Die Renditen an den internationalen Anleihemärkten steigen. 30-jährige US-Staatsanleihen rentieren so hoch wie seit fast 20 Jahren nicht mehr, zehnjährige US-Treasuries inzwischen bei rund 4,3 bis 4,4 Prozent. Deutsche Bundesanleihen liegen bei etwa drei Prozent. Die Botschaft der Märkte ist eindeutig – doch viele Notenbanken wollen sie noch nicht hören.
Trotz dieser Entwicklung halten viele Marktteilnehmer an der Erwartung fest, die Zentralbanken könnten bald wieder die Zinsen senken oder zumindest die Geldpolitik lockern. Mathias Beil, Leiter Private Banking bei der Sutor Bank, sieht das kritisch: „Die Kapitalmärkte glauben den Notenbanken ihre Zinserzählung zunehmend nicht mehr“, sagt Beil. „Die Renditen steigen, weil Investoren Inflation, Staatsverschuldung und geopolitische Risiken strukturell höher bewerten.“
Der Grund liegt im politischen Umfeld der Notenbanken. „In den USA wächst der Erwartungsdruck auf den neuen Chef der Federal Reserve, die Zinsen zur Stabilisierung von Konjunktur und Finanzierungskosten zu senken“, so Beil. Gleichzeitig versucht die Europäische Zentralbank, die wirtschaftliche Schwäche in der Eurozone nicht durch höhere Finanzierungskosten zu verschärfen. „Die Fed soll Wachstum sichern, die EZB die Konjunktur stützen“, sagt Beil. „Beide Notenbanken geraten dadurch in die Rolle wirtschaftspolitischer Dienstleister, ihr eigentliches Mandat tritt in den Hintergrund.“
Investoren verlangen höhere Risikoprämien
Die steigenden Renditen langlaufender Staatsanleihen zeigen, dass die Märkte diese politische Einflussnahme bereits einpreisen. Investoren verlangen höhere Risikoprämien, weil sie nicht mehr darauf vertrauen, dass die Zentralbanken konsequent gegen Inflation vorgehen. Hinzu kommen steigende Staatsdefizite, hohe Refinanzierungsbedarfe und eine geopolitisch angespannte Lage, die dauerhaft inflationstreibend wirkt.
Dabei sind die aktuellen Renditeniveaus historisch keineswegs außergewöhnlich. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentierten in den 1990er-Jahren regelmäßig oberhalb von fünf Prozent, deutsche Bundesanleihen lagen über lange Zeit deutlich höher als heute. Erst die expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre schuf ein künstliches Umfeld niedriger Zinsen. „Vier Prozent in den USA oder drei Prozent in Deutschland sind historisch betrachtet keine Hochzinsphase“, erklärt Beil. „Ungewöhnlich war vielmehr die Zeit der Null- und Negativzinsen.“
Die Märkte kehren derzeit zu normalen Bewertungsmaßstäben zurück. Die Notenbanken tun sich schwer, diese Realität anzuerkennen. Die Entwicklung an den Anleihemärkten ist damit keine Überreaktion, sondern eine Korrektur jahrelanger geldpolitischer Verzerrungen.
Märkte sind den Notenbanken einen Schritt voraus
„Dieses Szenario wird sich immer irgendwann zugunsten der Kapitalmärkte auflösen“, sagt Beil. „Die Märkte sind den Notenbanken wieder einmal einen Schritt voraus. Der Renditeanstieg zeigt, dass Investoren langfristig nicht mehr an eine Rückkehr zur künstlichen Niedrigzinswelt glauben.“













