Schroders: Warum Schlagzeilen für Anleger selten ein guter Ratgeber sind

Johanna Kyrklund, Schroders
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Johanna Kyrklund, Schroders

Geopolitische Krisen lassen sich kaum zuverlässig handeln. Anleger sollten deshalb weniger auf Schlagzeilen reagieren und stärker prüfen, wie ihre Portfolios in unterschiedlichen Szenarien bestehen.

Statt sich auf tägliche Schlagzeilen und Social-Media-Posts zu fixieren, sollten Anleger geopolitische Verschiebungen in einem größeren Zusammenhang betrachten, so Johanna Kyrklund, Group Chief Investment Officer.

Die vergangenen Wochen waren geprägt von Unsicherheit – ausgelöst durch den Konflikt im Iran und die erheblichen Störungen der Energieversorgung. Das wirft einmal mehr die Frage auf, wie wir geopolitische Risiken in unseren Portfolios managen sollten.

Die unbequeme Wahrheit lautet: Geopolitische Risiken sind nicht nur schwer vorherzusagen – es ist auch nahezu unmöglich, sie dauerhaft erfolgreich als Handelssignal einzusetzen.

Ereignisse entwickeln sich unvorhersehbar, die Risiken sind häufig binär, und politische Risiken schlagen je nach zugrunde liegendem Ereignis unterschiedlich in den Marktpreisen durch.


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Der Bankier Nathan Rothschild soll 1815 in der Schlacht von Waterloo früh von einem Sieg erfahren und durch „Insiderwissen“ davon profitiert haben. Doch in der heutigen vernetzten Welt wird jedes Informationshäppchen in Sekundenbruchteilen in den Märkten eingepreist.

Das bedeutet: Wer versucht, auf Nachrichten zu handeln, kommt oft bereits zu spät. So halte ich Rohstoffe zwar für einen hilfreichen Diversifikator, war aber besorgt, als Privatanleger am 12. März 211 Millionen US-Dollar über ETFs auf den Ölpreis wetteten – und das zu einem Zeitpunkt, als die Energiepreise bereits um 40 % gestiegen waren.

Ein wirksamerer Ansatz beginnt mit einem Perspektivwechsel. Statt zu fragen: „Was passiert als Nächstes?“, sollten Anleger fragen: „Wie würde sich mein Portfolio in unterschiedlichen Szenarien verhalten?“

Zu jedem Zeitpunkt spiegeln Marktpreise eine nach Wahrscheinlichkeiten gewichtete Bandbreite von Szenarien wider – nicht eine punktgenaue Renditeerwartung.

Verschiebungen in den Wahrscheinlichkeiten von Risikoszenarien können erhebliche Bewegungen in den Marktpreisen auslösen. Wer über die Form der Szenarioverteilung nachdenkt, kann den wahrscheinlichen Einfluss auf Portfolios besser einschätzen.

Langfristige Perspektive einnehmen

Ähnlich gilt: Statt uns auf tägliche Schlagzeilen und Social-Media-Posts zu konzentrieren, sollten wir einen Schritt zurücktreten und geopolitische Verschiebungen im größeren Kontext betrachten.

Das heißt, wir müssen die wirtschaftlichen Folgen höherer Verteidigungsausgaben und der Bemühungen zur Absicherung von Lieferketten verstehen. So lässt sich beurteilen, ob die Risiken eher in eine stagflationäre, deflationäre oder reflationäre Richtung tendieren. Das wiederum hilft, über die Korrelationen zwischen Anlageklassen nachzudenken und stärker diversifizierte, robustere Portfolios zu bauen.

Das verschafft Zeit und ermöglicht Anlegern, zu reagieren – statt in einer Krise reflexartig zu handeln.

Als Nächstes gilt: Auch wenn das Auge des Sturms schwer vorherzusagen ist, können wir uns auf die Effekte zweiter und dritter Ordnung konzentrieren.

Rohstoffpreise sind in der Regel der wichtigste Transmissionsmechanismus von Konflikten auf die Märkte. Im nächsten Schritt ist zu beurteilen, inwieweit ein Anstieg der Rohstoffpreise – oder die breitere wirtschaftliche Störung durch ein geopolitisches Ereignis – zu einem Wachstumsschock oder zu einem Zinsschock führt. Hier ist die Fundamentalanalyse entscheidend.

2022 hatte die Invasion der Ukraine spürbare Auswirkungen auf die Märkte, weil sie den inflationsgetriebenen Post-Covid-Anstieg verstärkte und einen dramatischen Zinsanstieg auslöste. Während Inflationsrisiken auch heute ähnlich unterbewertet sind, liegt das Ausgangsniveau der Zinsen deutlich höher als 2022. Das begrenzt das Risiko eines Zinsschocks, könnte aber die Wachstumsrisiken erhöhen – zumal die Störungen an den Energiemärkten erheblich größer sein könnten.

Schließlich haben viele Kommentatoren die scheinbare Sorglosigkeit hervorgehoben, die sich in den Marktniveaus widerspiegelt: Die Break-even-Inflation hat sich kaum bewegt, die Aktienmärkte sind weiter gestiegen, und der Ölmarkt signalisiert, dass die Angebotsstörungen nur von kurzer Dauer sein werden. Das liegt daran, dass schon erste Anzeichen einer Deeskalation einige der extremeren Szenarien schlagartig ausschließen würden. Das Risiko dieser Extremszenarien ist derart hoch, dass die Märkte zur Annahme neigen, dass sich am Ende die Vernunft durchsetzt.

Unter der Oberfläche des Marktes werden jedoch sektor- und länderspezifische Einschätzungen über die relative Wirkung der Krise vorgenommen. Auf dieser Ebene gibt es eher die Möglichkeit, Positionen zu identifizieren, die man in einem günstigeren Basisszenario bevorzugen würde, die sich aber auch dann bezahlt machen, wenn die geopolitischen Spannungen unverändert anhalten.

So profitiert der US-Aktienmarkt von einem höheren Anteil an Tech-Gewinnen und ist zugleich vergleichsweise weniger verwundbar, weil die USA nicht auf Energielieferungen aus dem Ausland angewiesen sind. Anderswo haben europäische Staatsanleihenmärkte als Reaktion auf höhere Energiepreise Zinserhöhungen eingepreist und würden daher von einer Neubewertung des Inflationsrisikos profitieren, falls sich die Lage im Nahen Osten verbessert. Sie könnten aber auch steigen, wenn die Energiepreise hoch bleiben und beginnen, ein Risiko für das Wachstum darzustellen.

Statt auf Schlagzeilen zu reagieren und jede Wendung vorhersagen zu wollen, sollten Sie sich auf Szenarien, Effekte zweiter Ordnung und relative Auswirkungen konzentrieren. So lassen sich asymmetrische Chancen identifizieren, die dabei helfen können, robustere Portfolios aufzubauen.

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