27. Juli 2017, 12:00
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

“Niemand sollte an das Märchen einer wirklich restriktiven Geldpolitik glauben”

In der Wirtschaftstheorie ist es ein fast religiöses Glaubensbekenntnis: Üppige Geldpolitik führt irgendwann über steigende Rohstoffnachfrage, Beschäftigung, Löhne und Konjunktur zu Inflation. Die Halver-Kolumne

Halver-Robert-Baader-Bank-BBO4957 in Niemand sollte an das Märchen einer wirklich restriktiven Geldpolitik glauben

Robert Halver, Baader Bank: “Die Geldmenge M3 als Spiegelbild der Konjunkturstärke ist schwach.”

Und wenn nicht jetzt, wann dann? Immerhin ersäufen uns die Notenbanken förmlich in Liquidität. Dagegen war die Sintflut ein Nieselregen. In Amerika zum Beispiel reicht das Notenbankgeld mühelos aus, um die gesamte US-Volkswirtschaft noch ungefähr viermal zu finanzieren. Wenn es aber dramatisch mehr Geld als dafür zu kaufende Waren und Dienstleistungen gibt, müssten wir dann nicht sogar unter Hyperinflation leiden?

Theoretisch kreist zwar der geldpolitische Berg, praktisch gebärt er jedoch nur eine Inflations-Maus. Man mag einwenden, dass die offizielle Preissteigerung gegenüber der tatsächlichen geschönt ist. Ja, der zu ihrer Berechnung verwendete Warenkorb orientiert sich zu wenig an der Lebensrealität der Verbraucher, an der Kaufhäufigkeit von Produkten und Dienstleistungen.

Wie kann es aber sein, dass es in allen OECD-Ländern nicht zu spürbarer Inflation kommt?

Trotzdem müsste selbst die offizielle Inflation deutlich höher liegen. Doch in den USA sind die Preisdaten seit Anfang des Jahres von über zwei wieder unter zwei Prozent gefallen. Und in der Eurozone muss man fast zum absurden Schluss kommen, dass Geldversorgung der EZB und Inflation nicht nur nicht gleichförmig, sondern gegengleich laufen. Und ist es nicht erstaunlich, dass die deutsche Inflationsrate während der Ägide der stabilitätsorientierten Deutschen Bundesbank im Durchschnitt bei 2,7 Prozent lag, während sie seit der Happy Hour der EZB ab Oktober 2008 mit dramatischen Zinssenkungen und Geldflutungen nur bei 1,1 Prozent liegt?

Zunächst verhindern ein in puncto Förderdisziplin ziemlich begrenzter Corpsgeist der Opec und die alternative Fördermethode Fracking rohstoffseitigen Preisdruck. Doch auch die Kerninflationsrate ohne Energiepreise kommt kaum vom Fleck. Lohnpreisgetriebene Inflation ist ebenso wenig vorhanden wie Badeseen in der Wüste.

Der Faktor Arbeit ist auf der Angebotsseite durch die Globalisierung und Mobilität heutzutage einer starken Konkurrenz ausgesetzt. Auch sind aus früher normalen Arbeitsverhältnissen vielfach quasi-Selbstständigkeiten und Teilzeitjobs geworden, die nicht mehr in den Genuss regelmäßiger tariflicher “Lohnerhöhungs-Automatismen” kommen.

Liquiditätsversorgung der EZB ein Ozean, tatsächliche Geldmenge nur ein Baggersee

Vor allem aber nutzt selbst die üppigste Notenbankpolitik nichts, wenn ihre Liquiditätsflut nicht in der Konjunkturwüste ankommt und sie somit auch nicht grün machen kann. Es gibt da eine Staumauer: Die Nachwehen des Immobiliencrashs und seiner Vermögensverluste – wir feiern bald 10-Jahresgedächtnis – spürt man in Europa immer noch.

