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Seltene Erden – strategischer Rohstoff der neuen Weltordnung

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Seltene Erden werde für die Produktion von Maschinen und Geräten für das moderne Leben existenziell wichtig.
Bild: KI-generiert mit ChatGPT / DALL·E
Seltene Erden haben sich zu einem der wichtigsten geopolitischen Rohstoffe unserer Zeit entwickelt.

Seltene Erden haben sich zu einem der wichtigsten geopolitischen Rohstoffe unserer Zeit entwickelt. Obwohl sie in der Erdkruste keineswegs selten vorkommen, sind wirtschaftlich nutzbare Lagerstätten rar und ihre aufwendige Verarbeitung macht sie zu einem strategischen Engpass.

Sie tragen Namen, die kaum jemand kennt: Lanthan, Europium, Samarium oder Praseodym. Doch ohne sie würde die moderne Welt stillstehen. Seltene Erden stecken in Elektroautos, Windkraftanlagen, KI-Rechenzentren, Smartphones und modernen Waffensystemen. Anders als ihr Name vermuten lässt, sind die 17 Elemente aber keineswegs besonders rar. Einige, etwa Cer, kommen in der Erdkruste sogar häufiger vor als Kupfer.

Die Herausforderung liegt woanders: Die Metalle treten meist nur in geringen Konzentrationen auf und lassen sich nur mit großem Aufwand voneinander trennen. Zugleich steigt die Nachfrage seit Jahren deutlich an. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) dürfte sich der Bedarf an kritischen Mineralien für saubere Energietechnologien bis 2040 um das Vier- bis Sechsfache erhöhen.

„Seltene Erden sind für viele der Technologien, die das Zeitalter der Elektrizität und unsere zunehmend digitalisierten Volkswirtschaften prägen, unverzichtbar“, bringt es IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol auf den Punkt – und mahnt: „Jüngste Störungen haben verdeutlicht, wie schnell sich diese Verwundbarkeiten in reale wirtschaftliche Risiken übersetzen können.“


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Chinas Rohstoffmacht erreicht den Weltmarkt

Er spielt auf China an, das Daten der IEA und des United States Geological Survey zufolge rund 70 Prozent der weltweiten Minenproduktion kontrolliert. In der Weiterverarbeitung verfügt das Reich der Mitte mit rund 90 Prozent Marktanteil über eine fast monopolartige Stellung.

Peking steuert, wer welche Mengen bekommt – mit spürbaren Folgen für Abnehmerländer wie Deutschland. Doch eine Auswertung des Frankfurter Rohstoffhändlers Tradium verdeutlicht, wie weit China inzwischen bereit ist, seine Rohstoffmacht auszuspielen. Im April verließen weltweit lediglich drei Kilogramm Gallium die Volksrepublik, ausschließlich nach Malaysia. Auch bei Germanium fielen die Lieferungen auf ein Minimum – Deutschland und Japan erhielten jeweils weniger als ein Kilogramm, weitere Zielländer gab es nicht.

Damit erreichten die Exporte laut Tradium einen historischen Tiefstand. Dabei sind Gallium und Germanium für zahlreiche Schlüsseltechnologien unverzichtbar – von 5G-Infrastruktur, Satelliten und Radarsystemen über LEDs und Hochfrequenzchips bis hin zu Anwendungen in der Verteidigungsindustrie. „Wer sich bislang auf Chinas Lieferungen verlassen hat, sollte spätestens jetzt nach Alternativen suchen“, warnt Christian Hell, Senior Manager für Germanium und Minor Metals bei Tradium.

Europa unter Druck

„Die aktuellen Exportzahlen zeigen einmal mehr, wie schwer Chinas Genehmigungspraxis derzeit vorherzusagen ist“, ergänzt Tradium-Junior-Trader & Market Analyst Brian Hendrich. Sie deuteten auf eine anhaltend hohe Volatilität im chinesischen Exportverhalten hin – die Versorgungslage könne sich jederzeit und ohne erkennbare Vorwarnung verändern.

Die Risiken sind erheblich. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass bei einer umfassenden Ausweitung chinesischer Exportkontrollen außerhalb Chinas jährlich bis zu 6,5 Billionen US-Dollar an Wirtschaftsleistung gefährdet wären. Umso größer ist der Druck auf Europa, alternative Lieferketten aufzubauen, Recycling auszubauen und neue Technologien voranzutreiben.

