Herr Bohn, die Stuttgarter hat sich in den vergangenen Jahren klar zur nachhaltigen Altersvorsorge positioniert – Stichwort „GrüneRente“. Nun höre ich aus den Vorgesprächen, dass Sie das Thema neu justieren. Warum?
Bohn: Von einer Neuausrichtung würden wir nicht sprechen – wir entwickeln die GrüneRente konsequent weiter. Auch zukünftig werden wir Altersvorsorge mit klaren Leitlinien in der Kapitalanlage anbieten. Denn unser Ziel bleibt, Kundinnen und Kunden die Möglichkeit zu geben, ihre Beiträge so auszurichten, dass sie zur Zukunftsfähigkeit und Transformation der Wirtschaft beitragen. Was sich ändert, ist vor allem die Sprache – auch aufgrund regulatorischer Vorgaben. Der Kern bleibt aber unverändert, genauso wie unsere Nachhaltigkeitsorientierung. Und ja: Der Name für die „GrüneRente“ wird künftig ein anderer sein. Wie genau, kann ich heute noch nicht verraten.
Blicken wir auf Markt und Vertrieb: Das Thema hat zuletzt an Aufmerksamkeit verloren. Ist das nur eine konjunkturelle Delle – oder erleben wir eine grundsätzliche Ernüchterung?
Bohn: Wir sind seit 2013 intensiv im Bereich nachhaltiger Produkte aktiv und haben gesehen, dass sich die Relevanz über die Jahre verändert. 2022 und 2023 hatten wir beispielsweise einen echten Peak – da war das Thema allgegenwärtig. Inzwischen haben geopolitische und gesamtwirtschaftliche Entwicklungen Aufmerksamkeit gebunden. Ich bin aber überzeugt: Diese Phase ist vorübergehend, die Bedeutung von Nachhaltigkeit wird wieder zunehmen.
Wie erleben Sie aktuell die Nachfrage nach nachhaltiger Altersvorsorge bei der Stuttgarter? Und welche Rolle spielt die verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen im Beratungsgespräch?
Bohn: Wir sehen, dass das Thema inzwischen etabliert ist. Der Umgang damit ist eingeübt, die Beratungsroutinen haben sich entwickelt. Gerade im freien Vertrieb wird viel mit Vergleichssystemen gearbeitet – dort ist die Integration gut gelungen und stützt den Beratungsprozess. Die aktuellste Entwicklung: Das Produktangebot ist etwas zurückgegangen, weil sich mehrere Versicherer aus dem Bereich zurückgezogen haben. Gleichzeitig zeigt sich die Nachfrage nach nachhaltigkeitsorientierten Lösungen robust. Auf Vermittlerseite ist die Begeisterung für die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen vielleicht nicht überschwänglich. Man hat sich damit arrangiert und Wege gefunden, das Thema gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden sinnvoll in die Beratung einzubinden.
Dennoch: Viele Vermittler winken beim Thema Nachhaltigkeit derzeit eher ab. Warum?
Bohn: In den vergangenen Jahren ist ein regelrechtes Dickicht an Regulierung, Nachweispflichten und Interpretationen entstanden. Das ist für Kunden kaum noch verständlich – und für Anbieter wie Vermittler schwer rechtssicher zu kommunizieren. Das ist eine enorme Herausforderung. Grundsätzlich begrüßen wir Transparenz und belastbare Aussagen im Sinne des Verbraucherschutzes. Problematisch wird es aber, wenn Regelungen unklar und nicht praxistauglich sind. Dann entsteht ein echtes Kommunikationshemmnis, das bremst die Beratung. Gleichzeitig sehen wir aber auch: In bestimmten Segmenten, etwa in der betrieblichen Altersversorgung, bleibt die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen hoch. Gerade Vermittler, die in diesem Umfeld aktiv sind, sprechen das Thema weiterhin konsequent an.
Wann erwarten Sie die Trendwende?
Bohn: Wenn man auf die Zielgruppen schaut – insbesondere auf jüngere Menschen –, sieht man klar: Die Sorgen um Klimawandel und dessen Folgen sind sehr präsent. In der öffentlichen Wahrnehmung braucht es leider oft nur das nächste große Naturereignis und schon rücken Themen wie Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung wieder in den Fokus.
Viele Marktteilnehmer monieren die überbordende Komplexität. Wir sehen eine Vielzahl an regulatorischen Vorgaben auf nationaler und auf EU-Ebene. Wie stark hat diese Regulierung Ihre Arbeit als Versicherer verändert?
