Die Renditen für 10-jährige US-Staatsanleihen notieren inzwischen deutlich über der wichtigen 4-Prozent-Marke bei rund 4,5 Prozent. Parallel liegt die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe bei etwa 3,0 Prozent und erreichte zuletzt zeitweise den höchsten Stand seit 2011. Hinter dem Renditeanstieg stehen vor allem geopolitisch bedingte Inflationssorgen. Der Konflikt mit dem Iran und die Blockade wichtiger Schifffahrtsrouten treiben die Preise für Öl und Gas nach oben. Steigende Energiepreise bleiben selten auf einen einzelnen Sektor begrenzt, sondern wirken sich über sogenannte Zweitrundeneffekte auf die gesamte Wirtschaft aus. Da der Brent-Ölpreis weiterhin hoch bleibt, könnten Zentralbanken wie die Fed gezwungen sein, Zinssenkungen weiter nach hinten zu verschieben oder sogar erneut über Zinserhöhungen nachzudenken. Die EZB dürfte im Juni die Zinsen anheben.
Anleger verlangen höhere Laufzeitprämie
Der Renditeanstieg ist dabei ein klassisches zweischneidiges Schwert. Einerseits bieten Staatsanleihen wieder attraktivere nominale Erträge. Andererseits entwickelt sich der Renditeanstieg zunehmend zu einem Warnsignal für die Realwirtschaft und den Aktienmarkt. Denn die Renditen steigen aktuell nicht wegen eines starken Wirtschaftswachstums, sondern vor allem aufgrund höherer Inflationserwartungen. Investoren verlangen deshalb eine höhere Laufzeitprämie, um sich gegen zukünftige Kaufkraftverluste abzusichern. Man kann deshalb von einer fundamentalen Täuschung der „attraktiven“ Rendite sprechen. Eine nominale Anleiherendite von 4,5 Prozent verliert schnell an Attraktivität, wenn gleichzeitig die Inflation weiter steigt. Der reale Kaufkraftgewinn bleibt dann gering.
Es geht um zukünftige Cashflows
Besonders problematisch wird dieses Umfeld für hochbewertete KI- und Tech-Aktien. Der Wert dieser Unternehmen basiert vor allem auf zukünftigen Gewinnen. Steigen die Zinsen, werden diese zukünftigen Cashflows mit höheren Zinssätzen abdiskontiert, wodurch der heutige faire Wert der Aktien rechnerisch sinkt. Hinzu kommt, dass der relative Bewertungsvorteil vieler Tech-Aktien schwindet. Durch die starke Rally der vergangenen Jahre ist die Ertragsrendite des S&P 500 deutlich gefallen. Wenn risikofreie Staatsanleihen gleichzeitig Renditen von 4,5 Prozent oder mehr bieten, verlieren hochbewertete Tech-Werte an relativer Attraktivität. Gleichzeitig verteuern höhere Zinsen den Aufbau der KI-Infrastruktur massiv. Rechenzentren, Server und Halbleiter erfordern enorme Investitionen, deren Finanzierung durch höhere Marktzinsen deutlich kostspieliger wird. Auch institutionelle Anleger könnten zunehmend umschichten. Der Rentenmarkt bietet erstmals seit Jahren wieder historisch attraktive und vergleichsweise sichere Renditen. Kapital, das zuvor nahezu ungebremst in KI- und Tech-Aktien floss, könnte dadurch teilweise abgezogen werden.
Starke Konzentration
Hinzu kommt die extreme Konzentration des Aktienmarktes auf wenige große KI-Unternehmen. Diese Konzentration wirkt wie ein Hebel. Wenn steigende Renditen die großen Tech-Konzerne belasten, droht der gesamte breite Markt mit nach unten gezogen zu werden. Umgekehrt könnte ein Rückgang der Anleiherenditen die KI-Story schnell wieder beflügeln. Sinkende Zinsen würden die Finanzierungskosten für KI-Infrastrukturprojekte reduzieren und zukünftige Gewinne mathematisch wieder höher bewerten. Das könnte der Tech-Rally neuen Rückenwind verleihen. Eine geopolitische Entspannung wäre aktuell der wichtigste Faktor. Ein Friedensvertrag oder ein neues Abkommen könnte die geopolitische Risikoprämie deutlich reduzieren. Würde sich die Lage rund um die Straße von Hormus entspannen, könnten auch die Energiepreise nachgeben. Da Energiepreise ein zentraler Inflationstreiber sind, würden sinkende Ölpreise unmittelbar den Inflationsdruck reduzieren.
Stimmung kann schnell drehen
Sobald die Inflationsängste nachlassen, dürften Investoren wieder verstärkt Staatsanleihen kaufen. Steigende Anleihekurse bedeuten rechnerisch fallende Renditen. In diesem Szenario würde sich das aktuelle makroökonomische Umfeld für Tech-Aktien vom Belastungsfaktor zum massiven Rückenwind entwickeln.
Autor Maximilian Wienke ist Marktanalyst bei eToro.










