Abgeholt und abkassiert: Brauchen wir Regulierungen für Finanzblogger?

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Celine Nadolny

Der Einfluss der Finfluencer-Szene ist nicht zu unterschätzen. Aber wer sind diese YouTuber, Blogger und kryptischen Reddit-Accounts, die Pionierarbeit in Sachen Finanzen leisten? Gastbeitrag von Celine Nadolny, Finanzbloggerin

Finanzexperte, Money Coach oder Finanzblogger: Das sind allesamt Begrifflichkeiten, die keinerlei Wissensnachweis erfordern. Im Grunde kann sich jeder von heute auf morgen so nennen und im Internet Finanztipps verbreiten. Dazu ist es nicht einmal notwendig, sein Gesicht zu zeigen. Hinter Pseudonymen versteckt, tummeln sich tausende Finanzaccounts in der Social-Media-Welt, geben Tipps und Tricks weiter, empfehlen Finanzprodukte, machen Werbung und launchen Online-Kurse, in denen sie ihren Followern für teilweise horrende Preise zeigen, wie sie ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen.

Dieses Geschäftsmodell scheint so lukrativ zu sein, dass selbst Beauty-Influencerinnen mit Millionenpublikum neuerdings Finanzratgeber schreiben, in 30-Sekunden-Clips Affiliate-Links für Aktiendepots bewerben und sich medial allzu gerne als Investorinnen positionieren.

Wer nun einen Aufschrei in der Branche erwarten würde, wird enttäuscht. Es scheint woke zu sein, sich öffentlich zu Finanzthemen zu äußern, selbst wenn die eigene Unkenntnis recht schnell ersichtlich wird. Am Ende gilt das ungeschriebene Gesetz, dass man nur knapp fünf Prozent mehr Wissen zu einem Thema benötigt als die eigene Zielgruppe. Und das ist beim Finanzbildungsniveau im deutschsprachigen Raum nicht sonderlich viel.

Umso besser könnte man meinen – da sich nun immer mehr auf den Weg machen, offen über Finanzen zu sprechen, aufzuklären und damit Bewusstsein zu schaffen – dass das Thema uns alle etwas angeht. Wenn dann zwischen Sexualtherapie und Mode mal eben NFTs – zugegebenermaßen nicht ganz korrekt, aber immerhin im Ansatz – erklärt werden, haben wir doch alle etwas davon.

Erstkontakt mit Aktien, Fonds und Co. im Social-Media

Der Einfluss dieser Finfluencer-Szene – zu der ich mich selbst zähle – ist nicht zu unterschätzen. Sie erreicht vor allem Millionen von jungen Menschen, die vorher noch keinerlei Berührungspunkte mit den Themen hatten. Auch wenn mir dazu keine Studien vorliegen, würde ich aus eigener Erfahrung heraus behaupten, dass die meisten jungen Menschen in Deutschland mittlerweile ihren Erstkontakt mit Aktien, Fonds und Co. im Social-Media sammeln. Ob auf YouTube, Instagram, Twitch oder TikTok. Aber wer sind diese Finfluencer, YouTuber, Blogger und kryptischen Reddit-Accounts, die Pionierarbeit in Sachen Finanzen leisten?

In den allermeisten Fällen wissen wir es nicht. Denn nur wenige zeigen sich, nennen ihren vollständigen Namen oder machen Angaben zu ihrem Background. Müßig zu erwähnen, dass gerade solche Angaben ohnehin nur schwer bis gar nicht zu überprüfen sind, vor allem, wenn uns weder Bild noch Name vorliegen. Woher soll man wissen, ob der fiktive Account „08/15finanzexperte“ tatsächlich Börsenerfahrung mitbringt?

Wir wissen nicht einmal, ob „08/15finanzexperte“ nicht gleichzeitig auch „finance1337“ ist und sich regelmäßig gegenseitig mit Likes, wohlwollenden Kommentaren und Bewertungen versorgt. Unter Umständen gehören ihm sogar Dutzende von Accounts zu allen möglichen Themen, auf verschiedenen Kanälen mit immer wieder anderen Zielgruppen. Streng genommen müssten wir das auch alles nicht wissen. Es würde eigentlich keine Rolle spielen, wer sie sind, solange zwei Merkmale gegeben sind: a) sie handeln aus guter Absicht und b) sie haben das nötige Fachwissen, um auch über die Themen fundiert berichten zu können.

Beides kann ich nach etwas mehr als drei sehr intensiven Jahren mitten in der Szene für einen Großteil der Accounts nicht unterschreiben – und mit der Einschätzung stehe ich sicherlich nicht allein da. Unter Kollegen mehrt sich der Unmut, in welche Richtung sich die Szene entwickelt.

