Bitcoin befindet sich aktuell ziemlich genau in der Mitte des laufenden Vier-Jahres-Zyklus. Rund zwei Jahre nach dem Halving am 20. April 2024 ist damit ein sinnvoller Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz erreicht. Der Kurs hat sich zuletzt wieder stabil oberhalb der Marke von 80.000 US-Dollar etabliert. Auf den ersten Blick wirkt das vertraute Muster intakt: Das bisherige Hoch wurde – wie in früheren Zyklen – mit zeitlichem Abstand zum Halving erreicht, seither befindet sich der Markt in einer Korrekturphase. Doch dieser Eindruck greift zu kurz.
Denn während die Zyklus-Theorie den groben Rahmen weiterhin beschreibt, verliert sie zunehmend an Erklärungskraft für das tatsächliche Marktgeschehen. Sowohl die Tiefe der Korrektur als auch die aktuelle Preisdynamik lassen sich nicht mehr allein durch das Halving erklären. Gleichzeitig hält sich ein anderes Narrativ hartnäckig: Bitcoin sei aufgrund seiner hohen Volatilität ungeeignet für viele Portfolios. Beide Sichtweisen werden der aktuellen Marktrealität nur noch bedingt gerecht. Diese Diskrepanz lässt sich nur verstehen, wenn man neben dem Zyklus auch die veränderte Marktstruktur und die tatsächliche Rolle von Volatilität im institutionellen Kontext berücksichtigt.
Mythos Volatilität: Warum der Vergleich mit Tech-Aktien überrascht
Ein häufig vorgebrachtes Argument gegen Bitcoin ist seine vermeintlich außergewöhnlich hohe Schwankungsbreite. Tatsächlich relativiert sich diese Einschätzung bei einem Vergleich mit etablierten Märkten deutlich. Im Jahr 2025 lag die Volatilität von Bitcoin bei rund 35 Prozent und damit unter der zahlreicher großer US-Technologiewerte. Aktien wie Nvidia (49,6 %) oder Meta (38 %) wiesen im selben Zeitraum höhere Schwankungen auf, ohne dass ihre Rolle in institutionellen Portfolios grundsätzlich infrage gestellt wurde. Insgesamt waren im S&P 500 mehr als 170 Einzeltitel volatiler als Bitcoin.
Entscheidend ist jedoch weniger die isolierte Betrachtung eines Assets als dessen Funktion im Portfolio. Risiko entsteht nicht allein durch Schwankungsbreite, sondern durch die Kombination aus Gewichtung und Korrelation. Gerade hier kann Bitcoin trotz eigener Volatilität einen diversifizierenden Effekt haben, da die Korrelation zu klassischen Anlageklassen über weite Strecken vergleichsweise niedrig bleibt. Professionelle Investoren sollten daher umdenken: Volatilität ist kein Ausschlusskriterium, sondern ein Parameter, der im Kontext der gesamten Portfolioallokation bewertet werden muss.
Die Halving-Theorie stößt an ihre Grenzen
Der Blick auf die Volatilität zeigt, wie sich zentrale Narrative über Bitcoin verschieben. Ähnlich verhält es sich mit der Zyklustheorie selbst. Denn auch hier bestätigt sich, dass einfache Erklärungsmodelle an Grenzen stoßen. Der klassische Bitcoin-Zyklus ist eng mit dem Halving verknüpft, also der etwa alle vier Jahre stattfindenden Halbierung der Blockbelohnung für Miner. Dieser Mechanismus reduziert die neu emittierte Angebotsmenge und hat in der Vergangenheit mit den großen Marktphasen korrespondiert. In den Zyklen von 2016 und 2020 lag das jeweilige Hoch rund 526 beziehungsweise 548 Tage nach dem Halving. Im aktuellen Zyklus wurde das bisherige Hoch im Oktober 2025 etwa 530 Tage nach dem Halving im April 2024 erreicht.
