EXKLUSIV

Domcura-Chef Lars Fuchs: „Wir wollen unsere Position als Spezialist weiter schärfen“

Laut GDV liegt der Elementarschutzanteil in der Wohngebäudeversicherung bei rund 57 Prozent. Wie sieht das bei Domcura aus? Und was tun Sie, um hier eine hohe Absicherungsquote zu erreichen?
Fuchs: Bei Domcura liegt die Abschlussquote des Elementargefahrenschutzes in der Wohngebäudeversicherung bei über 80 Prozent und damit deutlich über dem genannten Marktniveau. Das zeigt: Eine hohe Absicherungsquote ist erreichbar, wenn Elementarschutz nicht nur als optionaler Zusatzbaustein behandelt wird, sondern als wesentlicher Bestandteil einer zeitgemäßen Wohngebäudeversicherung – wie bei uns in Form des erwähnten Opt-out-Modells, das sich bewährt hat. Der zweite entscheidende Hebel ist Aufklärung. Viele Menschen unterschätzen ihr persönliches Risiko oder verbinden Elementarschäden noch immer vor allem mit einzelnen Hochwasserregionen. Das greift jedoch zu kurz. Extremwetter ist längst kein Randphänomen mehr. Deshalb sind die rund 5.600 Vermittlerinnen und Vermittler, die mit uns zusammenarbeiten, für Kundengespräche besonders sensibilisiert. Wir setzen auf klare Ansprache, verständliche Produkte und eine Beratung, die Risiken realistisch einordnet.

Stichworte ZÜRS 3 oder 4: Viele Versicherer ziehen sich aus hochgefährdeten Regionen zurück oder schränken den Schutz stark ein. Welche Rolle kann ein spezialisierter Anbieter wie Domcura künftig in der Absicherung von Hochrisikogebieten spielen?
Fuchs: Hochrisikogebiete bleiben eine der schwierigsten Fragen des Marktes. Niemand kann seriös so tun, als lasse sich dort jedes Risiko genauso absichern wie anderswo. Ein spezialisierter Anbieter kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, weil er Risiken genauer differenzieren und individuelle Schutzkonzepte noch besser beurteilen kann. Für uns gilt: Gerade in hochgefährdeten Zonen muss man ganz genau hinschauen. Dauerhaft tragfähig wird Absicherung dort aber nur dann, wenn Versicherung, Prävention, bauliche Schutzmaßnahmen und öffentliche Infrastruktur zusammengedacht werden.

„KIM war von Anfang an mehr als nur ein reines Effizienzprojekt.“

Lars Fuchs

Domcura hat mit „KIM“ einen eigenen KI-gestützten Mitarbeiter für Schadenprozesse entwickelt. Was war der ursprüngliche Impuls für dieses Projekt – Effizienz, Fachkräftemangel oder ein strategischer Technologiesprung?
Fuchs: Der Ausgangspunkt war nicht ein einzelner Faktor, sondern die Kombination aus allen drei. Die Schadenbearbeitung ist hochgradig standardisierbar, gleichzeitig aber personell anspruchsvoll und in Spitzenzeiten stark belastet. Wenn dann noch Extremwetterlagen zu vielen Schadenmeldungen in einem kurzen Zeitraum führen, wird schnell sichtbar, wo klassische Strukturen an Grenzen stoßen. KIM ist 2024 in erster Linie nicht aus einem Innovationstrieb heraus entstanden, sondern aus einem realen operativen Druck: große Schadenbearbeitungsrückstände. Deshalb war KIM von Anfang an mehr als ein reines Effizienzprojekt. Wir wollten Prozesse robuster machen und zugleich eine technologische Fähigkeit aufbauen, die uns dauerhaft trägt. Entscheidend ist dabei immer die Leitidee: zeitraubende Standardprozesse automatisieren, damit Menschen wieder Zeit für Menschen haben.

Sie sind inzwischen auch Microsoft-Partner. Welche Bedeutung hat diese Partnerschaft für die Weiterentwicklung von KIM und Ihrer digitalen Plattform?
Fuchs: Für uns ist das vor allem technologisch relevant. Wenn man KI ernsthaft in Kernprozesse einbinden will, braucht man stabile, skalierbare und sichere Strukturen. Eine Partnerschaft mit Microsoft ist deshalb kein Werbe-Etikett, sondern ein elementarer Baustein für Weiterentwicklung, Geschwindigkeit und Professionalität. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um belastbaren Einsatz im regulierten Umfeld. Für einen Versicherungsspezialisten ist genau das entscheidend. Denn in unserer Branche zählt nicht nur, was technisch möglich ist, sondern vor allem, was verlässlich und nachvollziehbar im Alltag funktioniert.

Wie weit kann Automatisierung in der Versicherungswirtschaft tatsächlich gehen? Wird KI künftig den Großteil der Schadenbearbeitung übernehmen – oder bleiben menschliche Experten unverzichtbar?
Fuchs: Automatisierung wird in standardisierten Abläufen sehr weit gehen. Viele Vorgänge folgen klaren Mustern und lassen sich mit gut trainierten Systemen deutlich schneller bearbeiten als im klassischen Modell. In diesem Bereich wird KI einen immer größeren Anteil übernehmen. Menschliche Expertinnen und Experten bleiben aber unverzichtbar, sobald Fälle komplexer, emotional, rechtlich sensibel oder mehrdeutig werden. Ein Gebäudeschaden ist eben nicht nur ein Datensatz. Gerade in diesem Bereich geht es oft um Ausnahmesituationen für Kundinnen und Kunden. Deshalb geht es nicht um Mensch gegen Maschine, sondern um eine neue Arbeitsteilung: Routine automatisieren, anspruchsvolle Fälle menschlich betreuen.