Bohn: Wir kämpfen genau mit dieser Fülle an Vorgaben. Im Kern geht es darum, jede Form der Irreführung von Verbrauchern zu vermeiden. Das führt dazu, dass wir künftig weniger „sprechende“ Begriffe verwenden dürfen. Aussagen, die eine direkte ökologische Wirkung oder Qualität suggerieren, sind so nicht mehr zulässig. Auch bestimmte Aussagen – etwa zur jährlichen Überprüfung unserer Anlageleitlinien – können wir in dieser Form nicht mehr treffen. Insgesamt werden wir vorsichtiger werden müssen: bei dem, was wir sagen, und bei dem, was wir zeigen. Wichtig ist mir aber: Während sich andere Marktteilnehmer zurückziehen, halten wir an dem Thema fest und werden unser Angebot weiterführen.
Sie sind als Anbieter direkt mit diesen Regularien konfrontiert. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten praktischen Herausforderungen?
Bohn: Vor allem in der Kommunikation. Wir müssen komplexe Inhalte so aufbereiten, dass Kundinnen und Kunden sie verstehen – und dass sie über den Vertrieb gut vermittelt werden können. Das wird jetzt noch anspruchsvoller, weil wir auf gewisse klare, eingängige Begriffe verzichten müssen. Deshalb ist es entscheidend, Nachhaltigkeit im Beratungsprozess so zu verankern, dass Vermittler das Thema strukturiert und verständlich mit ihren Kunden besprechen können.
Was genau wird bei den Begriffen künftig so schwierig
Bohn: Nehmen Sie ein einfaches Beispiel: Begriffe wie „grün“ dürfen künftig nicht mehr verwendet werden, wenn keine hervorragende Umweltleistung nachgewiesen werden kann. Eine Beweisführung ist bei einem Sicherungsvermögen mit verschiedenen Anlagevehikeln wie Anleihen oder auch Bonds jedoch schwierig. Ein weiterer Punkt ist unser bisheriger Prüfprozess. Wir arbeiten seit Jahren mit dem Institut für nachhaltiges und ethisches Finanzwesen, dem INAF, zusammen. Das INAF hat bisher jährlich die Einhaltung unserer Grundsätze geprüft. Nach den neuen Regeln müsste ein solcher Prüfer zertifiziert sein – diese Zertifizierung existiert aktuell aber noch gar nicht. Das führt zu einer paradoxen Situation: Wir haben etablierte Prüfprozesse und haben darüber auch transparent berichtet, etwa in Anlageberichten. Künftig können wir das so nicht mehr kommunizieren, weil die formale Zertifizierung fehlt. Und genau hier liegt die Herausforderung: Wie erklären wir Kundinnen und Kunden, dass ihre Altersvorsorgebeiträge zur Transformation beitragen können – etwa zur Dekarbonisierung oder zur Einhaltung sozialer Standards –, ohne Begriffe wie „grün“ oder „nachhaltig“ zu verwenden? In diesem Spannungsfeld entsteht die eigentliche Schwierigkeit.
Diese Begriffe haben sich längst in der Kommunikation etabliert. Das heißt im Umkehrschluss: Eigentlich dürfte ich sie so gar nicht mehr verwenden, weil sie in die falsche Richtung führen?
Bohn: Im Produktkontext tatsächlich: ja. Man muss sehr genau hinschauen, was Anbieter in der Werbung schreiben – sowohl bei Produktbezeichnungen als auch bei der Beschreibung der Wirkung. Hintergrund ist klar der Verbraucherschutz: Irreführung soll vermieden werden, insbesondere mit Blick auf die tatsächlichen Effekte eines Produkts. Wichtig ist aber die Einordnung: Es geht vor allem um Werbung und Vermarktung. Die Begriffe „grün“ oder „nachhaltig“ stehen nicht generell auf dem Index. Sie dürfen nur durch Anbieter im Zusammenhang mit Produkten und deren Wirkung nicht mehr verwendet werden – es sei denn, man kann das eindeutig belegen und von unabhängiger, zertifizierter Stelle nachweisen. Zur Ergänzung: Im journalistischen Kontext können Sie diese Begriffe selbstverständlich weiter nutzen. Die Einschränkungen greifen dort, wo Produkte beworben und ihre Wirkungen dargestellt werden. Genau darin liegt die Herausforderung.
Wir sehen viele neue Produktinformationen – und da sind Begriffe wie „nachhaltig“ oder „grün“ fest verankert. Für Sie als Vertriebsmann ist das doch eine enorme Herausforderung – gerade weil sich diese Sprache bei den Partnern draußen etabliert hat.