Diese zeitliche Nähe spricht dafür, dass das Halving weiterhin den strukturellen Rahmen vorgibt. Gleichzeitig erklärt es aber weder Timing noch Ausmaß der Marktbewegungen, und der aktuelle Zyklus verläuft in mehreren Punkten anders. So erreichte Bitcoin bereits im März 2024 ein Allzeithoch, also noch vor der Blockhalbierung. Ein solches Vorziehen der Marktphase war in früheren Zyklen nicht zu beobachten. Die aktuelle Marktphase lässt sich vor diesem Hintergrund als Übergang beschreiben. Nach dem Hoch im Oktober 2025 folgte eine Korrektur, die sich bis Februar 2026 auf rund 50 bis 52 Prozent summierte. Damit bleibt sie deutlich unter den Rückgängen früherer Zyklen, die häufig 75 bis 90 Prozent erreichten. Gleichzeitig fehlen aber noch klare Signale einer nachhaltigen Trendwende.
On-Chain-Analyse zeigt einen Markt im Übergang
On-Chain-Daten deuten darauf hin, dass sich der Markt weiterhin in einer Phase der Bereinigung befindet. Rund 8,4 Millionen Bitcoin liegen aktuell noch im Verlust, begleitet von einem AVIV-Wert von etwa 0,92. Die AVIV-Ratio setzt die aktive Marktkapitalisierung ins Verhältnis zum tatsächlich investierten Kapital, um Marktphasen objektiv zu bewerten. Dabei markieren Werte unter 0,55 eine fundamentale Unterbewertung (Einstiegschance), während Stände über 2,5 auf eine riskante Überhitzung des Marktes hindeuten. Beides spricht für eine anhaltende Umverteilung und vorsichtige Positionierung. Die jüngste Erholung auf rund 81.000 US-Dollar wirkt entsprechend fragil und ist stark von Kapitalzuflüssen abhängig, während Gewinnmitnahmen den Aufwärtsdruck schnell dämpfen können.
Dass sich die jetzige Phase anders anfühlt als frühere Zyklen, liegt jedoch nicht nur an internen Marktmechaniken, sondern vor allem an einer strukturellen Veränderung der Nachfrage. Der aktuelle Zyklus ist der erste, in dem ein regulierter Markt für US-Spot-ETFs von Beginn an eine prägende Rolle spielt. Diese Produkte halten inzwischen rund 1,3 Millionen Bitcoin, was etwa 6,5 Prozent des zirkulierenden Angebots entspricht.
ETF-Zuflüsse übersteigen neu erzeugte Bitcoin um ein Vielfaches
Noch entscheidender ist das Verhältnis von Nachfrage zu neuem Angebot. Seit dem Halving werden täglich rund 450 Bitcoin neu erzeugt. Dem standen zuletzt ETF-Zuflüsse gegenüber, die über mehrere Tage hinweg ein Vielfaches dieser Menge absorbierten. Über einen Zeitraum von fünf Handelstagen im April summierten sich die Nettozuflüsse auf rund 14.000 Bitcoin, während im gleichen Zeitraum nur etwa 2.250 Bitcoin neu geschürft wurden. Auch über längere Zeiträume lag die Nachfrage aus ETFs bei einem Mehrfachen der täglichen Emission.
Diese Größenordnungen verdeutlichen, dass sich die Kräfteverhältnisse im Markt verschoben haben. Preisbewegungen werden nicht mehr primär durch das reduzierte Angebot bestimmt, sondern zunehmend durch die Intensität externer Kapitalzuflüsse. Parallel dazu hat sich auch die Marktmechanik verändert. Handelsvolumen und Liquidität konzentrieren sich stärker auf US-Marktzeiten, während US-Börsen einen größeren Anteil an der Markttiefe stellen, Bitcoin ist damit stärker in die Strukturen klassischer Kapitalmärkte eingebunden.
Vor diesem Hintergrund verliert die klassische Zyklustheorie an Erklärungskraft. Die Zahl der beobachtbaren Zyklen ist begrenzt, und die Rahmenbedingungen unterscheiden sich erheblich. Mit wachsender Marktreife nimmt der relative Einfluss des Halvings ab, während makroökonomische Faktoren und Kapitalflüsse an Bedeutung gewinnen. Zwar kann das Halving weiterhin gut die übergreifenden Marktphasen beschreiben, Bitcoin reagiert aber zunehmend auf Liquiditätsbedingungen, Zinsentwicklungen und geopolitische Ereignisse. Für Investoren bedeutet das, dass historische Muster weiterhin Orientierung bieten, aber keine verlässlichen Prognosen erlauben.
Autorin Johanna Belitz ist Head of Nordics beim Krypto-ETP-Emittenten Valour.