Viele Makler erwarten heute digitale Tools, die Beratung und Abschluss vereinfachen. Welche Rolle kann KI künftig im Vertrieb spielen?
Fuchs: KI kann im Vertrieb sehr viel unterstützen, wenn sie richtig eingesetzt wird. Sie kann Informationen strukturieren, Vorprüfungen übernehmen, Prozesse beschleunigen und damit Beratung effizienter machen. Gerade Maklerinnen und Makler brauchen Werkzeuge, die Zeit sparen, Komplexität reduzieren und dennoch einfach bleiben. Wichtig ist aber auch hier: KI kann Beratung nicht dort ersetzen, wo menschliche Urteilskraft und Empathie gefragt sind. Sie kann vorbereiten, priorisieren und vereinfachen. Die eigentliche Verantwortung für die Empfehlung bleibt beim Menschen. Ich glaube deshalb an KI als starkes Assistenzsystem im Vertrieb, nicht an den vollständigen Ersatz qualifizierter Beratung.

Domcura war lange vor allem als Spezialist für Wohngebäude- und Hausratversicherungen bekannt. Nun wollen Sie die Gewerbesparte deutlich ausbauen. Was ist die strategische Idee hinter diesem Schritt?
Fuchs: Die strategische Idee ist, vorhandene Stärke gezielt zu erweitern. Bisher bietet Domcura im Gewerbesegment Berufshaftpflichtversicherungen für Ärzte, Inventarversicherungen für Praxen und Büros oder Gebäudeversicherungen für Hausverwalter und Wohnungsunternehmen an. Der nächste Schritt ist nun, aus dieser vorhandenen Basis mehr zu machen. Wir sehen in Teilen des Gewerbegeschäfts Potenziale, die sehr gut zu unserem Profil passen. Gerade auch dort, wo Gebäude, Sachwerte, Nutzungskonzepte und klar strukturierte Risiken eine große Rolle spielen, kann unsere Expertise als Wohngebäudespezialist ein echter Vorteil sein. Wachstum soll also nicht beliebig sein, sondern logisch aus unserer fachlichen Kompetenz hervorgehen.

Lars Fuchs: „Maklerinnen und Makler brauchen Werkzeuge, die Zeit sparen.“ Foto: Florian Sonntag

Sie zielen dabei besonders auf kleine und mittlere Unternehmen – etwa Ärzte, Steuerberater, Rechtsanwälte oder Notare. Warum ist gerade dieses Segment für Domcura attraktiv?
Fuchs: Lassen Sie mich ergänzen: Auch Betriebe im Handel, Handwerk, Baudienstleistungen- und Baunebengewerbe sowie dem produzierenden Gewerbe sind für uns interessant. Alle diese Segmente sind attraktiv, weil sie für uns klar strukturierte und gut kalkulierbare Risiken bieten. Viele dieser Unternehmen erwarten Verlässlichkeit, verständliche Produkte und gute Prozesse, wollen aber keine unnötig komplizierten Lösungen. Genau darin liegt für uns die Chance. Kleine und mittlere Unternehmen brauchen keinen Anbieter, der möglichst groß wirkt, sondern einen, der fachlich stark arbeitet und Prozesse im Griff hat. Wenn wir dort unsere Spezialisierung, unsere Vertriebspartnernähe und perspektivisch auch die Weiterentwicklung von KIM zusammenbringen, kann daraus ein relevantes Wachstumsfeld werden.

„KI kann Beratung dort nicht ersetzen, wo Urteilskraft und Empathie gefragt sind.“

Lars Fuchs

Ihr Ziel ist es, sichtbar mehr Umsatz über Gewerbeprodukte zu erzielen. Welche Schritte sind notwendig, um dieses Ziel zu erreichen?
Fuchs: Das wird nur mit einem klaren Dreiklang funktionieren: passende Produkte, starke Vertriebspartner und schnelle Prozesse. Erstens brauchen wir Lösungen, die auf die relevanten Zielgruppen zugeschnitten sind. Zweitens müssen wir unsere Partner in die Lage versetzen, diese Produktlösungen einfach und sicher zu platzieren. Drittens werden Kooperationen dort wichtig, wo sie Zugang, Skalierung oder zusätzliche fachliche Expertise bringen. Hinzu kommt Technologie. Wenn wir Prozesse von der Angebotsstrecke bis zur Bearbeitung intelligent unterstützen, steigt nicht nur die Effizienz, sondern auch die Anschlussfähigkeit für Vermittlerinnen und Vermittler und Partnerinnen und Partner. Genau darin liegt ein Teil der Wachstumslogik.

Wenn wir fünf Jahre nach vorne blicken: Woran sollen Makler und Marktteilnehmer erkennen, dass Domcura heute unter Ihrer Führung eine neue Phase erreicht hat?
Fuchs: Sie sollen es daran erkennen, dass das Unternehmen Domcura seine Stärken konsequent ausgebaut hat. Erstens an einer klaren Position im Wohngebäudegeschäft. Zweitens an einer noch höheren technologischen Reife in den Prozessen. Drittens an einem Gewerbegeschäft, das aus der fachlichen Kompetenz heraus gewachsen ist und nicht aus bloßem Expansionswillen. Im besten Fall wird man feststellen: Domcura ist noch schneller, klarer und belastbarer geworden, ohne den eigenen Kern zu verlieren.

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