Hochwasser als Wachstumsrisiko: Was die nächste schwere Flut Deutschland kosten würde

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Die Nepomuk Bürcke über die Ahr bei Rech nach der Flutkatastrophe im Juli 2021. Die denkmalgeschützte Brücke wurde im Jahr 2023 dann abgerissen.
Foto: AdobeStock/Piet Foto
Die Nepomuk Bürcke über die Ahr bei Rech nach der Flutkatastrophe im Juli 2021. Diese denkmalgeschützte Brücke wurde 2023 abgerissen.

Fünf Jahre nach der Ahrtalflut wurde in den vergangenen Tagen viel über Flutdemenz geschrieben. Eine aktuelle Studie der Allianz Trade zeigt nun, dass ein neues schweres Hochwasser a la Ahr die Wirtschaftsleistung hierzulande in den Folgejahren um rund 108 Milliarden Euro drücken könnte. Zudem braucht es mehr Geschwindigkeit in der Umsetzung von Schutzmaßnahmen.

Hochwasser sind in Deutschland längst kein regionales Infrastrukturproblem mehr, sondern ein makroökonomisches Risiko mit messbaren Auswirkungen auf Wachstum, Investitionen und öffentliche Finanzen. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuen Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade. Demnach könnte ein signifikantes Hochwasserereignis a la Ahr im Jahr 2027 die deutsche Wirtschaftsleistung in den darauffolgenden drei Jahren kumuliert um rund 108 Milliarden Euro reduzieren.


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„Hochwasser sind extrem teuer – und sie häufen sich“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Flutschäden in Europa zwischen 2020 und 2025 liegen laut Bogaerts rund 40 Prozent über den Schäden des gesamten ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts – für Deutschland betrage der Anstieg sogar 184 Prozent. „Ein Hochwasser ist zwar zunächst ein lokaler Schock, die ökonomischen Folgewirkungen erfassen jedoch die gesamte Volkswirtschaft. Neben den direkten und sichtbaren Schäden sind es vor allem die wirtschaftlichen Reaktionen wie ausbleibende Investitionen, geringere Einkommen und schwächeres Wachstum, die die Kosten von Flutereignissen in die Höhe treiben“, erläutert Bogaerts.

Europaweit summierten sich die wirtschaftlichen Flutschäden seit 2000 auf 226 Milliarden Euro. Dabei trägt Deutschland die höchste Last: Mit rund 69 Milliarden Euro kumulierten Hochwasserschäden zwischen 2000 und 2025 liegt das Land deutlich vor Italien mit 37 Milliarden Euro und Spanien mit 22 Milliarden Euro. Ursache ist nicht allein die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021, sondern auch die hohe Konzentration wirtschaftlicher Werte in gefährdeten Regionen.

Investitionsausfälle und sinkende Kaufkraft

Ein schweres Hochwasserereignis trifft Unternehmen, Haushalte und den Staat gleichermaßen. Besonders ausgeprägt sind die Folgen für die Unternehmensinvestitionen. Die Allianz Trade-Analyse zeigt: Eine erneute schwere Flut 2027 würde bis zum Jahr 2030 zu einem kumulierten Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen um 11,9 Prozent führen. Das entspricht einem Verlust von rund 83,6 Milliarden Euro. „Sachschäden sind nur eine Komponente bei den Kosten von Hochwassern“, sagt Hazem Krichene, Senior Klimaökonom bei Allianz Research. Das Problem sei, dass das Wirtschaftswachstum langfristig leide. „Ursache für den von uns modellierten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um rund 0,7 Prozent beziehungsweise 108 Milliarden Euro sind neben den direkten Sachschäden vor allem verzögerte Investitionen, Produktionsunterbrechungen, gestörte Lieferketten und schwächere Konsumnachfrage“, sagt Krichene.

Auch private Haushalte geraten unter erheblichen Druck. So sinkt laut den Berechnungen das reale verfügbare Einkommen nach einem schweren Hochwasserereignis kumuliert um rund 4,1 Prozent. Reparaturkosten, Einkommensausfälle und steigende Lebenshaltungskosten belasten die Kaufkraft über mehrere Jahre. „Fluten treffen private Haushalte besonders stark“, so Krichene weiter. „Für Deutschland führt ein Flutereignis zu einem kumulierten Konsumverlust von rund 44 Milliarden Euro. Gleichzeitig steigt das Preisniveau leicht an, da beschädigte Infrastruktur und Lieferkettenengpässe das Angebot von Waren und Dienstleistungen einschränken.“

Hinzu kommt die Belastung für den Staatshaushalt. Das staatliche Defizit würde sich zwischen 2027 und 2030 kumuliert um 1,7 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts ausweiten. Denn höhere Ausgaben für Soforthilfe, Wiederaufbau und Infrastruktur treffen dabei auf rückläufige Steuereinnahmen.

Prävention mit klarer Kosten-Nutzen-Bilanz

Die ökonomische Logik der Vorsorge ist eindeutig: Jeder in Hochwasserschutz investierte Euro vermeidet Schäden in etwa vierfacher Höhe. Ohne zusätzliche Anpassungsmaßnahmen könnten die jährlichen Flusshochwasserschäden in der EU und im Vereinigten Königreich bis 2100 auf nahezu 50 Milliarden Euro pro Jahr ansteigen. Das wäre laut Allianz Trade eine Versechsfachung gegenüber dem heutigen Niveau. „Anpassung an Hochwasserrisiken ist viel mehr als bloße Klimapolitik – sie ist vorsorgende Wirtschafts- und Fiskalpolitik“, sagt Krichene. „Die volkswirtschaftlichen Kosten des Nichtstuns werden deutlich höher sein als die Kosten wirksamer Präventionsmaßnahmen.“

Erhebliche Lücke dank langwieriger Genehmigungsverfahren

Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 wurden in Deutschland Frühwarnsysteme ausgebaut, das Klimaanpassungsgesetz verabschiedet und Hochwassergefahrenkarten überarbeitet. Beim Nationalen Hochwasserschutzprogramm zeigt sich jedoch eine erhebliche Lücke zwischen Planung und Umsetzung: Von den seit 2013 geplanten Maßnahmen im Umfang von sechs bis sieben Milliarden Euro sind bislang lediglich etwas mehr als 500 Millionen Euro tatsächlich abgeflossen.

Als zentrale Hindernisse nennt die Analyse langwierige Genehmigungsverfahren sowie die komplexe Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen.


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