind zudem wirtschaftlich verknüpft: Anthropic hat sich verpflichtet, bis zu 120,5 Milliarden US-Dollar für Rechenleistung der KI-Sparte von SpaceX auszugeben, die früher unter dem Namen xAI firmierte. Der Erfolg des einen Unternehmens speist damit teilweise den des anderen.

Bewertung, Umsatz und Profitabilität im Vergleich

Anthropic wächst schneller und erzielt höhere Margen, SpaceX hat dagegen bereits als börsennotiertes Unternehmen einen Quartalsgewinn vorgelegt. Beide Unternehmen starten mit einer Bewertung, die keinen Raum für Enttäuschungen lässt. Zum Ausgabepreis von 135 US-Dollar war SpaceX mit dem rund 95-Fachen des Umsatzes von 2025 bewertet und lag damit deutlich über unabhängigen Schätzungen des fairen Werts. Die erwartete Bewertung von Anthropic ist mit dem rund 46-Fachen des auf das Jahr hochgerechneten Umsatzes im ersten Halbjahr ähnlich ambitioniert. Wer so teuer startet, hat nur begrenzten Spielraum für weitere Kursgewinne.

Beim Umsatz liegt Anthropic vorn. Im ersten Halbjahr wuchsen die Erlöse um etwa das 13-Fache gegenüber dem Vorjahr, wobei das Unternehmen selbst davor warnt, dieses Tempo nicht halten zu können. Auch das Wachstum von SpaceX hat sich beschleunigt, was maßgeblich daran liegt, dass die KI-Sparte inzwischen Rechenleistung an Kunden wie Anthropic verkauft.

Beim Ergebnis lohnt der Blick hinter die Schlagzeile. Anthropic wies einen Verlust von 80,7 Milliarden US-Dollar aus, von dem jedoch rund 72,4 Milliarden US-Dollar auf einen bilanziellen Effekt entfallen. Er geht auf Wandelanleihen zurück, die überwiegend Amazon hält und deren Wert mit der Unternehmensbewertung von Anthropic steigt. Bereinigt um diesen Posten erzielte das Unternehmen im zweiten Quartal einen operativen Gewinn von 974 Millionen US-Dollar und im ersten Halbjahr einen operativen Cashflow von 3,9 Milliarden US-Dollar. SpaceX verbuchte 2025 noch einen Verlust, schaffte im dritten Quartal 2026 aber den Sprung zu einem Nettogewinn von 4,4 Milliarden US-Dollar.

Auffällig ist zudem die Zuteilung an Privatanleger. Üblicherweise erhalten Kleinanleger bei Börsengängen nur fünf bis zehn Prozent der Aktien. SpaceX peilte 30 Prozent an, Anthropic erwägt 15 bis 20 Prozent. Das klingt großzügig, doch Privatgeld reagiert weniger preissensibel, was den Banken helfen kann, einen höheren Preis durchzusetzen, als es professionelle Investoren allein zahlen würden.

Hinzu kommt der Freigabekalender. Beide Unternehmen verzichteten auf die übliche einheitliche Haltefrist von 180 Tagen und setzen stattdessen auf eine gestaffelte Freigabe. Das vermeidet eine einzelne Abgabewelle, führt aber dazu, dass über Monate hinweg kontinuierlich Insideraktien an den Markt gelangen. Bei SpaceX fiel dieser Zufluss mit dem Kursrutsch unter den Ausgabepreis im Sommer zusammen.

Was Anleger aus dem SpaceX-Debüt lernen können

Die wichtigste Lehre lautet, dass ein spektakulärer erster Handelstag etwas über die Nachfrage aussagt, aber nichts über den Wert eines Unternehmens. SpaceX stieg in den ersten drei Handelstagen auf ein Tageshoch von 225 US-Dollar, ein Plus von 67 Prozent, und notierte danach große Teile des Sommers unter dem Ausgabepreis von 135 US-Dollar. Rund einen Monat nach dem Börsengang fiel die Aktie unter diese Marke, obwohl die meisten Konsortialbanken optimistische Kursziele veröffentlicht hatten. Anfang August sank der Kurs auf 105 US-Dollar. Wer am ersten Tag kaufte, bezahlte für den Hype. Und dieser verflog.

Künstliche Knappheit kann den Eröffnungskurs aufblähen. Nur rund fünf Prozent der SpaceX-Aktien wurden öffentlich angeboten und neue Nasdaq-Regeln beförderten das Unternehmen innerhalb von 15 Handelstagen in den Nasdaq-100. Das ist das höchste Maß an herbeigeführter Verknappung, das bei einem IPO je zu beobachten war. Ein winziger Streubesitz in Kombination mit den erzwungenen Käufen von Indexfonds treibt den Kurs zunächst nach oben und verpufft, sobald mehr Aktien auf den Markt kommen.