Nur noch die Community melken

Da stellt sich die Frage: Braucht es unter Umständen Regulierungen für Finanzblogger? Ich selbst wurde von Prof. Dr. Alexander Zureck auf diese Fragestellung aufmerksam gemacht. Er ist Professor für Banking & Finance an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Düsseldorf. Denn obgleich in der Beratung, und erst recht in der Wissenschaft, Kenntnisnachweise und Dokumentationen auf der Tagesordnung stehen, verstecken sich die allermeisten Finanzblogger hinter läppischen Haftungsausschlüssen oder komplett in der Anonymität des Netzes.

Wenn ich mich dann aber mit ein paar Kollegen in der Branche unterhalte, die ähnlich lange dabei sind wie ich, dann heißt es nicht selten, dass ein Großteil der Accounts nur noch die Community melken würde. Und mit Melken ist in diesem Fall das strukturierte Penetrieren mit Affiliate-Links, eigenen Ratgebern, kostenpflichtigen Newslettern und Seminaren gemeint. Manche gehen dabei sogar so weit, dass es anschließend Rundnachrichten von Affiliate-Plattformen gab, die nochmal ausdrücklich darauf hingewiesen haben, dass das Verschicken von Werbelinks per Direktnachricht untersagt ist. Die Kreativität kennt aber keine Grenzen, wenn für kostenlose Depots mitunter dreistellige Provisionen gezahlt werden, Girokonten und Kreditkarten mit noch mehr Geld winken und man sich am Ende moralisch immer noch mit Ächtung eines dreisteren Kollegen reinwaschen kann.

Als ich persönlich vor drei Jahren Teil dieser Branche wurde, dachte ich naiverweise noch, dass die bösen, provisionsgetriebenen Strukturvertriebe, wie sie allzu gerne dargestellt werden, der moralische Abgrund der Finanzbranche seien. Heute muss ich für mich festhalten, dass dieses Bild schon seit längerer Zeit tiefe Risse bekommen hat.

Ich habe mir damals als 22-jährige Frau selbst nach 350 gelesenen Sachbüchern noch nicht zugetraut, Finanztipps zu geben. Ich dachte, dafür sollte ich erst mein Studium abschließen und mehr als sechs Jahre Börsenerfahrung mitbringen, wie ich sie damals bereits gesammelt hatte. Aber mir wurde recht schnell klar, dass es im Social-Media gefühlt nicht interessiert, woher die Leute ihre vermeintliche Expertise nehmen.

Eine immer größere Scheinexpertise

Sogar Personen, die unter Pseudonymen oder hinter kryptischen Namen und animierten Profilbildern versteckt Finanztipps geben, wird – zumindest gefühlt – die gleiche Expertise zugesprochen. Es scheint, als müsse man nur „Finanz“, „Börse“ oder „Aktien“ im Profilnamen tragen oder in der Beschreibung platzieren und die Leute glauben, man hätte Ahnung vom Thema.

Selbst wenn die Leute etwas genauer hinschauen, geben sie sich mit bearbeiteten Kursverläufen, Screenshots von Depots und Konten oder Behauptungen zufrieden. Wenn unser fiktiver Account „08/15finanzexperte“ in seine Biografie bei Instagram schreibt: „Bernd (56), Privatier, ehemaliger Hedgefonds-Manager, >20 Jahre Börsenerfahrung, Depotvolumen 3 Millionen EUR, Dividenden 2022: 50k+“, dann wird das in der Regel nicht hinterfragt. Mit ausreichend Followern, Kommentaren und Likes ist die vermeintliche Expertise perfekt und unser fiktiver Finanzexperte Bernd kassiert bei seinen unerfahrenen Followern mit halbgaren Analysen und 5.000-Euro-Wochenendseminaren ab.

Was mich daran am meisten stört ist, dass Einsteiger das nicht erkennen können. Ihnen fehlt das Wissen, solche Leute zu entlarven. Sie fallen einfach auf sie rein, auch weil es keinerlei Regulierungen gibt und die Szene sich gegenseitig schützt oder es zumindest keine ethische Bereinigung gibt. Selbst die größten Betrüger dürfen am Ende noch Bücher in renommierten Verlagen publizieren, werden in Talk-Shows oder eben neuerdings Podcasts eingeladen, dürfen ihre Meinung bei den Schmierblättern der Branche zum Besten geben und bauen sich so weiter sukzessive eine immer größere Scheinexpertise auf.

Diese Gurus hat es schon immer gegeben und das ist verwerflich genug. Mittlerweile kann aber eben jeder 16-Jährige mit einem Handy und Internet von überall auf der Welt aus zum Guru werden. Ohne sein Gesicht zu zeigen, seinen Namen zu nennen, ohne Regulierungen, Wissensnachweise etc. Bei normalen Mode-Influencern entsteht am Ende Konsummüll, aber bei Finfluencern geht es um deutlich größere Summen, bis hin zu Existenzen. Dabei ist die Zielgruppe dieser Finfluencer in der Regel jung und unerfahren. Sie werden mit unterschiedlichen Geschichten genau dort abgeholt, wo sie sich mental befinden und dann wird abkassiert.

Autorin Celine Nadolny ist Finanzbloggerin (https://bookoffinance.de).

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