Bohn: Absolut. Deshalb ist es uns wichtig, das Thema strukturiert anzugehen. Wir beschäftigen uns seit rund 15 Monaten mit der Weiterentwicklung, sind aktuell in der Finalisierungsphase. Zum Start des Sommers gehen wir dann in die konkrete Kommunikation. Das Ganze findet allerdings in einem sehr dynamischen Umfeld statt. Wir haben keinen vollständig stabilen regulatorischen Rahmen – auch politische Entwicklungen, etwa rund um Nachhaltigkeitsberichtspflichten, spielen hier hinein. Im Bereich Verbraucherschutz, über den wir sprechen, ist das Umfeld in den letzten 18 bis 24 Monaten aber vergleichsweise stabil gewesen. Insofern kommt das nicht überraschend. Wir konnten uns gut vorbereiten und eine klare Linie entwickeln.
Sind Sie dazu schon im Austausch mit Ihren Vertriebspartnern?
Bohn: Teils, teils. Es gibt Vermittlerbetriebe, die sich stark auf Nachhaltigkeit spezialisiert haben und gezielt entsprechende Kundengruppen ansprechen. Dort wird die regulatorische Entwicklung sehr genau verfolgt – es hat sich eine „Nachhaltigkeits-Community“ gebildet, die diese Veränderungen bereits auf dem Schirm hat. In der breiten Vermittlerschaft ist das Thema dagegen noch nicht angekommen.
Sie müssen das dann aber in der Breite schulen – schließlich ändert sich auch die vertriebliche Ansprache an die Kunden.
Bohn: So viel kann ich sagen: Wir werden keinen massiven Schulungsbedarf auslösen. Im Gegenteil – die Beratung wird in Teilen sogar einfacher.
Warum?
Bohn: Weil wir das Thema Nachhaltigkeit im Beratungsgespräch an die richtige Stelle rücken. Zunächst werden wie gewohnt das Chancen-Risiko-Profil und der passende Anlagemotor geklärt. Und erst dann, bei der konkreten Ausgestaltung des Produkts und der Anlage der Sparbeiträge, bringen wir Nachhaltigkeit ins Spiel. Dort passt es am besten – und dort lässt es sich auch konkret und verständlich in die Produktkonfiguration übersetzen.
Ist diese Vorgehensweise aus dem Austausch mit Ihren Vertriebspartnern entstanden?
Bohn: Ja. Wir haben seit August 2022 die Pflicht zur Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen bei Versicherungsanlageprodukten, also der sogenannten dritten Schicht. Daran orientieren wir uns – jetzt noch konsequenter. Wenn Nachhaltigkeit in der Produktkonfiguration verankert ist, wird vieles einfacher. Die Umstellung ist minimal, gleichzeitig stärkt es den Beratungskontext. Und am Ende profitieren sowohl die Vermittler als auch die Kunden davon.
Lassen Sie uns das einmal weiterdenken: Auf der einen Seite steht die Reform der privaten Altersvorsorge, auf der anderen Seite das, was Sie gerade beschrieben haben – immer detailliertere ESG-Vorgaben. Wenn man beides zusammennimmt, also mehr Regulierung und gleichzeitig der Wunsch nach Vereinfachung: Entstehen hier nicht Zielkonflikte?
Bohn: Zunächst entstehen vor allem mehr Hemmnisse für eine qualifizierte Beratung. Und das halte ich angesichts einer zunehmenden Vorsorgeresignation in Deutschland für ein fatales Signal. Über den Wert von Beratung wird viel gesprochen – und das zu Recht. Die Entscheidung für eine private Altersvorsorge ist langfristig und finanziell sehr weitreichend. Wenn man sich die Gesamtpalette anschaut – privat, betrieblich, steuerliche Aspekte, Kapitalmarkt, Produktvielfalt, Flexibilitäten, Anpassungen an Lebensphasen –, dann ist das in Summe hochkomplex. Die Menschen brauchen Orientierung und genau hier setzt Beratung an. Wenn aber die Rahmenbedingungen immer schwieriger werden – durch steigende Komplexität und sinkende Attraktivität des Beratungsumfelds –, dann wird das Angebot an Beratung zurückgehen. Und das wird sich auf das Vorsorgeniveau in unserer Gesellschaft auswirken, mit entsprechenden Folgen für die sozialen Sicherungssysteme.