Der Lock-up-Kalender verdient besondere Aufmerksamkeit. Als am 22. Oktober 28 Prozent der gesperrten SpaceX-Aktien handelbar wurden, fiel der Kurs an diesem Tag von 159,31 auf 144,75 US-Dollar. Bei Anthropic ist der erste Insiderverkauf am ersten Tag des Börsengangs vorgesehen, danach 27, 48, 62 und 76 Tage nach der Notierung. Ähnlicher Verkaufsdruck ist daher zu erwarten.

Auch Marktgrößenversprechen sind mit Vorsicht zu behandeln. Der SpaceX-Prospekt stützte sich auf einen adressierbaren Markt von 28,5 Billionen US-Dollar, der überwiegend auf KI entfällt. Anthropic beziffert die globale Wissensarbeit auf mehr als 40 Billionen US-Dollar. Dabei handelt es sich um Unternehmensschätzungen, nicht um Prognosen, und sie sagen wenig darüber aus, welchen Anteil die Unternehmen tatsächlich gewinnen können.

Am Ende aber zählen Gewinne. Die Erholung der SpaceX-Aktie in den mittleren 140er-Bereich folgte auf den ersten großen Quartalsgewinn. Echte Erträge bewirkten mehr als alle früheren optimistischen Kursziele, denen kein profitabler Track Record gegenüberstand. Anleger werden zudem womöglich ohnehin investiert sein. Breite Indexfonds nahmen SpaceX binnen weniger Tage auf, zunächst allerdings mit sehr geringer Gewichtung. Bei Anthropic dürfte es ähnlich kommen, sodass viele Investoren über ihre Altersvorsorge Engagements erhalten, ohne eine einzige Aktie zu kaufen.


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Der Musk-Faktor: Zugpferd und Governance-Risiko

Die Bekanntheit von Elon Musk hat die Nachfrage erkennbar befeuert, wirkte aber in beide Richtungen. Sie lockte eine Rekordzahl an Privatanlegern an und verschaffte SpaceX eine ungewöhnliche Verhandlungsmacht, löste aber zugleich einige der schärfsten Governance-Vorwürfe aus, die bei einem aktuellen Börsengang zu hören waren.

Anleger rissen sich um die Papiere, angezogen von Musks Erfolgsbilanz. Privatanleger kauften am ersten Handelstag Aktien im Wert von rund 118 Millionen US-Dollar, davon 18 Millionen US-Dollar in den ersten 20 Minuten. Der hohe Preis spiegelte das Vertrauen in Musk persönlich wider, weniger klassische Finanzkennzahlen. Seine Strahlkraft erlaubte es SpaceX, die Regeln des Börsengangs umzuschreiben. Der Preis von 135 US-Dollar wurde noch vor der üblichen Investoren-Roadshow festgelegt, die Bankgebühren lagen unter 0,75 Prozent statt der üblichen vier bis sieben Prozent und den Konsortialbanken wurde Berichten zufolge nahegelegt, Abonnements für den Chatbot Grok zu kaufen. Nur wenige Gründer könnten solche Forderungen durchsetzen.

Die Kehrseite sind Fragen der Kontrolle. Musk hält rund 82 Prozent der Stimmrechte und ist zugleich CEO, Technikchef und Verwaltungsratsvorsitzender. Der dänische Pensionsfonds AkademikerPension weigerte sich zu investieren und nannte sowohl die Bewertung als auch Musks Kontrolle als Gründe. Leiter öffentlicher Pensionsfonds in New York und Kalifornien bezeichneten die Struktur als „extrem“, da sie Musk erheblichen Wert zulasten der öffentlichen Anleger verschaffe. Ein großer Privatanlegeranteil kann zudem ein Signal sein, dass professionelle Investoren den geforderten Preis nicht zahlen wollen. Als die SpaceX-Aktie vom Junihoch bis zum Augusttief massiv einbrach, verlor Musk seinen kurzzeitigen Titel als erster Mensch mit einem Vermögen von mehr als einer Billion US-Dollar.

Nach Einschätzung von Leverage Shares war Musks Prominenz der Funke, aber die Struktur des Geschäfts war der Brennstoff. Ein winziger Streubesitz und der beschleunigte Indexeintritt trieben den frühen Kurs ebenso stark wie seine Anhängerschaft. Sobald Insideraktien freigegeben wurden, übernahmen die Fundamentaldaten.