Die Konsum- und Investitions-Seelen sind immer noch belastet. Und langweilig wie ich bin, muss ich wiederholen, dass die sture Reformverweigerung in den Euro-Ländern nicht für einen stimmungsseitigen Mauerfall sorgt. Die momentanen konjunkturellen Nachholeffekte sollten nicht mit nachhaltigem Wirtschaftswachstum verwechselt werden, das in einer globalen Welt ohne Standortverbesserungen und klares Bekenntnis zur Digitalisierung nicht erreichbar ist.

Und so erklärt sich, dass das Überangebot an Notenbankgeld der EZB nicht in Form von befriedigender Kreditnachfrage bei Banken – dann nämlich wird es erst richtiges Geld – in der Realwirtschaft ankommt. Die sogenannte Geldmenge M3 als Spiegelbild der Konjunkturstärke ist schwach.

Seite zwei: Und wo zu wenig Geldumlauf, da keine Inflation. Warum sollte Geldpolitik also restriktiv werden?

Weiter lesen: 1 2 3

1 Kommentar

  1. SIE VERGASSEN:
    DIE DURCH DAS BILLIGE GELD GESCHAFFENEN GLOBALEN ÜBERKAPAZITÄTEN DRÜCKEN AUF DIE PREISE UND WIRKEN STARK ANTIINFLATIONÄR
    H GIES

    Kommentar von GIES — 31. Juli 2017 @ 15:31

Ihre Meinung



 

Versicherungen

BVK fördert Unternehmertum von Maklern

Nach Ansicht des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) steigt der unternehmerische Anspruch an den Beruf des Versicherungsmaklers. Treiber dieser Entwicklung sind zunehmende regulatorische Anforderungen durch die EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD und umfangreiche technische und vertriebliche Innovationen durch die Digitalisierung des Versicherungsvertriebs.

mehr ...

Immobilien

Immobilienbranche steht vor einer Reihe von Herausforderungen in 2019

Die Hamburger Agentur für Finanz- und Unternehmenskommunikation Kirchhoff Consult AG hat die neue Ausgabe des „Kirchhoff Stimmungsindikator Immobilien-Aktien“ veröffentlicht. Die Untersuchung wurde zum vierten Mal durchgeführt. Dabei wurden Immobilienexperten nach den Entwicklungsperspektiven von deutschen Immobilienaktien sowie den Chancen und Herausforderungen im aktuellen Marktumfeld befragt.

mehr ...

Investmentfonds

In maximal 5 Jahren zur Milliardengrenze: Beckers gründet Vermögensverwaltung

Der Berliner Seriengründer Jan Beckers expandiert ins Geschäft mit Aktienfonds und startet einen Vermögensverwalter. Das berichtet das Wirtschaftsmagazin ‘Capital’ in seiner jüngsten Ausgabe. Beckers, der hinter den Start-up-Inkubatoren Hitfox, Finleap und Heartbeat Labs steht, hat dafür den Portfolioverwalter BIT Capital gegründet, der bereits zwei Fonds aufgelegt hat.

mehr ...

Berater

Banken: Mehr vorsorgen für möglichen Konjunktureinbruch

Banken in Deutschland sollen sich mit einem zusätzlichen milliardenschweren Finanzpolster für einen möglichen massiven Konjunktureinbruch wappnen. Das kündigte die Finanzaufsicht Bafin am Montag in Berlin an.

mehr ...

Sachwertanlagen

P&R: Insolvenzverwalter holt Immobilien vom Gründer zurück

Im Insolvenzverfahren über das Privatvermögen des Gründers des Container-Anbieters P&R wurde die erste Gläubigerversammlung abgehalten. Der Insolvenzverwalter konnte demnach Vermögenswerte sichern – wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

mehr ...

Recht

Mitarbeiter mit Rabatten motivieren

Viele Firmen gewähren Mitarbeitern Rabatte auf eigene Waren und Dienstleistungen oder Produkte von Dritten. Damit solche Vergünstigungen steuerfrei bleiben, sollten Unternehmen die Vorgaben genau beachten und mögliche Fallstricke kennen. Ein Beitrag von Jennifer Telle, Kanzlei WWS Wirtz, Walter, Schmitz in Mönchengladbach

mehr ...