Da bin ich bei Ihnen. Das hört man so auch von anderen Anbietern. Besteht vor diesem Hintergrund nicht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit im Zuge der Reform an Bedeutung verliert? Wenn Beratung schwieriger wird und gleichzeitig einfache, standardisierte Produkte – etwa per Klick – zunehmen, dann stehen doch eher Kosten, Förderlogiken und Standardisierung im Fokus. Nachhaltigkeit, die man oft erst im Gespräch herausarbeitet, könnte dabei in den Hintergrund treten.
Bohn: Diese Gefahr besteht durchaus. Gerade bei stark standardisierten, digital abgeschlossenen Produkten rücken Themen wie Kosten und Einfachheit naturgemäß in den Vordergrund. Nachhaltigkeit entfaltet ihre Wirkung häufig erst im Beratungsgespräch, wenn Präferenzen herausgearbeitet und eingeordnet werden. Deshalb ist es umso wichtiger, Nachhaltigkeit so in Produkte und Prozesse zu integrieren, dass sie auch ohne große Hürden zugänglich bleibt. Beratung bleibt dabei ein zentraler Hebel – aber wir müssen gleichzeitig Wege finden, das Thema auch in einfacheren, standardisierten Lösungen sinnvoll abzubilden. Wir sind überzeugt, dass qualifizierte Beratung weiterhin gebraucht wird. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher haben diesen Bedarf und sehen ihn. Es gibt einen Markt für Beratung, gerade weil die Entscheidungen in der Altersvorsorge so eine enorme Tragweite haben. Und mit Blick auf Nachhaltigkeit gilt: Sie muss erklärt werden. Die Lenkungsmöglichkeiten, die Kundinnen und Kunden mit ihren Beiträgen haben, müssen sichtbar gemacht werden. Das gelingt in der Regel nur über Beratung und da gibt es laut einer Umfrage von uns eine klare Erwartung: 43 Prozent der Menschen in Deutschland erwarten, dass Nachhaltigkeit in die Altersvorsorgeberatung integriert wird. Die Kundenseite ist hier also sehr klar positioniert.
Wenn man sich das geplante Altersvorsorgedepot anschaut – auch wenn noch nicht alles feststeht –, bin ich mir nicht sicher, ob Nachhaltigkeit dort eine große Rolle spielen wird. Andere Logiken stehen eher im Vordergrund.
Bohn: Stand heute ist das so. In den bisher bekannten Grundzügen des Altersvorsorgedepots findet sich zum Thema ökologische oder soziale Nachhaltigkeit nichts. Wir erwarten im Sommer weitere Impulse, etwa aus der Rentenkommission und möglichen Reformen des Gesamtsystems. Da schauen wir – wie viele andere – sehr genau hin, welche Rolle Nachhaltigkeit künftig spielen soll, insbesondere mit Blick auf das Kapital, das dort aufgebaut wird.
Glauben Sie, dass der Gesetzgeber hier noch nachjustieren muss? Bislang sehe ich da wenig.
Bohn: Unbedingt. Die Klimathemen sind ja nicht verschwunden – oft braucht es nur das nächste Ereignis, und sie stehen wieder im Fokus. Was häufig unterschätzt wird, sind die Nachhaltigkeitsrisiken für Wohlstand, Vermögen und Wirtschaftswachstum. Der Klimawandel stellt hier ein erhebliches Risiko dar. Deshalb geht es bei der Transformation – Stichwort Dekarbonisierung – letztlich darum, künftigen Wohlstand zu sichern. Vor diesem Hintergrund wünschen wir uns, dass Nachhaltigkeit auch in der Altersvorsorge berücksichtigt wird. Dafür brauchen wir klare, praxistaugliche Vorgaben. Dazu gehört aus unserer Sicht auch eine Überarbeitung der Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen sowie mehr Klarheit bei den Kommunikationsregeln im Beratungsprozess.
Es wäre ja schon widersprüchlich, wenn man von privaten Anbietern nachhaltiges Handeln erwartet, während staatliche Modelle wie das Depot außen vor bleiben.
Bohn: Wir setzen darauf, dass im weiteren politischen Entscheidungsprozess das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigt wird – und zwar in einer praxistauglichen Form. Es muss sich in die Beratung integrieren lassen und uns als Anbieter eine rechtssichere Kommunikation ermöglichen. Das ist ein Wunsch, den ich ausdrücklich formulieren möchte. Am Ende profitieren alle davon, wenn Anbieter, die einen Beitrag zur Transformation und zur Lenkung von Kapital leisten, auch verlässliche und bessere Rahmenbedingungen vorfinden.
Seite 2: Warum die „GrüneRente“ nicht mehr GrüneRente heißen wird – und was sich zudem alles ändert
