Anthropic-CEO mit gemischter Bilanz

Die Meinungen über Anthropic-CEO Dario Amodei gehen auseinander und der Prospekt des Unternehmens räumt das Risiko ein. Darin werden er und seine Schwester, Präsidentin Daniela Amodei, als entscheidend für die Ausrichtung des Unternehmens und kaum ersetzbar genannt; Reputationsschäden für das Unternehmen oder seine Führungspersonen sind als Risikofaktor aufgeführt. Während Musk ein Prominenter ist, der Fans mobilisiert, ist Amodei ein vom Wissenschaftler zum CEO gewordener Manager, der Fachleute spaltet.

Befürworter verweisen vor allem auf die Zahlen. Unter Amodeis Führung stieg der Halbjahresumsatz von Anthropic von rund 1,2 Milliarden auf 16,3 Milliarden US-Dollar, und das Unternehmen schrieb erstmals einen operativen Quartalsgewinn. Daher gewinne Anthropic gemäß der Befürworter derzeit das KI-Rennen und schlage OpenAI auf dessen eigenem Terrain. Palantir-Chef Alex Karp nannte ihn „eine der großen Legenden in Technologie und Wirtschaft“ und das Time Magazine führte ihn 2025 und 2026 unter den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Zudem schätzen Unterstützer seine Offenheit. Im August schrieb er, die berechtigtste Kritik an KI-Unternehmen, auch am eigenen, sei, dass sie ihre großen Versprechen noch nicht eingelöst hätten. Im September forderte er die Branche auf, das Tempo zu drosseln und bot unabhängigen Prüfern dauerhaften Zugang zu den Modellen von Anthropic an. Sowohl Sam Altman als auch Elon Musk unterstützten die Idee einer Verlangsamung.

Kritiker sehen vor allem einen Widerspruch: Wer vor den Gefahren von KI warnt und zugleich Milliarden einsammelt, muss sich fragen lassen, ob Moral und kommerzielle Interessen tatsächlich vereinbar sind. New Yorks Rechnungsprüfer Mark Levine forderte Anthropic auf, den Börsengang auszusetzen, bis das Unternehmen die selbst benannten Sicherheits- und Governance-Bedenken ausgeräumt habe, und Senatorin Elizabeth Warren verlangte Antworten bis zum 3. November. Auch das Vertrauen ist eine Schwachstelle. Laut einer von CNBC zitierten Umfrage trauten mehr als 75 Prozent der Befragten Amodei kein verantwortungsvolles Handeln zu. Er schnitt damit etwas schlechter ab als OpenAI-Chef Sam Altman mit rund 70 Prozent.

Die Kontrolle bei Anthropic ist weniger konzentriert als bei SpaceX, aber dennoch weit von einer typischen Struktur entfernt. Die sieben Mitgründer halten bei bestimmten Fragen 50,1 Prozent der Stimmrechte und ein unabhängiger Trust kann die Mehrheit des Verwaltungsrats wählen. Als Public Benefit Corporation ist das Unternehmen rechtlich verpflichtet, Aktionärsrenditen und Mission auszubalancieren. Befürworter werten das als Schutzmechanismus, Skeptiker als geringere Mitsprache für öffentliche Aktionäre.

Eine Fan-Rally im Stil von Musk dürfte Anthropic zum IPO kaum erleben. Die Nachfrage wird stärker von den Finanzdaten abhängen als von der Prominenz des Gründers. Amodeis öffentliche Warnungen vor KI-Risiken könnten manche langfristig orientierte Anleger beruhigen und andere verunsichern, die zuerst Wachstum sehen wollen.

Privatanleger sollten abwägen

Anthropic bringt stärkere Fundamentaldaten mit, als SpaceX zum Zeitpunkt der Notierung vorweisen konnte. Dazu zählen schnelleres Wachstum, hohe Bruttomargen und bereits ein operativer Gewinn. SpaceX kam mit der größeren Marke und einem prominenten Gründer. Der Börsengang von SpaceX zeigt, dass beides keine reibungslose Entwicklung garantiert. Ein winziger Streubesitz, gestaffelte Lock-ups und eine extrem hohe Startbewertung können aus einem Rekorddebüt einen schmerzhaften Sommer machen. Anleger, die sich Anthropic ansehen, sollten weniger auf den Kurssprung am ersten Tag achten als auf den Preis, den sie zahlen, auf den Lock-up-Kalender und darauf, ob das Wachstum trägt, wenn neue Kosten für Rechenleistung anfallen.

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