Doch das Streben nach Gewinnmaximierung habe viele Unternehmen davon abgehalten, ein gutes Gespür für Risiken und langfristige Planung zu entwickeln, so Tradium-Experte Hell. „Sie haben dadurch die Chance verpasst, sich in einem stetig verändernden Wirtschaftssystem ein verlässliches Backup oder einen Plan B zu schaffen. Dies zeigt sich nun auf sehr schmerzhafte Weise.“

Um die Abhängigkeit zu reduzieren, müssten zügig alternative Lieferketten außerhalb Chinas entstehen. Laut IEA wären dafür Investitionen von rund 60 Milliarden US-Dollar über die kommenden zehn Jahre erforderlich – insbesondere in Förderung, Verarbeitung und Magnetproduktion. Auf Europa entfiele ein erheblicher Teil dieser Summe, da hier die industrielle Basis in der Weiterverarbeitung weitgehend fehlt. Gemessen an den potenziellen wirtschaftlichen Schäden durch Lieferausfälle erscheint diese Summe allerdings vergleichsweise gering.

Strukturelle Hürden bremsen den Aufbau

Erschwerend kommen in Europa strukturelle und regulatorische Hürden hinzu – vor allem langwierige Genehmigungsverfahren für Bergbau- und Industrieanlagen, umfangreiche Umwelt- und Sozialauflagen sowie ein Mangel an Fachkräften und spezialisierter Chemie-Infrastruktur. Hinzu kommen im internationalen Vergleich hohe Energie- und Betriebskosten, die den Aufbau wettbewerbsfähiger Wertschöpfungsketten erschweren.

Europa versucht dennoch, eigene Lieferketten aufzubauen. Dazu gehört auch der Aufbau eigener Produktionskapazitäten. Während im Oberrheingraben das Unternehmen Vulcan Energy gemeinsam mit Partnern eine eigenständige europäische Lithiumproduktion vorantreibt, baut der belgische Chemiekonzern Solvay in La Rochelle seine Kapazitäten für die Trennung und Verarbeitung Seltener Erden deutlich aus. Ab Ende dieses Jahres sollen dort erstmals Dysprosium und Terbium im industriellen Maßstab separiert werden.

Ein weiterer Ansatz ist technologische Substitution. So setzt BMW bei seiner vollelektrischen und hochdigitalen „Neuen Klasse“ auf elektrisch erregte Synchronmaschinen, bei denen das Magnetfeld nicht durch Permanentmagnete aus Seltenen Erden erzeugt wird, sondern über elektrische Erregung. Dadurch sinkt die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffimporten deutlich – im Idealfall nahezu auf null. Parallel dazu arbeitet das Konsortium „Passenger“, mit rund 20 Partnern aus Industrie und Forschung an magnetfreien Alternativen für die Elektromobilität und weitere Schlüsselindustrien – mit dem Ziel, Leistung und Effizienz heutiger Systeme zu erhalten.

Christian Hell, Tradium: „Wer sich bislang auf Chinas Lieferungen verlassen hat, sollte spätestens jetzt nach Alternativen suchen“, warnt Christian Hell, Senior Manager für Germanium und Minor Metals bei Tradium.

Recycling als strategische Ressource

Ein weiterer Baustein ist der massive Ausbau des Recyclings – ein Bereich, der bislang kaum erschlossen ist: Weniger als ein Prozent des Seltenerd-Schrotts wird derzeit weltweit wiederverwertet. Eine im Mai abgeschlossene EU-Studie zeigt jedoch erstmals, welches Potenzial langfristig in der Rückgewinnung steckt: Bis 2050 könnte Europa einen erheblichen Teil seines Bedarfs an kritischen Rohstoffen aus Sekundärquellen decken. Der Anteil könnte – je nach Szenario – auf bis zu 56 Prozent steigen.

„Rohstoffe stehen am Anfang jeder Wertschöpfung, auch unsere militärische Handlungsfähigkeit hängt von ihnen ab“, resümiert Anne Lauenroth, Rohstoffexpertin beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Die Zeitenwende gelinge nur, wenn Deutschlands Versorgung mit kritischen Rohstoffen gesichert sei. „Deutschland und die EU müssen risikobereiter werden, wenn es darum geht, Rohstoffprojekte zu erschließen und abzusichern. Ansonsten werden wir im Großmachtkonflikt zwischen den USA und China zerrieben, auf Kosten unserer Industrie.“

Ein Blick nach Japan zeigt, dass eine erfolgreiche Diversifizierung möglich ist. Seit 2010 hat das Land seine Bezugsquellen konsequent ausgeweitet, strategische Lagerbestände aufgebaut, die Kapazitäten deutlich erhöht und gezielt in alternative Förderprojekte investiert – insbesondere in Australien. Inzwischen ist Japans Abhängigkeit von chinesischen Seltenen Erden von einst über 90 auf unter 60 Prozent gesunken.

Autor Christian Euler ist Buchautor und Wirtschaftsjournalist.


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