Dysprosium, Neodym oder Terbium sind längst mehr als gefragte Industrierohstoffe. Sie haben sich zu einem geopolitischen Faktor entwickelt. Zwar verfügt China nicht über sämtliche Vorkommen, nimmt bei Aufbereitung und Verarbeitung Seltener Erden jedoch weltweit eine dominierende Stellung ein. Dadurch kann Peking den Weltmarkt über Exportauflagen und Genehmigungsverfahren spürbar beeinflussen. Die Verfügbarkeit einzelner Seltener Erden hängt inzwischen stark von der Geopolitik ab. Dies zeigen die teils erheblichen Schwankungen der chinesischen Exportzahlen in den vergangenen Monaten.
Die Macht liegt nicht in der Mine, sondern in der Verarbeitung
Der Rohstoffabbau allein entscheidet noch nicht über die Versorgung mit Seltenen Erden. Erst durch Separation, Raffination und Weiterverarbeitung entstehen marktfähige Rohstoffe für die Industrie. Genau in diesen Wertschöpfungsstufen ist China bis heute führend. Europa und andere westliche Industrieländer arbeiten deshalb daran, ihre Lieferketten breiter aufzustellen. Neben neuen Bergbauprojekten entstehen zusätzliche Verarbeitungskapazitäten Neue Minen allein werden diese Abhängigkeit jedoch nicht beseitigen. Entscheidend ist nicht nur, wo Seltene Erden gefördert werden, sondern auch, wo sie verarbeitet werden können.
Aus unserer Marktbeobachtung zeigt sich, dass die Diversifizierung je nach Rohstoff sehr unterschiedlich voranschreitet. Erste Fortschritte zeigen sich vor allem bei leichten Seltenen Erden. Materialien wie Neodym und Praseodym gelangen zunehmend aus Projekten außerhalb Chinas auf den Markt, auch wenn die verfügbaren Mengen bislang noch begrenzt sind. Anders stellt sich die Situation bei schweren Seltenen Erden wie Dysprosium oder Terbium dar. Hier bleibt das Angebot außerhalb Chinas weiterhin knapp. Bis nennenswerte Kapazitäten für Separation und Raffination außerhalb Chinas aufgebaut sind, dürfte noch einige Zeit vergehen.
Der Rohstoffhändler wird zum Netzwerker
Für Rohstoffhändler bedeutet diese Entwicklung, Lieferketten und Versorgungssicherheit völlig neu zu denken. Zusätzliche Bezugsquellen entstehen heute nicht mehr ausschließlich im Bergbau, sondern zunehmend auch durch Recycling. Doch zwischen ausgedienten Produkten und einem wieder aufgearbeiteten, marktfähigen Rohstoff liegen mehrere hochspezialisierte Prozessschritte. Genau hier verändert sich die Rolle des Handels. Er kann Unternehmen, die über recyclingfähige Materialien verfügen, mit Spezialisten für die Aufarbeitung sowie den industriellen Abnehmern vernetzen. Viele dieser Marktteilnehmer kennen sich untereinander nicht oder verfügen nur über einen kleinen Ausschnitt des Marktes. Erst durch dieses Zusammenspiel entstehen neue Materialströme außerhalb der klassischen Primärförderung. Als Schnittstelle zwischen Produzenten, Recyclingunternehmen, Verarbeitern und Industrie bringen Händler wie TRADIUM diese Marktteilnehmer entlang der Wertschöpfungskette zusammen. Gerade
in einem Markt mit geopolitischen Unsicherheiten wird diese Vernetzung zu einem entscheidenden Faktor für die Versorgungssicherheit der Industrie. Zusätzlich können Händler durch Konstrukte wie Tolling- oder Swap-Vereinbarungen insbesondere kleineren Recycling- und Wiederaufbereitungsunternehmen unter die Arme greifen. Der Händler stellt dabei Liquidität in einem ansonsten illiquiden Markt bereit. Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie schnell politische Entscheidungen etablierte Materialströme verändern können. Umso wichtiger wird es, Rohstoffquellen breiter zu denken: von neuen Minen über zusätzliche Raffinationskapazitäten bis hin zu Refining und neuen Partnerschaften. Die Diversifizierung der Lieferketten hat begonnen. Bis sie den Markt nachhaltig verändert, bleibt China jedoch der prägende Akteur bei Seltenen Erden.
Autor Jan Giese ist Head of Sales & Trading, TRADIUM GmbH.













